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Littells „Wohlgesinnte“ in Amerika Genial, pervers, grandios gescheitert

Auch in den Vereinigten Staaten sorgen Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ für erregte Debatten. Auf einen Totalverriss in der „New York Times“ folgte die Eloge in der bekannten Online-Zeitung „The Daily Beast“. Und das war erst der Auftakt des Meinungsstreits im Geburtsland des Autors.

© Matthias Lüdecke Vergrößern Die Debatte über seine „Wohlgesinnten” wird jetzt auf Englisch geführt: Jonathan Littell

Die Debatte verspricht nicht nur lebhaft, sondern grimmig und wütend zu werden. Jonathan Littells Buch „Die Wohlgesinnten“, soeben in Amerika in der Übersetzung von Charlotte Mandell unter dem Titel „The Kindly Ones“ erschienen, erhitzt die literarischen Gemüter bis zum Siedepunkt. Obgleich erst wenige Kritiken vorliegen, scheint die Meinungskluft unüberbrückbar. Ein vernichtendes Urteil fällt Michiko Kakutani, Literaturchefin der „New York Times“.

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Auf den 983 Seiten kann sie nicht mal ein Komma finden, mit dem sie einverstanden wäre. Hart ins Gericht geht sie auch mit den „überschäumenden Fans des Romans“, die Perversität als Wagemut, Anmaßung für Ambition und einen abstoßenden Stunt als widerborstige Geschicklichkeit missverstanden hätten. Mit seiner mutwilligen Sensationsmache und gezielten Widerwärtigkeit sei das Buch wie ein aus allen Nähten platzender Koffer. Es lese sich, als hätte ein schlechter Imitator von Genet und de Sade die Memoiren von Rudolf Höß, dem Lagerkommandanten von Auschwitz, umgeschrieben.

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Der Wahnsinn des Protagonisten Max Aue verwandle dessen Geschichte in ein voyeuristisches Spektakel, als schaue man sich einen Slasher-Film an, mit Nahaufnahmen von Blut und Eingeweiden. Selbst Frankreich, wo der Roman mit zwei der bedeutendsten Literaturpreise bedacht wurde, ist vor Kakutanis Zorn nicht sicher. Die Ehrungen führt sie auf die „gelegentliche Perversität des französischen Geschmacks“ zurück, darüber hinaus aber auch auf den „drastischen Wandel literarischer Einstellungen gegenüber dem Holocaust im Laufe der letzten Jahrzehnte“. Während ein Adorno und George Steiner noch vor den Gefahren warnten, den Holocaust in Kunst zu verarbeiten, sei nun der Punkt erreicht, an dem das Porträt eines geistesgestörten Nazis, der vor dem Leser im theatralischen Detail die Greuel der Lager ausbreite, von „Le Monde“ als atemberaubender Triumph gefeiert werden könne.

kindly © Verlag Vergrößern

Auf Kakutanis Totalverriss antwortet Michael Korda nicht weniger prägnant in der Online-Zeitung „The Daily Beast“. Sein Urteil hätte nicht gegensätzlicher ausfallen können. Korda, über Jahrzehnte Chef des Verlagshauses Simon & Schuster und eine der einflussreichsten Figuren des amerikanischen Literaturbetriebs, kann gar nicht genug Superlative finden, um den Roman zu preisen. Littell habe versucht, in der größten der großen Ligen zu spielen, nicht nur in Amerika, sondern in der Welt. Ihm sei es sowohl um den „großen amerikanischen Roman“ als auch um „den großen europäischen Roman“ gegangen, um „the ‚Moby-Dick of Nazi Germany‘“ und „the ‚Crime and Punishment‘ of the Holocaust“.

„Ich warte lieber auf den Film“

Für Korda gibt es keinen Zweifel, dass Littell sein hochgestecktes Ziel erreicht hat. Im Gegensatz zu einem Steven Spielberg wolle er uns keine falschen Hoffnungen machen. Die Leser von „The Kindly Ones“, sagt Korda voraus, würden bestürzt, verwirrt, abgestoßen sein und sich tief herausgefordert fühlen. Littell sei als Historiker und Romancier ein Genie, und er wisse fast alles, was man über Nazideutschland wissen könne. Jedes Detail stimme, kurzum, der Roman sei „die wahre Sache“: „Wenn Sie etwas über die Hölle lesen wollen, hier können Sie’s tun.“ Das Buch sei ein furchterregendes, überwältigendes, brillant recherchiertes und imaginiertes Meisterwerk, eine literarische Leistung, die den Leser in Schrecken versetze, und womöglich der erste Roman über den Holocaust, der uns mitten in das Grauen hineinbefördere und dort festhalte.

Zwischen den Extremurteilen von Kakutani und Korda ist viel Platz – zum Beispiel für den in Harvard lehrenden Literaturwissenschaftler Leland de la Durantaye, der ein „Gedankenexperiment der besonderen Art“ zu gewahren meint und in „Bookforum“ schreibt: „In ,The Kindly Ones‘ geht es in der Tat um Grausamkeit und das Böse, so wie wir es aus einer mittelalterlichen Moralität kennen, aber es geht auch um das historisch Böse.“ Abscheulich, überlang und alles andere als klar findet den Roman Donald Morrison in der „Financial Times“, lobt ihn indes auch als gelehrt, schonungslos und hypnotisierend: „Ein Buch, das versucht, die großen Fragen zu fragen. Und dabei großartig scheitert.“

Im literarischen Internetsalon und Sammelforum „Complete Review“, wo Rezensionen sich nach Lust und Laune, aber nicht nur vorteilhaft ausdehnen, heißt es schließlich: „,The Kindly Ones‘ ist ein schlechtes Buch.“ Aue sei bloß ein Freak. Wenn der Roman auch lesbar sei, gebe es doch kaum einen guten Grund, ihn zu lesen. Warum er so viel Aufmerksam erregt habe, sei einfach nicht nachzuvollziehen. Er warte mit vielen, sehr vielen Fakten auf, jedoch nur mit wenig aufschlussreicher Wahrheit: „Dies ist eine armselige Erklärung des Bösen, wie es sich bei den Nazis (und bei den Menschen) manifestiert, und zudem ein armseliges fiktionales Werk.“ Kein Grund, 29,99 Dollar auszugeben. Oder wie es in einem Leserkommentar zu Kordas Eloge hieß: „Ich warte lieber auf den Film.“

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 27.02.2009, 15:20 Uhr