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Veröffentlicht: 30.11.2015, 15:01 Uhr

Swetlana Alexijewitsch Die Russen ertragen keine Freiheit

Sie bewundert die Energie der Ukrainer und die Weisheit Angela Merkels, ist aber auch froh, dass die Weißrussen von ihren Oligarchen nicht so schamlos ausgeplündert werden. Ein Gespräch mit der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch.

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© dpa Wäre als Kleinkind fast verhungert: Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch lebt in einer engen Wohnung im achten Stockwerk eines riesigen Apartmenthauses im Zentrum der weißrussischen Hauptstadt. Aus dem Fenster hat man einen schönen Blick auf den zum See aufgestauten Swislatsch-Fluss. Es fällt Schneeregen. Die Autorin trägt einen dunkelbraunen Strickanzug und hat sich eine rustikal gemusterte grüne Wolljacke übergeworfen. Sie sagt, sie sei erkältet, bietet der Besucherin Hausschuhe an und bewirtet sie in der Küche mit Kaffee und Gebäck.

Kerstin Holm Folgen:

Wie lebt es sich als Literaturnobelpreisträgerin, Swetlana Alexandrowna?

In Russland gelte ich jetzt als fünfte Kolonne. Die „Literaturnaja gaseta“ (Literaturzeitung) nennt mich „Bandera-Anhängerin“, weil ich den ukrainischen Reformkurs unterstütze. Unser Präsident Alexander Lukaschenka gratulierte mir, allerdings vor der Präsidentenwahl. Nachdem er wiedergewählt worden war, erklärte er, ich bewürfe das Land mit Schmutz. Aus Russland kam nur ein Glückwunschschreiben vom Duma-Vorsitzenden Sergej Naryschkin. Von Putin nichts. Zum Nobelpreis hat Russland ein ungesundes Verhältnis, das war schon bei Iwan Bunin so und bei Joseph Brodsky.

Aber auch die russische Journalistin Julia Latynina, eine furiose Putin-Kritikerin, fand, die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees für Sie zeuge von einem dezidiert „europäischen“ Geschmack. Und zwar weil in Ihren Büchern Kriegs- und technische Katastrophenerfahrungen stets aus der Perspektive des ganz kleinen Menschen geschildert werden. Nie kommt die Logik, die Folgerichtigkeit der Gewaltereignisse in den Blick. Diese Logik zu verstehen oder bloß nach ihr zu fragen sei, behauptet Latynina, für heutige Europäer geradezu unmoralisch.

Die russische Literatur hat immer dem kleinen Menschen eine Stimme verliehen. Wir sind alle aus Gogols „Mantel“ hervorgekommen. Russland ist einfach zu groß, daher bringt es regelmäßig Super-Ideen hervor, die den Menschen zum Objekt machen, ihn sich unterwerfen, Individuen zum kollektiven Körper verbacken. Ich nehme diesen kollektiven Körper auseinander und untersuche seine Einzelteile.

© dpa, afp Nobelpreis: Alexijewitsch attackiert Lukaschenko

Als ich im Minsker Stadtzentrum spazieren ging, kam ich mit zwei Frauen ins Gespräch, die fanden, Ihre Bücher seien zu „schwarzmalerisch“, Literatur müsse vor allem Licht ins Leben bringen.

(Lacht) Viele sind der Meinung, Literatur solle schmücken. Wenn Literatur Wunden aufzeigt, liegt darin auch ein Appell, zu handeln, etwas zu ändern. Das ist unbequem. Ich habe einmal gegenüber einer Zeitung gesagt, wir brauchten Reformen. Da sagte Lukaschenka einer anderen Zeitung, Reformen seien völlig überflüssig.

Die beiden Bürgerinnen, Medizinerinnen, also nicht völlig ungebildet, gaben sich ausgesprochen regimetreu und stolz, dass man in Minsk als Frau nachts ohne Bedenken allein herumlaufen könne.

Wirklich, die Demokratie hat hier - wie auch in Russland - keine Mehrheit. Man muss aber einräumen, dass Lukaschenka den Vertrag mit dem Volk einigermaßen einhält. Er unterstützt die Kolchosen, die staatlichen Agrarbetriebe, obwohl ihm das nicht leichtfällt. Es gibt bei uns Korruption und Vetternwirtschaft. Das Volk wird in Weißrussland jedoch nicht so unverschämt ausgeplündert wie in Russland, aber auch in der Ukraine, wo die Felder verwildern und die Landwirtschaft am Boden liegt.

In Russland sind Wurstwaren, Milchprodukte, Biersorten aus Belorussland Kult!

Tatsächlich sind unsere Lebensmittel - im Gegensatz zu den russischen mit ihren Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern - ausgezeichnet und naturbelassen, das wird vom Staat kontrolliert. Der Präsident hilft mit seinem Sohn Kolja, zu dem er ein freundschaftliches Verhältnis hat, demonstrativ beim Ernten der „Bulba“, wie die Kartoffel auf Weißrussisch heißt.

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