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Literaturnobelpreisträger : Günter Grass im Alter von 87 Jahren gestorben

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Nie ohne Pfeife: Günter Grass im Jahr 2005 irgendwo auf der Strecke zwischen Fulda und Dresden. Bild: Daniel Pilar

Günter Grass, einer unserer großen Erzähler und Widersprecher, ist tot. Der Literaturnobelpreisträger starb an diesem Montag im Alter von 87 Jahren in Lübeck.

          Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist am Montag im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben. Das teilte der Steidl Verlag in Göttingen mit. Grass zählte zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Bereits sein 1959 erschienener erster Roman „Die Blechtrommel“ wurde ein Welterfolg. 40 Jahre später erhielt der gebürtige Danziger für sein Gesamtwerk den Nobelpreis.

          1956 debütierte Grass als Lyriker, ein Jahr später als Dramatiker. Seither schuf er ein höchst umfangreiches, in Formen und Themen vielfältiges literarisches Werk, das Romane, Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke und Essays umfasst. Grass arbeitete auch als Bildhauer und Grafiker. Die Gestaltung seiner Bücher übernahm er selbst, alle Umschläge hat er selbst entworfen.

          Den Aufstand proben

          Nach dem breit angelegten Entwicklungsroman „Die Blechtrommel“ fanden auch die beiden weiteren Bücher der „Danziger Trilogie“, die Novelle „Katz und Maus“ (1961) und der Roman „Hundejahre“ (1963) mit ihrer exzessiven und provokativen Sprache eine ebenso breite wie kritische Resonanz. Sie begründeten den Ruf des Autors als leidenschaftlichen politischen Moralisten.

          Mit seinem für einen deutschen Schriftsteller ungewohnten politischen Engagement vor allem in den sechziger Jahren wurde Grass eine gewichtige Figur im öffentlichen Leben der Bundesrepublik. In den Jahren 1965, 1969 und 1972 ging er für die SPD auf Wahlkampftournee. Viele seiner Werke aus dieser Zeit, so das deutsche Trauerspiel „Die Plebejer proben den Aufstand“ (uraufgeführt 1966 in Berlin), das Zeitstück „Davor“ (uraufgeführt 1969), der Roman „Örtlich betäubt“ (1969) und die Erzählung „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ (1972), behandeln die Frage der Verantwortung der Intellektuellen. Seinen internationalen Ruhm unterstrich er mit dem 1977 erschienenen Roman „Der Butt“. 1980 folgte das Buch „Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus“, das Kritiker kontrovers diskutierten.

          Gegen die „Ruck-Zuck-Einheit“

          1986 legte er mit dem großen, auch sein Engagement in der Umwelt- und Friedensbewegung widerspiegelnden Prosawerk „Die Rättin“ ein apokalyptisches Feature über den Selbstmord der Menschheit vor.

          Als 1990 die deutsche Wiedervereinigung die Tagespolitik bestimmte, übernahm Grass aufs Neue die Rolle des politischen Mahners. Er sprach vom „Schnäppchen namens DDR“, wandte sich gegen eine „Ruck-zuck-Einheit über den bloßen Anschlussartikel 23 des Grundgesetzes“ und warb stattdessen in seiner Schrift „Deutscher Lastenausgleich. Wider das dumpfe Einheitsgebot“ (1990) für eine allmählich zusammenwachsende föderalistische deutsche Kulturnation. Mit seiner 1992 erschienenen Erzählung „Unkenrufe“ setzte Grass das mit der „Blechtrommel“ begonnene Bemühen um die schwierige Versöhnung der Deutschen mit sich und den östlichen Nachbarn fort. 1992 trat Grass aus Protest gegen die Asylpolitik der Sozialdemokraten aus der SPD aus, er blieb der Partei allerdings auch in den folgenden Jahren verbunden und trat in Bundestagswahlkämpfen für sie ein.

          Das vergessene Gesicht der Geschichte

          Heftige Debatten löste Grass mit seinem 1995 erschienenen Roman „Ein weites Feld“ aus, der in der DDR zwischen dem Mauerbau und der Wiedervereinigung spielt und aus den weit zurückreichenden Erinnerungen der Hauptfiguren ein Panorama deutscher Geschichte zwischen der Märzrevolution von 1848 und der Gegenwart entwirft. Im August druckte „Der Spiegel“ einen gründlichen Verriss Marcel Reich-Ranickis und setzte auf das Titelbild eine Fotomontage, die den Literaturkritiker zeigte, der das Buch zerreißt.

          1999 stellte Grass sein bereits im Voraus hochgelobtes Werk „Mein Jahrhundert“ mit Aquarellen des Autors im Großformat vor, in dem er ein teils autobiographisches, teils fiktives Panorama von Höhe- und Tiefpunkten des 20. Jahrhunderts entwarf. Im selben Jahr zeichnete die Schwedische Akademie der Wissenschaften den Schriftsteller mit dem Literaturnobelpreis aus, der damit 27 Jahre nach Heinrich Böll wieder an einen deutschen Autor für sein Lebenswerk ging. Die Schwedische Akademie begründete ihre Entscheidung auch mit dem Hinweis, Grass habe „in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet“.

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