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Derek Walcott ist gestorben : Entweder ein Niemand oder eine Nation

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Alles andere als schwarz-weiß: Derek Walcott, geboren am 23. Januar 1930 in Castries, St. Lucia, gestorben am 17. März 2017 in Gros Islet Bild: AP

Er erschloss für die Weltliteratur eine abgelegene und unbeschriebene Erfahrungswelt. 1992 erhielt er den Nobelpreis. Im Alter von 87 Jahren ist der Dichter Derek Walcott auf St. Lucia gestorben.

          „Entweder ich bin ein Niemand oder eine Nation“, schrieb er in seinem Gedicht „The Schooner Flight“, schließlich steckten in ihm „Holländer, Nigger und Engländer“. Für Joseph Brodsky, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1987, war er schlicht der „beste englischsprachige Dichter der heutigen Zeit“. Fünf Jahre später wurde dem Nachfahren von Sklaven und Sklavenhaltern von der Antilleninsel St. Lucia selbst diese Ehrung zuteil. An diesem Freitag ist Derek Walcott im Kreis seiner Familie in Cap Estate auf St. Lucia gestorben, einer der Inseln unter dem Wind in den Kleinen Antillen.

          Hier vermischen sich Afrikanisches, Asiatisches, Europäisches und Amerikanisches, auf den Straßen wird Französich-Kreolisch und in den Schulen Englisch gesprochen. Die Erfahrungen seiner Kindheits- und Jugendjahre auf dieser einst von Christoph Kolumbus entdeckten Vulkaninsel, einer Kolonie, die vierzehn Mal von britischer in französische Hand und wieder zurück wechselte, haben Walcotts Leben und späteres Werk als Schriftsteller geprägt. Derek Walcott wurde am 23. Januar 1930 in der Stadt Castries geboren. Sein Vater, ein Aquarellmaler und Bohemien, starb, als Walcott und sein Zwillingsbruder Roderick gerade ein Jahr alt waren. Die Mutter leitete die Methodistenschule der Stadt.

          Nach dem Studium an der University of Wisconsin und der University of the West Indies auf Jamaika arbeitete Walcott zunächst als Lehrer. 1953 zog er nach Trinidad, wo er auch als Theater- und Kunstkritiker tätig wurde. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Roderick und weiteren Freunden widmete er sich zunächst der Malerei. Daneben betätigte er sich als Dichter und Autor von Theaterstücken. Bereits im Alter von 18 Jahren hatte er, auf Anregung seiner Mutter hin, seinen ersten Gedichtband herausgebracht, der allerdings damals nur geringes oder ablehnendes Echo fand. 1959 gründete er ein eigenes Theater, den Trinidad Theatre Workshop, der viele seiner ersten Stücke aufführte.

          Keine Geschichte, nur Zukunft; keine Literatur, nur Leben

          Den Durchbruch als Lyriker erzielte er mit der Gedichtsammlung „In a Green Night“, die 1962 erschien. Inspiriert von den großen abendländischen Dichtern und Dramatikern, von Reggae-Idol Bob Marley und den Beatles, schilderte Walcott in seinen Werken die eigene Heimat, wobei ihm seine karibische Herkunft, die englische Sprache und der afrikanische Ursprung gleichermaßen Quelle der Inspiration und Formgebung waren. Die Karibik als Schmelztiegel verschiedener Traditionen und Kulturen und der Postkolonialismus gehören zu seinen wichtigsten Themen. Neben der englischen Hochsprache verwendet er auch Dialekt-Elemente, französische und spanische Wendungen. Eines seiner lyrischen Hauptwerke, das große Gedicht „Another Life“ (1973), hat er seiner Entwicklung und seinem Bildungsgang in dieser Umgebung gewidmet.

          In Walcotts großem Versepos mit dem Titel „Omeros“ (1990), einem mächtigen karibischen Gesang in 64 Kapiteln und gut siebentausend Versen, sind Anklänge an Homer, Poe, Majakowskij, Melville und Brodsky zu finden. Joseph Brodsky, in den Vereinigten Staaten lebender Exilrusse und Literaturnobelpreisträger des Jahres 1987, bezeichnete Walcott als „besten englischsprachigen Dichter der heutigen Zeit“. Fragmente einer „Odyssee aus Guinea“ waren schon in einem frühen Gedicht Walcotts aus dem Jahr 1964 erschienen. 1995 erschien „Omeros“ auch in deutscher Sprache.

          Immer wieder fände sich in Walcotts Lyrik ein „europäischer Ton“, fand Frank Schirrmacher, damals Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, im Oktober 1992, als dem Autor der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, „aber er wird von dem immer wieder aufspringenden Bewusstsein gebrochen, als westindischer Autor keine Geschichte, also nur Zukunft, keine Literatur, also nur Leben zu haben. Aus diesem ständigen Kampf erwächst das Gefühl, ein Ausgeschlossener, ein ganz Einzelner zu sein.“

          Im Schreiben an die Welt verloren

          In seiner Würdigung nannte das Nobelpreis-Komitee Walcotts Stil „wohlklingend und sensibel. Er scheint in hohem Maße einer reichen Eingebung zu entspringen. Durch sein literarisches Schaffen ist Walcott in seinem kulturellen Milieu richtunggebend geworden, aber er spricht durch seine Werke zu jedem von uns“. Ausgezeichnet wurde er „für eine Dichtung von großer Leuchtkraft, getragen von einer historischen Vision, die aus einer multikulturellen Verpflichtung emporgewachsen ist“, hieß es vom Nobelpreis-Komitee.

          Walcotts Heimat, schrieb der Literaturkritiker Tobias Döring im Januar 2010 zum achtzigsten Geburtstag des Dichters in der F.A.Z., stehe „sowohl für die Augentäuschungen der Europäer, wenn sie in der Neuen Welt nur Spiegelungen einer alten sehen wollten, wie für die große Tradition der blinden Sänger wie Homer, wenn sie die Wirklichkeit des Sichtbaren aus Sprechakten erschaffen. Für Derek Walcott aber, den großen Sohn der Insel, der sich im Schreiben an die Welt verlor und dennoch die Verbindung mit dem Ort der Herkunft schreibend neu erkundet, ist St. Lucia zuallererst ein Ort des anderen Lichts, das ebenfalls im Namen dieser Schutzpatronin angesprochen ist. In ihrem Licht nämlich, so zeigt sein Werk, erscheint vormals Vertrautes anders und lässt auch uns die große Tradition des Überlieferten ganz unerwartet anders sehen.“

          „Die Kulturgemeinde, St. Lucia und die Welt haben eine literarische Ikone verloren“, hieß es in dem Nachruf der Stiftung für kulturelle Entwicklung des Karibikstaats St. Lucia. „Unsere Nation ist zweifellos stolz und geehrt, ihn einen wahren Sohn von St. Lucia nennen zu dürfen.“

          Quelle: kue/FAZ.NET

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