Seit langem ist von dem berühmtesten aller Literaturpreise nicht mehr eine solche Strahlkraft ausgegangen. Wenn Herta Müller am Donnerstag, zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Sturz Ceausescus, in Stockholm den Literaturnobelpreis entgegennimmt, so ehrt die Schwedische Akademie damit nicht nur eine Autorin, die mittels der „Verdichtung der Poesie und der Freimütigkeit der Prosa die Landschaft der Heimatlosigkeit“ beschwört, sondern sie hat mit dieser Wahl auch den Willen des Preisstifters beherzigt. Alfred Nobel zufolge soll jedes Jahr der Schriftsteller ausgezeichnet werden, dessen Werk „der Menschheit den größten Nutzen“ gebracht hat.
In ihrer erzählerischen Vergegenwärtigung der Diktatur geht Herta Müllers Literatur über das rein Ästhetische hinaus und stemmt sich gegen das historische Vergessen. Die Leser, die ihre Bücher nun weltweit neu finden, werden nicht nur das totalitäre Ceausescu-Regime, sondern jeden Überwachungsstaat mit anderen Augen sehen.
„Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis“ hat Herta Müller die Rede überschrieben, die sie jetzt zum Auftakt der Nobelpreiswoche hielt. In ihrer berührenden Ansprache kam das Wesen ihrer Poetik zum Ausdruck. Um den Teufelskreis aus Unterdrückung und Angst, jenes von der Diktatur erzeugte Urmisstrauen, zu durchbrechen, so die Autorin, habe ihre Sprache ein geradezu pantomimisches Eigenleben entwickelt. Mit ihrem Vokabular setzt Herta Müller die unheilbar kaputte Welt neu zusammen. Ihre neu erfundene Wirklichkeit setzt dem allgegenwärtigen Verrat eine poetische Wahrheit entgegen. So bringen die Wörter „dem Gelebten Hals über Kopf eine Art verwunschene Logik bei“.
Stolze Widerstandshaltung
Das Bedürfnis nach einer schöpferischen Verarbeitung ihrer Erlebnisse steht im Zentrum von Herta Müllers Werk. Seit ihrem Debüt, den noch aus Rumänien herausgeschmuggelten „Niederungen“, ist sie eine radikale Autorin, die der Primitivität der Diktatur und der Enge der Provinz starke Bilder abringt. Ihre Bücher bezeugen eine stolze Widerstandshaltung, die im Überwachungsstaat Rumänien bisweilen wie Lebensmüdigkeit gewirkt haben muss.
Wie sehr die eigenwillige Schönheit dieser Literatur - denn schön ist sie, und zwar nicht im herkömmlichen, gefälligen Sinn, sondern gerade in der Verweigerung jeglicher Anbiederung - die Persönlichkeit ihrer Verfasserin spiegelt, ließ die Stockholmer Rede erneut erleben. Wie alle große Kunst ist auch die Herta Müllers charakterbildend. Wohl gerade darum ist sie jenen, deren Charakterlosigkeit sie unermüdlich entlarvt, den einstigen Schergen des Regimes, den Mitläufern und Kopfeinziehern, bis heute verhasst.
Erst vor wenigen Wochen räumte eine rumänische Tageszeitung dem ehemaligen stellvertretenden Securitate-Chef von Temeswar Platz ein, um Herta Müller als Hysterikerin zu beschimpfen - und sich unter anderem damit zu brüsten, er selbst habe seinerzeit das versteckte Mikrofon in ihrer Wohnung installiert. Wenn es noch eines Belegs bedurfte, dass sich die alten Stimmen in Rumänien nach wie vor Gehör verschaffen können, so findet er sich in solch einem widerlichen Angriff eines bekennenden Handlangers des früheren Regimes.
Eine Geste der Menschlichkeit
Allen Lügen und Verleumdungen, die die Diktatur überdauert haben, hält Herta Müller ihre Überzeugung entgegen: Literatur ist eine Form der Fürsorge, eine Geste der Menschlichkeit in einer Gesellschaft, die auf Brutalität geeicht ist. Diese Literatur schreckt vor eigener Härte nicht zurück. Als man die Autorin zur Kollaboration zu nötigen versucht, gibt sie zur Antwort: „N-am caracterul, ich hab nicht diesen Charakter.“ Das Wort Charakter „machte den Geheimdienstmann hysterisch“: Seine Einschüchterungsversuche weichen offenen Todesdrohungen, von nun an wird sie systematisch schikaniert.
Trost erwächst ihr in dieser Verlorenheit aus einem unscheinbaren Gegenstand: einem Taschentuch, wie es die Mutter einst dem Kind jeden Morgen mit auf den Weg gab, gebügeltes und gefaltetes Symbol für eine Geborgenheit, die sich nicht in Worten und Umarmungen auszudrücken vermochte. Als man ihr in der Fabrik, wo sie Übersetzerin ist, den Schreibtisch wegnimmt und sie so dazu zwingt, draußen vor der Tür auf der Treppe zu arbeiten, gibt ihr das weiße Quadrat des Taschentuchs, auf das sie sich setzt, in dieser demütigenden Situation die Würde zurück. Auch Herta Müllers Freund, der Dichter Oskar Pastior, hatte als junger Mann während seiner „Hautundknochenzeit“ in einem sowjetischen Arbeitslager ein Taschentuch-Erlebnis. Eine Russin gab dem Hungernden einen Teller heiße Suppe zu essen und reichte ihm, als seine Nase tropfte, ein Taschentuch. Pastior hob das Stück Stoff „aus Hoffnung und Angst“ ein Leben lang auf.
„Ich wünsche mir, ich könnte einen Satz sagen, für alle, denen man in Diktaturen aller Tage, bis heute, die Würde nimmt. Und sei es die Frage: Habt ihr ein Taschentuch?“ Mit ihrem Werk hat Herta Müller die Fürsorge und die Zärtlichkeit, die in dieser Frage stecken, nicht nur den Unterdrückten, Verschleppten und Verlassenen, sondern all ihren Lesern mitgegeben.