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Literatur Alleine ist man weniger zusammen

 ·  Anna Gavalda ist eine Außenseiterin im französischen Literaturbetrieb. Sie bleibt am liebsten zu Hause und schreibt ihre Romane, die alle Bestseller sind. Auf Deutsch erscheint jetzt „Alles Glück kommt nie“. Ein Besuch in Paris.

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Als Anna Gavalda vor zehn Jahren, da war sie achtundzwanzig, ihr erstes Buch geschrieben hatte und zu Hause in Paris einen Verlag suchte, erhielt sie vor allem Absagen. Nur ein kleines, eher unbekanntes Verlagshaus, „Le Dilettante“, war interessiert. „Und das passte damals, wie ich fand, sehr gut“, sagt sie heute, „ich war ja nichts anderes als eine Dilettantin.“

Drei Millionen verkaufte Gavalda-Bücher später ist „Le Dilettante“ längst in eine der teuren kleinen Straßen nach Saint-Germain-des-Prés umgezogen, in die Rue Racine, ganz in der Nähe des Odéon-Theaters, wo der Verlag auch eine kleine Buchhandlung unterhält. „Grâce à moi“, sagt Anna Gavalda mit hoheitsvollem Charme, der eher an den einer Engländerin als an den einer Französin erinnert, „dank meines Erfolgs war das kein Problem. Mein Verleger und ich machen regelmäßig Witze darüber, dass sie in der Buchhandlung eigentlich eine Anna-Gavalda-Verehrungsbüste aufstellen müssten, wenigstens hinten in einer stillen Ecke. Die Brüste der Büste dürften dann auch gerne etwas größer sein als meine, aber das ließe sich ja leicht realisieren.“

„Ich mag Schriftsteller nicht so sehr“

Anna Gavalda ist ihrem Verlag treu geblieben - trotz der vielen Abwerbungsversuche anderer großer Verlagshäuser. Die literarische Szene in Paris meidet sie, Buchmessen verabscheut sie, Schriftstellerfreunde hat sie eher keine: „Ich mag Schriftsteller nicht so sehr, Musiker mag ich lieber, Comiczeichner sind mir auch sympathisch - aber Schriftsteller? Meistens mögen sie mich umgekehrt auch nicht besonders, was wahrscheinlich eine Folge meines Erfolgs ist. Ich gehe auch grundsätzlich wenig aus, bin am liebsten bei mir zu Hause, eher ein fauler Mensch. Meine Kinder, meine Arbeit, meine Freunde, das reicht mir. Und zu mir nach Hause können dann auch immer gerne alle kommen.“

„Alles Glück kommt nie“ heißt ihr neuer Roman, der in der deutschen Übersetzung gerade bei Hanser erschienen ist. „La Consolante“ heißt er auf Französisch - und genau da liegt das Anna-Gavalda-Problem in Deutschland: Ihre Buchtitel kommen, übersetzt, immer eine Spur zu seicht daher. Warum? Doch nicht, weil Frauen nicht nur viele, sondern angeblich auch gerne leichte Bücher kaufen? Zum Hanser-Verlag passt das eigentlich nicht. „La Consolante“ bedeutet, wörtlich übertragen, „Die Tröstende“. Klingt das so schlecht? Gavaldas Roman „Ensemble, c'est tout“, den man lakonisch „Hauptsache zusammen“ hätte nennen können, heißt „Zusammen ist man weniger allein“. Und aus dem doppeldeutigen Titel „Je l'aimais“, der eine Liebeserklärung sowohl an einen Mann wie auch die an eine Frau meinen könnte, eine Ambiguität, mit der der ganz in Dialogen gehaltene, beinahe theatral angelegte Roman durchaus spielt, machte man kurzerhand: „Ich habe sie geliebt“.

Die Zeit der „Fräuleinwunder“

Die Autorin selbst stört das nicht. Sie könne sich darum nicht auch noch kümmern, sagt sie. Die deutsche Kritik allerdings reagierte, als ihre ersten Romane erschienen, gespalten, was mit einem gewissen Seichtigkeitsverdacht durchaus zu tun hatte: Die einen waren begeistert und verglichen sie mit Françoise Sagan, andere - es war gerade die Judith-Hermann-Zeit, also die Zeit der literarischen „Fräuleinwunder“ - lobten Mademoiselle mit herablassender Bewunderung, wieder andere fanden ihre Romane einfach nur banal, womit sie jedoch weniger die Autorin geißelten als die euphorisierten Kollegen. Die Literaturkritik ist ja manchmal ein ziemlich selbstbezüglicher Club.

Vielleicht muss man Anna Gavalda das erste Mal auf Französisch gelesen haben, um zu begreifen, worin genau ihre Kunst liegt. Denn ihre Kunst, das ist der Ton. Es ist die Lakonie, mit der sie von den Abgründen des Lebens erzählt, eine Nüchternheit, die man mit einer angeblich typisch französischen „Leichtigkeit“ verwechselt hat. Doch trifft es „Leichtigkeit“ eben nicht. Wer ein bisschen Französisch kann, weiß, wie schnell hier alles pathetisch und mit existenzphilosophischer Anmutung daherkommen kann. Anna Gavalda läuft sprachlich nicht in die Falle trivialer Existenzphilosophie. Sie kriegt gewissermaßen die komische Kurve, was vor allem an den abgelauschten Dialogen, an viel wörtlicher Rede liegt und an Protagonisten, die, obwohl sie wissen, dass ihr Leben ein Drama ist, zumindest sprachlich keins daraus machen. Im Grunde muss man sich ihre Bücher wie das Gegenteil eines Chansons von Benjamin Biolay vorstellen: Während Biolay in dunkelschöner Melancholie „Mais mort ou vif, je reste négatif“ sang, „tot oder lebendig: ich bleibe negativ“, schrieb Anna Gavalda Bücher, die, tot oder lebendig und trotz allem, am Positiven festhielten. Ihre Grunddisposition mag so verschieden gar nicht sein. Gavalda zog einfach nur den anderen Schluss daraus.

Sofort Geschichten vor Augen

„Haben Sie eben die alte Dame mit den zwei Schokocroissants gesehen?“ Wir haben die „Le Dilettante“-Buchhandlung inzwischen verlassen und sind in eine Brasserie nebenan gegangen, wo wir, bevor wir uns an einen Tisch in der Ecke setzen konnten, einer sehr alten Frau Platz machten, die sich mit zeitlupenhaften Bewegungen erhob, zwei Schokocroissants einpackte, umständlich ihren Mantel anzog und kurz schräg hochguckte, bevor sie sich vom Kellner verabschiedete, der sie offenbar gut kannte. „Wenn ich solche kleinen Szenen sehe, habe ich sofort Geschichten vor Augen. Für wen sind die Croissants? Zu wem geht sie jetzt?“

In ihrem neuen Roman erzählt sie aus der Perspektive eines Mannes, eines 46-jährigen Architekten, der, arbeitswütig und in permanentem Schlafdefizit, zwischen Moskau, New York und Paris hin und her fliegt, darüber seine Lebensgefährtin und die Tochter vergisst, bis, bei einer Familienfeier, die Todesanzeige der Mutter eines geliebt-gehassten Kindheitsfreundes auf dem Tisch liegt und drei Worte, „Anouk ist tot“, ihn so sehr aus der Bahn bringen, dass sie ihn einen völlig anderen Weg, einen Weg zurück nach vorn, einschlagen lassen. „Nein, aus der Perspektive einer männlichen Figur zu erzählen ist für mich nicht viel anders als die Erzählung aus der Perspektive einer weiblichen Heldin. Hineinfühlen muss man sich immer, und ich glaube nicht daran, dass die Wahrnehmung der Welt von geschlechtsspezifischen Unterschieden dominiert wird, oder besser: darum geht es mir nicht, darüber muss ich mich hinwegsetzen. Mir geht es um den Versuch, glaubhaft die unterschiedlichsten Perspektiven einzunehmen.“

Die Krisenmomente des Lebens

Es sind die neuralgischen Punkte, die Krisenmomente des Lebens, von denen Anna Gavaldas Romane handeln, die Möglichkeit einer Kehrtwende, die sie sich, anstatt eines „U-Turns“, lieber als ein Y-Turn“, als eine Weggabelung vorstellt. „Dass sich mit einem Schlag alles ändern kann, dass es immer diese Möglichkeit gibt, wenn man sie nur wahrnehmen will oder sie wahrnehmen muss, weil die Umstände es erfordern, hat auf mich immer eine große Faszination ausgeübt. Die meisten Menschen bleiben ja bei dem, was sie haben, sind nicht besonders risikobereit, betäuben das vage Gefühl eines unzulänglichen Lebens gerne mit Arbeit. Und manchmal gibt es dann den Punkt, an dem es so nicht weitergehen kann. Um diesen Punkt geht es mir, hier fange ich an zu erzählen. Es ist eine Frage, die man sich doch auch selbst immer wieder stellen muss: Warum mache ich das, was ich mache, immer weiter? Man könnte damit aufhören, jeden Moment. Es wäre vielleicht nicht leicht, aber es würde alles verändern.“

Dass Menschen, die, wie ihr Architekt, ihren Beruf mit der allergrößten Perfektion ausüben, bei der Arbeit alles erreichen, was man erreichen kann, im Alltag aber oft diejenigen sind, die nichts auf die Reihe kriegen, ist Anna Gavalda in „La Consolante“ eine kleine menschliche Komödie. Doch denunziert sie ihre Figur dabei aber nicht, stellt sie nicht bloß. Menschenverachtende Affekte liegen ihr fern. Ihr Feind, denkt man, während man ihr beim Reden zuhört, obwohl sie, wie sie sagt, gar nicht diejenige sei, die sich gerne immerzu reden höre, sie sei eigentlich die, die lieber zuhört, das sei immer schon so gewesen, sie, eine Zuhörerin; ihr Feind ist nicht der Mensch. Es ist die Langeweile. Wenn es für Anna Gavalda nichts zu entdecken gibt, wendet sie sich ab. Und das gilt bemerkenswerterweise auch für die Verfilmung ihrer eigenen Romane, die sie ganz offensichtlich überhaupt nicht zu interessieren scheinen.

„Ensemble, c'est tout“, „Zusammen ist man weniger allein“ also, der Roman, den Claude Berri mit Audrey Tautou und Guillaume Canet verfilmt hat, habe sie sich zwar angesehen, eigentlich aber nur, um dem Produzenten einen Gefallen zu tun. „Ich meine, was soll ich da im Kino? Ich kenne die Geschichte ja schon, schließlich ist es meine. Da gucke ich mir lieber etwas Neues an.“ Auch „Je l'aimais“ sei jetzt ein Film, mit Daniel Auteuil und Marie-Josée Croze, und für den neuen Roman gebe es schon lauter Anfragen. „Das hat aber alles nicht viel mit mir zu tun.“ Im Übrigen müsse sie jetzt auch los, ihren schwedischen Verleger treffen, bevor sie wieder nach Hause müsse. In zwei Wochen sei sie in Deutschland, um aus dem neuen Roman zu lesen. Und vielleicht schaffe sie es dann ja auch, sich Berlin anzusehen. „Ich war in Lissabon, ohne das Meer zu sehen. Ich war in Norwegen, ohne Schnee zu sehen, und letzte Woche war ich in Mailand, ohne mir den Dom anzusehen. Ich habe immer nur aus meinen Büchern gelesen. Das kann so ja nicht weitergehen. Das muss sich ändern.“

Anna Gavalda: „Alles Glück kommt nie“. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger, Hanser-Verlag, 605 Seiten, 24,90 Euro

Quelle: F.A.S.
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