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Lesung von Akif Pirinçci : Zweieinhalb Stunden Wut für fünfzehn Euro

Weiß, wie diese fürchterlichen Intellektuellen ticken: Katzenkrimi- und Bestsellerautor Akif Pirincci. Bild: dpa

Deutsche Szene: Akif Pirinçci liest im Bonner Brückenforum aus seinem Buch „Deutschland von Sinnen“. Und sein Publikum fühlt sich sehr gut unterhalten.

          Der Bestsellerautor Akif Pirinçci, ein kleiner, schmaler Mann, steht auf der großen Bühne des Bonner Brückenforums und liest aus seinem Buch „Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“, das er selbst als Wutrede bezeichnet und das tatsächlich ziemlich wütend geraten ist. Rechts und links von ihm sitzen zwei blonde, muskulöse Jungs im Teenageralter, seitengescheitelte Zwillinge, die Pirinçci verteidigen sollen, falls jemand aus dem Publikum mit Eiern oder Tomaten nach ihm werfen oder die Bühne stürmen sollte.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch Krawallgefahr besteht nicht, im Gegenteil: Das Publikum, etwa zweihundert Zuhörer zwischen 35 und 65, mehr Männer als Frauen, hängt an Pirinçcis Lippen und freut sich, dass hier einer steht, der ausspricht, was viel offenbar selbst schon lange über Ausländer, Homosexuelle und Frauen denken. Dafür zahlt man auch fünfzehn Euro Eintritt. Zwei Damen haben das Buch des Autors mit Migrationshintergrund auf ihrem Schoß liegen und lesen lächelnd, die Lippen leicht bewegend, mit. Ob denn „der konservative Onkel“ noch käme?, fragt ein Mann seinen Begleiter, „Nein, der ist schon tot.“

          Der „sympathische Teufelskerl“ mit Leseschwäche

          Pirinçci hat für diesen Abend das Kapitel über die Intellektuellen ausgewählt. Es heißt „der deutsche Intellektuelle und wie er die Welt sah - bevor er eine Eisenstange auf den Kopf bekam“. Im Grunde verrät der Titel bereits den Inhalt. Der Intellektuelle von heute produziert „geistigen Dünnschiß“, er ist „von Natur aus dumm“ und würde sich wohl auch nicht daran stören, wenn der Intendant des Gorki-Theaters ein „schwuler Zwergpinguin mit Tourette-Syndrom im Rollstuhl wäre“. Da lacht das Publikum herzlich. Der deutsche Intellektuelle, ein „Vaterlandsverräter“, hat sich instrumentalisieren lassen und ist zum „Wiederkäuer völlig irrer Botschaften von linken und gutmenschlichen Arschlöchern staatskneteschmarotzender Natur“ geworden. Und wieder herzliches Lachen.

          Das Publikum ist zufrieden. Pirinçci hält, was er verspricht. Wer heute den Ton im deutschen Kulturleben angebe, das seien „irgendwelche Lesben auf Gender-Mainstreaming-Lehrstühlen.“ Allerseits Nicken. Pirinçci kommt langsam in Fahrt. Die blonden Jungs sitzen nach wie vor wie festgetackert auf ihren Stühlen und glotzen ins Publikum. So geht es dann noch eine halbe Stunde weiter, reichlich Asylanten- und Frauen-Bashing gibt es auch. Kein einziges Mal guckt der wie ein Vorschüler lesende Pirinçci dabei auf, derart konzentriert ist er auf seinen Text. Trotzdem verhaspelt er sich oft. Als das Kapitel endet, scheint Pirinçci erleichtert.

          Die kurze Pause, in der ein paar Stühle für die Podiumsdiskussion auf die Bühne geschafft werden, nutzen viele, um sich an der Theke mit Bier zu versorgen. Ja, ja, der Pirinçci habe absolut recht, heißt es. Ein mutiger, sympathischer Mann sei das und erfrischend direkt. Ein Teufelskerl. Dass die, die das sagen, genau jene verweichlichten Deutschen repräsentieren, die Pirinçci so verachtet, stört sie offenbar nicht. Nur David Schah von der Zeitschrift „eigentümlich frei“, dem Veranstalter, blickt etwas missmutig drein, er hatte mit einem größeren Andrang gerechnet.

          Feuilletonanalyse: Eigentlich applaudiert jeder Kritiker

          Auf dem Podium haben jetzt neben Pirinçci Andreas Lombard vom Manuscriptum Verlag, Susanne Kablitz von der „Partei der Vernunft“ sowie Carlos Gebauer, der die Diskussionsrunde moderiert, Platz genommen. Neben Gebauer, der sehr groß ist, wirkt Pirinçci noch kleiner, beinahe zart, und man hat den Eindruck, es wäre ihm lieber, nicht direkt neben diesem Mann sitzen zu müssen. Gebauer ist Rechtsanwalt und tritt ab und an im Fernsehen auf, früher etwa in der RTL-Gerichtsshow „Das Strafgericht“. Er hat sich vorgenommen, ernsthaft über Pirinçcis Buch zu diskutieren. Pirinçci gegenüber gibt er sich ausgesprochen freundlich. Für jeden Satz, in dem ein Hauch von Kritik mitschwingt, entschuldigt er sich, noch bevor er ihn überhaupt ausgesprochen hat. Wie man sich denn die durchweg negative Rezeption von Pirinçcis „Werk“ in den Feuilletons erkläre, fragt er in die Runde.

          Um es kurz zu machen: In der Tiefe seines Herzens applaudiert jeder Kritiker Pirinçci. Nur traut sich, gefangen in einem System aus Kulturbetriebsabhängigkeiten, niemand, die Wahrheit zu sagen. Deshalb hat Pirinçci in den Kopf des deutschen Intellektuellen geguckt und folgende Gedanken entdeckt: „Ist mir doch scheißegal, wie es um diese stinkenden Armen steht, so primitiv und blöd wie die sind, dass sie Casting-Shows gucken und Ballermann auf Malle buchen.“

          Besonders wütend ist Akif Pirinçci übrigens auf Ijoma Mangold von der „Zeit“, der sein Buch erst verrissen hat und später in einem Radiointerview gesagt haben soll, Pirinçci solle in die Türkei zurückgehen, wenn es ihm hier nicht passe. Dabei gefällt es Pirinçci sehr gut in Deutschland. „Mangold“, so seine Retourkutsche „sieht ja auch nicht gerade wie Hans aus. Er soll doch nach Afrika zurückgehen, in den Busch.“

          Das freie Sprechen liegt Pirinçci weitaus mehr als das Vorlesen. Seine Wut sprudelt ganz flüssig aus ihm heraus, genauso wie die Wörter „Muschi“ und „ficken“, was das Publikum mit Lachen honoriert und Herrn Gebauer animiert, auch mal ein unanständiges Wort zu sagen.

          Am Ende darf das Publikum dem Autor noch Fragen stellen. Ob die Gefahr durch den Islam wirklich so groß sei wie in seinem Buch beschrieben? „Ja“, sagt Pirinçci. „Das ist eine sehr aggressive Religion“ Und eine „Sex-Sekte“. Doch sein Furor hat jetzt fast etwas Gedimmtes, die Veranstaltung dauert ja auch schon zweieinhalb Stunde. Akif Pirinçci sieht müde aus.

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