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Lesung aus „Strobo“ : Apfelschorle statt Ecstasy

Deef Pirmasens will dem Buch Strobo seines Blogger-Kollegen Airen Gerechtigkeit widerfahren lassen Bild: Andreas Müller

Einen Tag, bevor Helene Hegemann ihr Buch „Axolotol Roadkill“ offiziell in Berlin präsentiert, liest Deef Pirmasens in München aus „Strobo“ - jenem Buch, aus dem Hegemann stellenweise Text entliehen hat.

          Wer liest eigentlich diese Bücher, in denen ständig jemand blutet, wahllos Geschlechtsverkehr mit Fremden hat und mehr Drogen nimmt als ein Tour-de-France-Radler? In der Münchner Bar Niederlassung wurde diese Frage jetzt beantwortet: Da sitzen Menschen, die ihren Kindern die Lektüre eines solchen Buches sofort verbieten würden. Auch, wenn diese Kinder längst ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert haben.

          Falsche Bücher gibt es auch hier: eine Seite des Raums ist mit Postern voller Regale tapeziert. Leise elektronische Musik untermalt die Lesung, dazu werden Bilder an die Wand geworfen. Der Saftschorlenkonsum ist hoch, ebenso wie die Nachfrage nach dem legendären Schokoladenkuchen. Sonntagabends wird hier "Tatort" gezeigt. Ein Herr mit Brillenband ist da und einige junge Menschen, die indes nicht mehr so jung sind, dass sie sich nicht schon über ihre erwartbaren Rückenprobleme wegen der lehnenlosen Sitzwürfel austauschen würden. Dabei spielen sie mit ihren Smartphones auf Facebook herum.

          Daneben stehen ein paar blonde Mädchen, die Sprizz trinken und hemmungslos kichern, wenn unartige Begriffe fallen. Sicher hat niemand hier je den Satz "Für mich heute nur Ecstasy" gesagt. Außer Deef Pirmasens. Der hat ihn nämlich gerade vorgelesen bei der multimedialen Lesung von "Strobo", dem Buch, das sein Blogger-Kollege Airen 2009 veröffentlicht hat. Dank Helene Hegemann, die Intertextualität mit Plagiieren verwechselt hat, ist es nun berühmt.

          Gerechtigkeit und Ehre für das Original

          Bereits Ende vergangenen Jahres hat Deef Pirmasens bei seiner multimedialen Lesungsreihe "Strobo" vorgestellt. Damals kamen etwa hundert Leute - Stammpublikum. Am Donnerstagabend sind es nur sechzig. Dafür ist sogar ein Journalist der Modezeitschrift "InStyle" da. Die Liste, die die kopierten Stellen aus „Strobo” aufführt, hat Deef Pirmasens ausgedruckt und zusammengeklebt. Sie ist fast so lang wie er. "Insofern ist das heute Abend fast eine "Axolotl Roadkill"-Lesung", sagt er.

          Airens autobiographischer Bericht ist pointiert geschrieben und lässt die innere Leere durchscheinen, die bei einem solchen Leben nicht auszubleiben scheint, von der die siebzehnjährigejährige Helene Hegemann aber - hoffentlich - noch nicht gar so viel weiß. Das unterscheidet die beiden Romane, so viele Übereinstimmungen es auch gibt: hier Selbstreflexion, dort Adoleszenz-Wortgeklingel.

          Deef Pirmasens jedenfalls mag nicht glauben, dass Hegemann das, wovon sie schreibt, selbst erlebt hat. "Im Berliner Berghain sind eher Leute ab fünfundzwanzig aufwärts. Jeder würde sich fragen, was das Kind da macht", meint er nach der Lesung. Und obwohl er Hegemanns Buch durchaus mag, will er dem Original doch Gerechtigkeit und Ehre widerfahren lassen. Seine nächsten "Strobo"-Lesungen finden am 12. März in Berlin, am 13. März im Hamburg sowie am 17. und 20. März in Leipzig statt.

          Quelle: F.A.Z.

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