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Mathias Énard erhält Buchpreis : Europa, die libanesische Prinzessin

Mathias Énard, Träger des Leipziger Buchpreis für Verständigung und seine Laudatorin, Leyla Dakhli (l), verfolgen die Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus in Leipzig. Bild: dpa

Mathias Énards Roman „Kompass“ erinnert nicht zufällig an „Tausendundeine Nacht“. Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse wurde er nun mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.

          Für einen Moment kam an diesem milden Leipziger Frühlingsabend plötzlich Weihnachtsstimmung auf, als im vollbesetzten Leipziger Gewandhaus Bachs weltliche Kantate „Tönet, ihr Pauken!“ erklang, die nahezu identisch ist mit dem Eröffnungschor des Weihnachtsoratoriums. Weltstimmungsvoll aber war der Festakt zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse allemal. Denn so hässlich das Konzerthaus ist, ein DDR-Prunkbau aus den frühen achtziger Jahren, in dem jeweils im März der Literaturbetrieb die neue Saison einläutet, so phänomenal ist seine Akustik. Davon profitierten am Mittwochabend nicht nur Gewandhausorchester und Opernchor unter der Leitung von Ulf Schirmer, sondern auch eine eher leise auftretende Laudatorin wie Leyla Dakhli.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mucksmäuschenstill waren die 1900 Zuschauer, als die aus Tunis stammende Historikerin erst vorsichtig, dann immer sicherer auf Deutsch zu erzählen begann, wie sie 1996, kaum zwanzig Jahre alt, den Preisträger des Abends, Mathias Énard, in Damaskus kennenlernte. Leyla Dakhli hat die Zeit in Syrien, die Énards Roman „Kompass“ beschreibt, noch selbst erlebt. Und erinnerte jetzt daran, wie sie damals mit Leib und Seele eingetaucht seien in den syrischen Alltag, die fremden Klänge und Rhythmen. Und wie, als sie und der Schriftsteller sich zwanzig Jahre später in Berlin wiedertrafen, eine große Melancholie über ihren Gesprächen lag, denn nun redeten sie von einem Orient, „den es nicht mehr gibt“.

          Ein poetisches Plädoyer für die Verbindung von Orient und Okzident

          Vor Leyla Dakhli hatten schon der Leipziger Bürgermeister Burkhard Jung geredet („Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr“), außerdem Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich („Reden wir Europa nicht schlecht“), der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Heinrich Riehtmüller („Geistige Arbeit muss honoriert werden“) und die litauische Kulturministerin Liana Ruokyte-Jonsson („Wir haben Erfahrung mit Tyrannei“). Die Intimität und der Ernst der Rede Leyla Dakhlis aber, die weniger Werkanalyse als Wesensbeschreibung war, vermittelte sich noch bis in die letzten Ränge des Konzerthauses.

          Tatsächlich hat die Jury mit ihrer Entscheidung, Mathias Énard für seinen Roman „Kompass“ mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung auszuzeichnen, eine exzellente Wahl getroffen. Denn das Werk des 1972 im französischen Niort geborenen Autors ist ein poetisches Plädoyer für die Verbindung von Orient und Okzident, ohne je Gefahr zu laufen, als Thesenroman gelesen zu werden. Énard, dessen rhapsodische Sprache hier nicht zufällig an „Tausendundeine Nacht“ erinnert, vollzieht darin vielmehr auch sprachlich, worum es dem Goncourt-Preisträger, der lange im Mittleren Osten, in Damaskus, Teheran und Beirut gelebt hat und fließend Arabisch spricht, geht.

          Wie in der orientalischen Märchensammlung ist auch „Kompass“ die Erzählung einer einzigen Nacht, in der Énard einen Wiener Musikologen buchstäblich um sein Leben erzählen lässt. Weil dieser Franz Ritter nach einer schlechten ärztlichen Diagnose nicht schlafen kann, beginnt er, sich einzelne Stationen in Erinnerung zu rufen, als er mit der französischen Orientalistin Sarah in Istanbul, Aleppo oder Palmyra unterwegs war. Sie begegneten Forschern, Abenteurern und Sehnsüchtigen, die es in den Orient verschlagen hatte, und redeten über die Spuren, die das Orientalische in der westlichen Kultur hinterlassen hat. Dabei ist „Kompass“ weniger ein Roman über die Wirklichkeit, sondern handelt viel eher von den Träumen, Obsessionen und Bildern, die eine Wirklichkeit hervorbringt.

          Europa als „illegale Einwanderin“

          Dass Énard nicht nur ein kenntnisreicher Orientalist ist, sondern außerdem ein brillanter Erzähler, zeigte sich in seiner Dankesrede, in der er, ebenfalls auf Deutsch, die Geschichte Europas erzählte – und zwar die Geschichte der libanesischen Prinzessin, die einst an einem Strand bei Sidon von Zeus entführt wurde. Auch Europa, die nie in ihrem Leben einen Fuß in unsere Landstriche gesetzt habe, sei eine „illegale Einwanderin, eine Ausländerin, eine Kriegsbeute“, sagte Énard, der über die Metapher die orientalische Geschichte unseres Kontinents entwickelte.

          Immer noch mehr Beispiele für seine These führte er an, von Cervantes über Stendhal bis zu Heine und Aragon – lauter „kleine Bäche der östlichen Kulturen, die sich durch ganz Europa ziehen und die europäischen Kulturen bewässern“.

          Sowenig der französische Autor leugnet, dass die Beziehungen der beiden Weltgegenden kompliziert und spannungsreich sind, so eindrucksvoll sprach er sich in Leipzig gegen die Horizontverengung unserer Tage aus. Er fürchtet wie schon Thomas von Aquin nur den Leser eines einzigen Buches, denn bei diesem könnte es schwierig werden, zu widersprechen. „Setzen wir ihm die unzähligen Sprachen entgegen, die endlos vielen Erzählungen“, sagte Mathias Énard im Gewandhaus. Dazu wird es in den nächsten Tagen in Leipzig Gelegenheit geben: bei mehr als dreitausend Veranstaltungen an beinahe sechshundert Orten auf Europas größtem Lesefest.

          Quelle: F.A.Z.

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