30.01.2010 · Kaputte Tassen, verblichene Tücher, nutzloser Kram - Leanne Shapton erzählt die altbekannte Geschichte eines Paares, das sich findet und wieder verliert, auf noch nie dagewesene Weise: als Auktionskatalog.
Von Johanna AdorjánIm November 2006 fiel der kanadischen Grafikdesignerin Leanne Shapton ein Katalog des New Yorker Auktionshauses Bonhams in die Hände, in dem Gegenstände aus dem Privatbesitz von Truman Capote abgebildet waren, die kurz darauf zur Versteigerung kamen. Auf den Fotos waren allerlei Kleidungsstücke zu sehen, die Capote einst getragen hatte, aber auch Krimskrams wie abgenutzte Stofftiere, angebrochene Streichholzheftchen oder seine alte Master Card.
Beim Durchblättern fiel ihr auf, dass die Gegenstände mehr über Capotes Leben, genauer, über seine letzten Lebensjahre in Kalifornien erzählten, als es eine Biographie je vermocht hätte. Da war die weiße Jacke, in deren Tasche immer noch eine Eintrittskarte für die Diskothek „Studio 54“ steckte; ein Seersucker-Anzug, der total verdreckt war, worauf die Katalogmacher extra hinwiesen, obwohl die braunen Ränder und Flecken auf dem abgebildeten Foto nicht zu übersehen waren; oder der abgerissene Papierfetzen, auf den Capote in krakeliger Handschrift geschrieben hatte: „I'm a genuis“, mit Buchstabenverdreher.
Hinreißend
Shapton, die damals gerade ihr zweites Buch mit Illustrationen veröffentlicht hatte, dachte, dass sich in Form eines Auktionskatalogs doch auch eine fiktive Lebensgeschichte erzählen lassen müsste. Erst dachte sie, dass diese Geschichte etwas mit jemandem zu tun haben müsse, der gestorben sei. Das erschien ihr aber irgendwie zu tragisch. Dann las sie zufällig den Briefwechsel zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes und beschloss, dass vielleicht kein Mensch gestorben sein müsse, sondern eine Liebe. So kam sie auf die Idee zu ihrem hinreißenden Buch mit dem sperrigen Titel „Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck“.
Die Handlung ist simpel - ein Paar kommt zusammen und trennt sich wieder -, doch so originell hat darüber schon lange niemand mehr erzählt. Allein anhand der Gegenstände, die nach einer Beziehung übrig bleiben, beschreibt das exakt wie ein Auktionskatalog gestaltete, mehr als dreihundert Abbildungen umfassende Buch die anrührende und kurze Liebesgeschichte eines Paares aus der New Yorker Medienszene - sie ist Kuchenkolumnistin der „New York Times“, er Fotograf. Lenore Doolan und Harold Morris, genannt Hal, lernen sich Ende Oktober 2002 auf einer Halloweenparty von Freunden kennen (wir sehen das erste gemeinsame Foto der beiden, das sie bei diesem Anlass in Verkleidung zeigt), knapp vier Jahre später erfolgt die Trennung: Sie wollte Kinder, ein gemeinsames Leben, das ganze Programm, er fühlte sich dafür noch nicht reif.
Unbenutzt
Leanne Shapton, 1973 in Toronto geboren, Tochter einer philippinischen Mutter und eines Kanadiers, beschäftigt sich hauptberuflich mit der Frage, wie sich eine Geschichte möglichst knapp erzählen lässt. Mit Mitte zwanzig verantwortete sie als Art-Direktorin eine täglich erscheinende Kultur-Doppelseite in der kanadischen „National Post“. Einmal ließ sie Passanten Skulpturen, an denen sie gerade vorbeigegangen waren, aus dem Gedächtnis zeichnen, Thema: die Wirkung von Kunst im öffentlichen Raum. Zuletzt war Shapton Art-Direktorin der Op-Ed-Page der „New York Times“ - sie hat vor kurzem gekündigt, weil ihr nebenher keine Zeit mehr für etwas anderes blieb. Shapton erzählt von einer Kurzgeschichte von Ernest Hemingway, die sie sehr beeindruckt habe. Sie ist insgesamt nur sechs Worte lang und erzählt doch eine ganze, tragische Geschichte: „For sale: baby shoes, never worn“.
In Shaptons Buch finden sich viele schöne Beispiele für komprimiertes Erzählen. Ein Salz-und-Pfeffer-Streuer-Set in Dackel-Form, über das es in der beistehenden Erklärung heißt: „Ein Geschenk von Morris' Mutter an Doolan. Unbenutzt.“ Oder die Tasse mit dem abgebrochenen Henkel, der zusammen mit einer handschriftlichen Notiz von Lenore abgebildet ist: „H, tut mir so leid, ich weiß, das war deine Lieblingstasse. Ich lasse sie reparieren, versprochen“; offensichtlich hat sie es nie getan. Oder der Stapel Visitenkarten, gesammelt von Lenore und Hal, der sich im hinteren Drittel des Katalogs findet, als es um die Liebe der beiden schon nicht mehr so rosig bestellt ist: Auf der Rückseite der Karte einer Vinothek ist die Nummer eines Paartherapeuten notiert.
Nur gespielt
Nachdem Shapton die Idee zu ihrem Buch hatte, das formal strenge Auktionskatalog-Konzept, dachte sie sich die Geschichte dazu aus. Sie beschloss, dass im Mittelpunkt eine komplizierte Beziehung stehen sollte, „die vor der, die dann die fürs Leben ist. Die scheitert und einem lange nachhängt.“ Sie dachte sich aus, wie sich das Paar kennengelernt haben könnte, las in alten Tagebüchern von sich nach, was man beispielsweise beim dritten Date unternimmt, wann die erste gemeinsame Reise geplant wird (ca. fünfter Monat), welche Geschenke gemacht werden, zu was für Missverständnissen es kommen kann. In alten Schachteln kramte sie nach Briefen vergangener Lieben, fragte im Bekanntenkreis herum, was nach einer Trennung aufgehoben wird, dachte sich Biographien für ihr Liebespaar aus. Anschließend castete sie im Freundeskreis nach geeigneten Darstellern.
Für die weibliche Hauptrolle besetzte sie ihre Freundin Sheila Heti, eine kanadische Journalistin und Autorin; den männlichen Part übernahm der Grafikdesigner Paul Sahre. „Das Problem war“, erzählt sie, „dass es zwischen den beiden überhaupt nicht funkte. Sie mussten wirklich sehr schauspielern, um auf den Fotos glaubhaft ein Liebespaar darzustellen.“ Auf Flohmärkten und in ihrer eigenen Wohnung suchte sie nach geeigneten Requisiten, Kleidern, die Lenore tragen würde (bevorzugt secondhand), Accessoires oder Büchern, die das Paar während ihrer gemeinsamen Zeit lesen würde (er hat eine Vorliebe für Gedichte, sie für Virginia Woolf).
Verblichen
Anschließend folgte ein mehrwöchiges Fotoshooting, bei dem sie so ziemlich ihre gesamte nähere Umgebung in die jeweils erforderliche Kulisse verwandelte. Ein italienisches Restaurant um die Ecke ihrer Wohnung diente ihr etwa als Venedig, eine Reise, von der neben Urlaubsschnappschüssen unter anderem auch ein Hermès-Badetuch mit Hasen-Motiv („Leichte Gebrauchsspuren, etwas verblichen. 89 x 147 cm / $ 30-50) und ein Venedig-Reiseführer bleiben, in dessen Umschlagsinnenseite sich in Lenores Handschrift erste Anzeichen der kommenden Krisen andeuten: „Kaffee / Pane / Spaghetti Carbonara mit Anchovis / Salat / Gelato (Stracciatella) / Kalbfleisch / Polenta-Kuchen / muss meine Kolumne schreiben / Hab' unter der Dusche geweint / H smst, trinkt und raucht die ganze Nacht auf dem Balkon.“
Am Ende bleiben von dieser Beziehung nur Gegenstände übrig, abgenutzte Stofftiere, ausgedruckte Mails, gelesene Postkarten, ein Backgammon-Spiel, selbstgebrannte CDs, ein kleiner künstlicher Weihnachtsbaum mit Kunstschnee, benutzte Kino-Eintrittskarten, ein Keramik-Toasthalter mit Farbabplatzern, eine kleine Stirnlampe, ein Päckchen Salatsamen und eine Pflanzkelle, eine Reihe von Post-it-Haftnotizen, getrocknete Blumen - Dinge, die keinen oder kaum materiellen Wert haben und für niemand anderen eine Bedeutung als für ihre ehemaligen Besitzer.
Herzzerreißend
„Ich weiß noch, wie gerührt ich war, als ich damals den Katalog mit den ehemaligen Besitztümern von Truman Capote gelesen habe“, sagt Shapton, „all diese absolut wertlosen Dinge darin, T-Shirts, Geschirr, Telleruntersetzer . . . Und alles beschrieben in dieser herzzerreißenden, klinischen Sprache von Auktionshäusern. Ein Haufen von nutzlosem Kram, dessen einziger Wert darin besteht, dass ihn jemand einmal besessen hat. Mich hat interessiert, wie Liebe Gegenstände mit Bedeutung auflädt - und was bleibt, wenn die Liebe verschwunden ist.“
Während der Arbeit an ihrem Buch hat Shapton mit ihrer eigenen Vergangenheit aufgeräumt, hat Briefe von Exfreunden weggeworfen, von denen sie sich lange nicht trennen konnte, andere aufgehoben, weil sie noch daran hängt. Im Grunde, sagt sie, gehe ihr Buch darum, etwas Vergangenes wirklich hinter sich zu lassen. „Das ist etwas, womit ich persönlich mich sehr schwer tue. Ich hänge an Menschen, die ich einmal geliebt habe, und rede mir gerne ein, dass sie auch an mir noch hängen, dass da noch eine Verbindung ist, die man, theoretisch jedenfalls, jederzeit wieder aufleben lassen könnte. Kein besonders sympathischer Zug.“
Unsichtbar
Mittlerweile ist Shapton verlobt. Ihren zukünftigen Mann, den Engländer James Truman, kann man nicht anders als eine gute Partie nennen, er war lange Verlagsleiter für Condé-Nast-Publikationen wie „Vanity Fair“ oder den „New Yorker“, heute berät er die Ritz-Carlton-Gruppe und betreibt zusammen mit Francis Ford Coppola dessen Wein-und-Reise-Geschäfte. Und auch sonst läuft es rund. Die gemeinsame Dachgeschosswohnung im schicken New Yorker Viertel Greenwich Village ist frisch renoviert. Sie hat Ideen für zwei oder drei neue Bücher. Schreibt einen Blog für die „New York Times“. Ihr Literaturagent ist Andrew Wiley, der berühmteste und berüchtigste seines Fachs, in der Branche auch als „der Schakal“ bekannt. Zusammen mit einem Freund betreibt Shapton einen eigenen Buchverlag, J&L Books, der sich auf neue Fotografie, Kunst und Literatur spezialisiert hat. Und die Filmrechte an ihrem Buch hat Brad Pitts Produktionsfirma Plan B gekauft. Er selbst will, so hört man, Harold spielen, an der Rolle der Lenore hat Natalie Portman Interesse bekundet.
Manchmal kann man Leanne Shapton in Greenwich Village mit ihrem Hund spazieren gehen sehen, einem temperamentvollen, weizenblonden Terrier namens Bunny. Eine auffallend hübsche junge Frau in einem beigen Trenchcoat, dessen oberster Knopf mit rotem Faden angenäht ist. Unwissende mögen den Mantel für ein etwas unförmiges, nicht besonders vorteilhaftes Kleidungsstück halten. Doch er stammt aus dem Privatbesitz von Truman Capote, Shapton hat ihn auf der Auktion damals ersteigert. Er war nicht einmal teuer, sein Wert ist unsichtbar.
Johanna Adorján Jahrgang 1971, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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