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Laudatio auf Rainald Goetz : Das Gedanken-Anregungs-und-Aufregungs-Verfahren

Schriftsteller Rainald Goetz bei der Verleihung des Büchner-Preises Bild: dpa

Schriftsteller Rainald Goetz ist mit dem Georg-Büchner-Preis für sein Lebenswerk geehrt worden. Alle seine Stoffe sind dem tatsächlichen Erleben des Autors entnommen. Eine Laudatio.

          „Lob ist schlecht“, heißt es in Rainald Goetz’ Tagebuch im April 2007, „Es installiert ein Gefälle, eine Nähe, eine Anmaßung; und stellt auf ganz unerfreuliche Art in Frage, dass das Gelobte eben zu loben ist, weil es geglückt ist. Gelobt zu werden ist furchtbar, aber noch schlimmer ist es, wenn man versehentlich selber derjenige ist, der ein Lob äußert. Man hat sich ans Gelobte einfach drangeschmissen, anstatt die Freude des Geglückten aufzunehmen und in Gedanken umzusetzen, warum genau die geglückte Sache einem so geglückt vorkommt. Lob erniedrigt die Welt des Gelobten, wie auch den Lobenden, Analyse und Argument erhöhen den geistigen Zustand, in dem sich alles befindet, Zustimmung schwächt, Kritik stachelt an, energiefiziert die Welt.“

          Schon wieder. Acht Jahre zuvor hat Rainald Goetz in „Abfall für alle“ ganz ähnliche Zeilen gegen Vorträge abgeschossen. Außerdem fand er schon die Formel „meine sehr geehrten Damen und Herren“ falsch - wieso denn „meine“ Damen und Herren? Und jetzt dieselbe Ablehnung noch einmal, noch deutlicher. Ich erspare Ihnen, Damen und Herren, wie es im Zitat weitergeht, und erwähne nur noch die Formulierung „Trottelkartelle des gegenseitigen Lobens“ für den Literaturbetrieb.

          Wir haben hier natürlich kein Kartellproblem. Ein Kartell, in dem Rainald Goetz Mitglied wäre, dürfte sich sowieso nicht als sehr handlungsfähig erleben. Aber an einer einseitigen Erniedrigungsanmaßung mit Rückerniedrigungseffekt beim Lobenden möchte ich hier auch nicht schuld sein.

          Darum erneut kein Lob, sondern der Versuch eines Arguments.

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          Man kann, so hat der Philosoph Hans Blumenberg einmal formuliert, die gesamte Tradition des Nachdenkens über Literatur als Auseinandersetzung mit dem Satz verstehen, dass die Dichter lügen. Inwiefern lügen sie? Sie erschließen, so die Beschwerde, nicht die Wirklichkeit, sondern halten sich an bloße Erscheinungen, an Kopien von Kopien, oder - noch schlimmer - sie erfinden sogar Personen, Handlungen, Dinge, Wesen, die es gar nicht gibt, gar nicht geben kann.

          Warum tun sie das? Um zu unterhalten. Jahrhundertelang hat man formuliert: „um zu belehren und zu unterhalten“, aber es war schon klar, dass es zur Belehrung keiner Fiktionen bedürfte. Es gibt überhaupt nur Unterhaltungsschriftsteller, auch wenn natürlich ganz viel Literatur entsteht, die das gut verbirgt. Überdies muss man sagen, dass sich die Leser in dem, wodurch sie sich unterhalten fühlen, doch sehr unterscheiden. Außerdem kann Literatur ihre Unterhaltungsabsicht verfehlen, aber das würde noch nichts daran ändern, dass sie eben nicht auf Erkenntnis der Wirklichkeit zielt, sondern von ihr ablenkt: durch Schattenspiele oder farbenfrohe Erfindungen. Dies ist der Vorwurf, der in jenem Satz Platons erhoben wurde, dass die Dichter lügen.

          Das schriftstellerische Werk von Rainald Goetz scheint mir diesen Vorwurf ernst zu nehmen. Es enthält eine Polemik gegen Illusion und Fiktion. Alle seine Stoffe werden dem tatsächlichen Erleben des Autors entnommen, ob es sich nun um die Bewusstseinszustände und Interaktionen in einer psychiatrischen Klinik handelt, um die durchtanzten und durchquatschten Nächte im Partymilieu oder um die Empfänge der Berliner Republik. Viele seiner Bücher geben sich als Zeugenberichte, Reportagen. Eine Zeitlang schien Goetz ohnehin alles zum Tagebucheintrag zu werden.

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