05.09.2011 · Ihr Erstlingswerk verfasste sie mit fünf. Als junge Frau schrieb sie unverdrossen neben Pferdetraining und Arbeit in der Wurstfabrik ihres Ehemannes weiter. Inzwischen ist Nele Neuhaus eine der erfolgreichsten deutschen Krimiautorinnen.
Von Peter LückemeierEs ist gefährlich, eine Geschichte über Nele Neuhaus zu schreiben: Tausende Männer und Frauen, die auch eine Idee für einen Roman haben oder sogar ein fertiges Manuskript in der Schublade, könnten es ihr gleichtun wollen. Und scheitern. Denn was Nele Neuhaus gemacht hat, konnte eigentlich nicht gutgehen.
Schon als Kind verfasste sie Texte, ihr Erstlingswerk schrieb sie mit fünf, es war irgendetwas über Eulen. Das folgende Werk der frühen und lebenslangen Pferdenärrin trug den Titel „Jessica - Abenteuer im Reitstall“, war mit dem Pelikan-Füller geschrieben und füllte etliche Schulhefte. Ihr nächstes Produktionsmittel, eine gelbe Reiseschreibmaschine, wurde unaufhörlich traktiert, die kleine Nele (eigentlich Cornelia) verfasste Geschichten am laufenden Farbband, von denen die meisten ihr Ende im Papierkorb fanden.
Dem Schreiben blieb sie auch treu, als sie nach dem Abitur als Sekretärin zu arbeiten begann. „Unerschütterlich schrieb ich immer weiter“, erzählt sie auf ihrer Homepage, „für die Schublade und meistens auch, ohne ein Ende hinzubekommen.“ Ihre Geschichten hatte sie damals noch nicht sorgsam bis zum Schluss durchkonstruiert, wie sie es heute tut. Schreiben war für sie „Urlaub im Kopf“.
Auf einem Reitturnier lernte die Zweiundzwanzigjährige 1988 Harald Neuhaus kennen, einen Metzgermeister und Kaufmann, der in Schwalbach am Taunus eine Wurst- und Fleischfabrik betreibt. Neuhaus' Name hat unter den hessischen Springreitern einen guten Klang. Allein mit seinem Hengst Priamos hat er 295 Siege und Plazierungen in Springen der Klassen L und M errungen, die Pokale im Wohnzimmer des Paares in Kelkheim künden davon.
1000 Seiten der Tagesarbeit abgetrotzt
Nele Neuhaus' Leben bewegt sich von jetzt an - die beiden heiraten 1995 - zwischen der Wurstfabrik mit ihren rund 20 Beschäftigten, wo sie vor allem im Verkauf mithilft, und dem Reitstall, wo sie die zeitweise bis zu acht Pferde ihres Mannes trainiert. In jeder freien Minute schreibt sie. Ihr Mann hält das für pure Zeitverschwendung. Er wird sich täuschen.
Im Jahr 2000 hat sie ihr erstes Manuskript fertig, 1000 Seiten der Tagesarbeit abgetrotzt. „Unter Haien“ spielt in New York im Milieu der Investmentbanken, die Heldin gerät in Todesgefahr, der Stoff erinnert ein wenig an Grisham. Nele Neuhaus schickt ihren Erstling an sechs, sieben Verlage. Die einzige positive Resonanz kommt von einem Bezahlverlag, der für die Veröffentlichung 60.000 Mark verlangt.
Sie überarbeitet den Text noch einmal, kürzt ihn, lektoriert ihn mit Hilfe ihrer Schwester Camilla. Und stößt auf den Verlag Monsenstein & Vannerdat, wo sie die Produktion ihres Buches in Auftrag gibt. Sie will nicht das klassische Book on Demand, also die Herstellung eines Exemplars bei Bestellung, sondern eine richtige Auflage. Sie investiert 3500 Euro und bestellt 500 Stück. Die stapeln sich in ihrer Garage. Der Verkaufspreis liegt immerhin bei 16,90 Euro.
Und jetzt beginnt die eigentliche Nele-Neuhaus-Geschichte. Die zupackende junge Frau mit dem eruptiven Lachen tut, was sie seit eh und je getan hat: Sie krempelt die Ärmel auf. Sie wendet sich als Erstes an die örtliche Presse. Die „Kelkheimer Zeitung“ und das „Höchster Kreisblatt“ bringen freundliche Artikel über die Tochter des ehemaligen Landrats des Main-Taunus-Kreises, Bernward Löwenberg, einen CDU-Mann.
Organisation der eigenen Buchpremiere
Neuhaus organisiert ihre eigene Buchpremiere, sie mietet im Kelkheimer Ortsteil Ruppertshain in der ehemaligen Lungenheilklinik „Zauberberg“ einen Raum und lädt alle ein, die sie kennt. Sie stellt im Verkaufsraum der Wurstfabrik ihr Werk auf dem Tresen auf und preist es an. Sie veranstaltet Lesungen, zu denen manchmal nur drei oder sechs Leute kommen. Sie richtet sich eine Internetseite ein, über die man das Buch bestellen kann, ihr Wohnzimmer wird zur Versandstelle. Nele Neuhaus ist sich auch nicht zu schade, die Buchhandlungen in der Umgebung abzuklappern, um ihren Krimi anzubieten. Sie will es wissen, sie will es ihrem Mann zeigen, ihrer Familie und vor allem sich selbst.
Unverdrossen schreibt sie neben Pferdetraining und Arbeit in der Fabrik weiter. Es entstehen drei Taunus-Krimis, die alle an authentischen Schauplätzen spielen, in Hofheim am Taunus, in Frankfurt, in Bad Soden-Altenhain, in Ruppertshain. Schon für den ersten Taunus-Titel „Eine unbeliebte Frau“, den sie als ihr gelungenstes Buch betrachtet, ist sie wagemutiger geworden und bestellt gleich 1000 Exemplare, die auf einer Palette geliefert und wieder in der Garage untergebracht werden. Aber nicht lange. Nach drei Wochen sind die Bücher weg.
Neuhaus erinnert sich gern an diese Zeit: „Die ersten Buchhändler entdeckten die Taunuskrimis und fingen an zu bestellen. Ich schrieb Lieferscheine und Rechnungen, lieferte die Bücher selbst aus, trug die via Amazon bestellten Bücher auf die Post, dann mussten die Lieferfahrer meines Mannes einspringen und nahmen die Lieferungen für weiter entfernt liegende Buchhandlungen mit auf ihre Touren.“
Rund 45.000 Bücher ohne Verlag verkauft
Der zweite Taunus-Krimi „Mordsfreunde“ startet schon mit einer Auflage von 5000 Exemplaren. Es ist eine kleine Lawine ins Rollen gekommen, die Leser fragen bald die Buchhändler, wann es denn wieder ein neues Werk über Mord und Totschlag, Missgunst und Intrige aus ihrer Nachbarschaft gibt, der dann von dem Ermittlerduo Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein gelöst wird. Zeit hat Neuhaus gar nicht mehr - die Arbeit in der Firma, das Schreiben, das Organisieren des Verkaufs. Aber sie ist glücklich, sie ist ganz bei sich selbst, es gibt ja kein wirksameres Aufputschmittel als den sich stetig steigernden Erfolg. Rund 45.000 Bücher hat sie ohne Verlag verkauft, im Wesentlichen das Ergebnis einer Mundpropaganda, die ohne Qualität nicht möglich gewesen wäre.
Doch auch die tüchtigsten Personen brauchen ein bisschen Glück. Im Falle der Nele Neuhaus heißen diese Glücksbringer Thomas Schwenk, Christa Thabor und Marion Vazquez. Schwenk betreibt in Königstein im Taunus eine jener gut geführten mittelständischen Buchhandlungen, die von ihren Kunden wegen ihrer Professionalität geschätzt werden. Schwenk ist begeistert vom Erfolg der Nele Neuhaus. Deren selbstverlegte Bücher hat er im Weihnachtsgeschäft öfter verkauft als „Harry Potter“. Schwenks Schwester Anne Pfenninger, die mit Neuhaus auf der Schule war, drückt ihrem Bruder ein Exemplar von „Mordsfreunde“ in die Hand, als gerade Ullstein-Verlagsvertreterin Christa Thabor zu Besuch in der Buchhandlung ist. Thabor schickt das Buch an den Verlag in Berlin, es landet auf dem Schreibtisch der Lektorin Marion Vazquez.
Die erinnert sich noch genau an dieses Leseerlebnis: „Ich dachte: ,Wow - mit der möchte ich gerne Bücher machen.' Qualität erkennt man ja sofort. Sie schreibt schmissig, sie schreibt plastisch, sie hat tolle Figuren - da war an Talent alles drin, was man sich wünscht.“
Handkäs' mit der Ullstein-Lektorin
Vazquez weiß, wovon sie spricht, seit zehn Jahren prüft sie Manuskripte, auch die zahlreichen „unverlangt eingesandten“. Sie nimmt das Buch mit in die Verlagsrunde und erntet gleich Zustimmung. Sie fragt in einer E-Mail die Autorin in Kelkheim, ob sie vielleicht eine neue Idee für ein Buch habe. Hat sie. Zum ersten Mal persönlich begegnen sich die Frauen, die sich inzwischen längst duzen, im Oktober bei der Buchmesse. Neuhaus lädt Vazquez nicht in ein Frankfurter Luxusrestaurant ein, sondern in Kelkheim zur hessischen Spezialität Handkäs'. Man versteht sich, die Erfolgsgeschichte kann beginnen.
Im Frühjahr 2009 kommt „Tiefe Wunden“ bei der Ullstein-Tochter List heraus, die beiden älteren Taunus-Krimis „Mordsfreunde“ und „Eine unbeliebte Frau“ werden auch gleich ins Programm aufgenommen. Von den inzwischen insgesamt fünf Taunus-Krimis sind nach Angaben des Verlags rund 1,5 Millionen Exemplare verkauft worden. Sie werden derzeit in 16 Sprachen übersetzt. Die Übertragungen ins Italienische und Koreanische sind bereits im Markt. In Korea erklomm Band vier, „Schneewittchen muss sterben“, Platz 1 der Bestsellerliste. In der aktuellen deutschen Verkaufshitparade des „Buchreports“ finden sich unter den ersten 25 Taschenbuchtiteln fünf von Neuhaus, und zwar auf den Plätzen 5, 6, 12, 13 und 18.
Eigentlich kann man sich kaum eine Person vorstellen, die geerdeter, „normaler“ wäre als Nele Neuhaus. Der Riesenerfolg macht die patente Reiterin deshalb auch nicht hochmütig, sondern nur unbändig glücklich. Manchmal fragt sie sich, ob das wirklich sie ist, die das alles erleben darf. Die Ideen für die nächsten Bücher stehen samt Handlungsgerüst schon fest. Und der Erfolg drückt sich nicht nur in den Verkaufszahlen aus, sondern in freundlichen Mails und Briefen von Lesern. Dann heißt es: „Wir haben im Urlaub nichts anderes gelesen als Ihre Bücher“ oder „Sie haben meinen Mann zum Lesen gebracht.“
Eine Stiftung zur Leseförderung
Ihr eigener Mann, den sie „einen wirklich sehr cleveren Kaufmann“ nennt, hat noch keines ihrer Bücher gelesen. Aber nicht, weil er eine Aversion hätte, sondern weil er zu den Menschen gehört, die zwar die Zeitung, aber nie ein Buch in die Hand nehmen. Stört sie das? Nein. Neuhaus, mit der man sich schwer vorstellen kann in Streit zu geraten, schüttelt glaubhaft den Kopf. Und was sagt er zu ihrem Erfolg? „Der ist natürlich absolut beeindruckt und vielleicht auch ein bisschen stolz. Er sorgt auch immer dafür, dass in der Firma genügend signierte Bücher auf dem Tresen stehen.“
Das viele Geld, das Neuhaus, die schon vor dem Erfolg mit ihrem Mann in einem stattlichen Haus wohnte, jetzt verdient und noch verdienen wird, will sie zum größten Teil in eine Stiftung zur Leseförderung stecken. Sie sagt, sie habe alles, was sie materiell brauche. Hat sie sich denn gar nichts Schönes gekauft von den Honoraren? Doch. Einen Montblanc-Füller.
Peter Lückemeier Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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