Wer geglaubt hat, die Chinesen würden sich um die martialischen Erziehungsmethoden der chinesischstämmigen Amerikanerin Amy Chua (Erziehen auf Chinesisch: Die Tigermutter drillt ihre Kinder zum Siegen) gegen den verweichlichten Westen zusammenschließen, sieht sich getäuscht. Das Buch, dessen im Amerikanischen gebrauchter Titel „Schlachtruf einer Tigermutter“ auf die Provokation eines chinesischen Überlegenheitsanspruchs spekuliert, wechselt im Titel seiner rasch verfertigten chinesischen Fassung bezeichnenderweise zur Perspektive einer Immigranten-Erfahrung: „Als Mutter in Amerika“.
Die Debatte im Internet ist auch in China groß, und die meisten Teilnehmer finden für Amy Chuas Leistungsdrill nicht weniger scharfe Worte als die Amerikaner. „Ekelhaft“ findet eine Frau den „elitären Dünkel“ des Buchs. Eine andere weist darauf hin, dass sich Klavier und Geige, die Frau Chua ihre Töchter zu spielen zwang, vor allem als Soloinstrumente spielen lassen, mithin Zeichen einer „engstirnigen“ Karriereorientierung seien: „Und das Tragische ist, dass sie auch noch Chinesin ist.“
Die enge Verbundenheit innerhalb der Familien
Die Ablehnung fällt freilich wohl auch deshalb bei vielen so entschieden aus, weil sie in dem Buch, das heute auf Deutsch unter dem Titel „Mutter des Erfolgs“ erscheint, durchaus präzise gezeichnete Elemente ihrer eigenen Erziehung wiedererkennen, die bis heute weit verbreitet ist: den Druck, die ausschließliche Orientierung an Leistungsnachweisen als Maßstab für „Erfolg“ im Leben, die Unterschätzung spielerischer Kreativität. „Wer nicht die Bitternis aller Bitternisse gegessen hat, wird niemals Mensch über andere Menschen sein“, lautet ein gebräuchliches Sprichwort, das durch die Härten der Selbstbehauptung in der chinesischen Marktgesellschaft an Aktualität noch gewonnen hat.
Schon lange vor dem Schuleintritt werden mit den Kindern Schriftzeichen, mitunter auch erste Fremdsprachen gepaukt, und von da an konzentriert sich das Leben auf die landesweiten Hochschuleingangsprüfungen, die immer noch als die entscheidende Wegmarke bei der Chancenverteilung gelten. Zugleich betonen manche Diskussionsteilnehmer ebenso wie Amy Chua selbst auch die enge Verbundenheit in chinesischen Familien, in denen wechselseitig vorausgesetzt wird, dass Eltern und Kinder alles füreinander geben - eine Verbundenheit, die nicht viele Worte macht.
Ein Sprössling einer Emigrantenfamilie, der jetzt wieder in Peking lebt, erinnert sich daran, dass seine Mutter ganze Nächte aufblieb, nur um ihn bei Prüfungsvorbereitungen nicht alleinzulassen, obwohl sie ihm nicht helfen konnte. Die Kehrseite dieser Selbstverständlichkeit ist das von anderen konstatierte Unvermögen, Gefühle auszudrücken oder auch nur zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie vom erwarteten Normalmaß abweichen.
Übernachtung bei anderen Kindern? Verboten!
Die extreme Strenge der „Tigermutter“ führen chinesische Kritiker jedoch auf ihre Zugehörigkeit zu einer frühen Emigrantengeneration zurück, die sich besonders habe anstrengen müssen, um sich in der fremden Gesellschaft zu behaupten. In China selbst gebe es heute, schreibt eine Frau, viele, die eine „Erziehung zum Glück“ befürworten. In der mittleren Angestelltenschicht in chinesischen Großstädten nimmt das Interesse an westlichen Konzepten, an einer eher spielerischen und an der Persönlichkeit des Kindes orientierten Erziehung zu.
Tatsächlich zeigten sich bei einer Umfrage des Internetportals sina.com nur verschwindend wenige Teilnehmer mit den Verboten einverstanden, die Amy Chua als kennzeichnend für eine „chinesische Mutter“ ausgegeben hatte. Nur das Verbot, das Kind bei anderen Familien übernachten zu lassen, kam auf eine Zustimmung von fünfundsechzig Prozent; aber nur ein Prozent wollen ihr Kind ebenfalls nicht am Schultheater teilnehmen lassen, und nur sechs Prozent sagen, dass sie sich mit nichts anderem als der Bestnote zufriedengeben.
Die Zerrissenheit zwischen den Lebensweisen
Ein Artikel in der Parteizeitung „Global Times“ ließ allerdings Zweifel daran aufkommen, ob Amy Chua selbst den von ihr behaupteten chinesischen Ansprüchen gerecht wird. In Blogs hat der Autor des Artikels Äußerungen von Schulkolleginnen der Töchter gefunden, die von diesen ausplauderten, dass sie durchaus Computerspiele spielen und bei anderen Kindern übernachten. Könnte es also sein, dass Chua weniger böse ist, als sie behauptet? Könnte es sich um eine Art ironische Selbstkulturalisierung handeln? Das wäre eine neue und gleich extrem erfolgreiche Weise, der Zerrissenheit zwischen den Lebensweisen Ausdruck zu geben, die die Autorin im weiteren Fortgang des Buchs zu Protokoll gibt. Dies wäre ein „Kampf der Kulturen“, den Huntington nicht so recht in Rechnung gestellt hatte: ein Kampf innerhalb jedes Einzelnen, der nur noch so tut, als wären die Kulturen säuberlich geschieden.
Dieser Kampf scheint unter anderen Vorzeichen in China selbst auch zu toben. Denn dort ist keineswegs ausgemacht, wie „chinesisch“ der karriereorientierte Lernehrgeiz, immer und überall der Erste sein zu wollen, überhaupt ist. Ein Vater berichtet über sein Glück, als seine achtjährige Tochter den Wunsch äußerte, später Köchin für die Müllsammler zu werden, die sie immer auf der Straße sieht. Eine Mutter kritisiert, dass die Töchter von Frau Chua nur Leistungen für sich selbst sammeln: „Was aber bringen sie der Welt?“ Tatsächlich war das konfuzianische Lernethos, das gern für den Studiereifer in Anspruch genommen wird, nicht auf die eigene Durchsetzungsfähigkeit bezogen, sondern auf das, „was sich in der Welt gehört“, nicht zuletzt den Dienst an anderen.
„Gebären, doch nicht besitzen“
Das Studium des konfuzianischen Kanons sollte vor allem für diese moralische Orientierung sorgen, und derselbe „Dreizeichenklassiker“, der den Kindern vermeintlich im Sinne von Frau Chua einschärft: „Fleiss hat seinen Lohn, / Spiel hat keinen Sinn. / Sei auf der Hut, / Strenge dich immer an“, nennt als Ziel dieser Mühen: „Den Fürsten oben beeinflussen, / Dem Volk unten Gutes tun“. Die mit allen möglichen Psychostrategien gestärkte Durchsetzungskraft des Einzelnen galt dagegen in China bisher immer als etwas typisch Amerikanisches; einschlägige amerikanische Ratgeber sind bis heute Bestseller in chinesischen Buchhandlungen.
Erst recht wird die Kontinuität zur chinesischen Tradition fraglich, wenn man sich auf den Taoismus bezieht, wie das ein anderer Diskussionsteilnehmer tut: „Diese chinesische Mutter hat die Lehren ihrer Vorfahren vergessen: 'Gebären, doch nicht besitzen, / wirken, doch nicht daran hängen, / behüten, doch nicht beherrschen, / das ist die wahre Tugend‘ (Laotse)“. Unter Verweis auf ähnliche Vorstellungen will ein anderer, der betont, dass heutige chinesische Mütter durchaus mit der Zeit gingen, die Standpunkte versöhnen: „Ein Kind erziehen ist, wie einen Baum wachsen lassen. Wenn er gerade wächst, braucht man sich nicht weiter um ihn zu kümmern, aber wenn er schief wächst, muss man achtgeben, sonst hat man am Ende nur ein Stück Konzeptkunst.“ Auch einige andere kritisieren die „zu lose Erziehung“ in Amerika.
Aus Sorge um die eigene Arbeitsmarkttauglichkeit
Wenn man die Kinder einfach nur spielen lasse, könnten sie nicht lernen, mit eigener Kraft aus schlechten Situationen herauszukommen. Ein anderer, der in Amerika aufgewachsen ist, meint: „Amerikanische Eltern verhätscheln ihre Kinder zu viel.“ Das sei kein Wunder, denn auch die amerikanischen Erwachsenen würden durch Therapeuten, Gefühle und dergleichen unentwegt verhätschelt, daher müsse es dort „sozial inakzeptabel“ sein, Kinder nicht zu verhätscheln. Chinesische Eltern hätten in Amerika daher immer ein klares Bewusstsein dafür, dass sie sich von einer solchen Mentalität nicht anstecken lassen dürften. Das markiert einen interessanten neuen Fall von Integrationsverweigerung - aus Sorge um die eigene Arbeitsmarkttauglichkeit.
Diesen Gedanken zieht ein Stratege namens Liu Yang weiter ins Geopolitische aus. Die Kritik an Amy Chua komme in Amerika von normalen Bürgern; die Eliten aber hätten längst gemerkt, dass der chinesische Ansatz eine Bedrohung für sie sei: Die amerikanische Erziehung zum Glück sei für den globalen Konkurrenzkampf nicht so effektiv. Deshalb solle sich China davor hüten, die westlichen Methoden einfach zu übernehmen. Die chinesische Pädagogik müsse natürlich weiter verfeinert werden; aber für sich genommen sei sie gar nicht so schlecht.
Ein neuer "clash of civilization"?
Christoph Smets (csmets)
- 28.01.2011, 12:40 Uhr
Es gibt keinen Kampf der Kulturen.
Marcus Püschel (Jimi-Hendrix)
- 28.01.2011, 12:58 Uhr
Die goldene Mitte
Tessa Michel (Titania1958)
- 28.01.2011, 13:01 Uhr
Nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wird...
Paul Franklin (PaulSilas)
- 28.01.2011, 14:46 Uhr
Kreativität macht den Unterschied
Horst Delmen (Dr.Delmen)
- 28.01.2011, 15:09 Uhr