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Ken Follett zum Sechzigsten Seine Erzählqualitäten dulden keine Zweifel

05.06.2009 ·  Was er schreibt, ist massengängige Unterhaltungsliteratur. Aber wie er dieser Arbeit nachgeht, gebietet durchaus Respekt und erlaubt sogar Bewunderung. Ken Follett, der Weltautor aus Wales, wird sechzig.

Von Jochen Hieber
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Mit dem Feierabend- und Wochenenddichten hat der Steuerbeamtensohn Ken Follett aus Cardiff begonnen, als er zu Anfang der siebziger Jahre sein Journalistenbrot zunächst mit Reportagen für das „South Wales Echo“ und dann mit Kolumnen für die „London Evening News“ verdiente. Zwischen 1974 und 1978 arbeitete er im kleinen Londoner Verlag „Everest Books“ und publizierte in dieser Zeit unter wechselnden Pseudonymen eine Reihe von Romanen, die allesamt erfolglos blieben.

Heute darf sich Follett als einen der weltweit erfolgreichsten Schreib- und Epenunternehmer empfinden, der in Sachen Umsatz und Auflage mit Stephen King, Dan Brown, John Grisham oder dem jüngst gestorbenen Michael Crichton in einer Liga spielt - und der zusammen mit Umberto Eco ein zwischendurch arg auf den Hund gekommenes Genre, ergo den historischen Roman, durch handwerkliche Qualität, attraktive Themen- und Zeitenwahl sowie durch originelle Handlungsführung gleichsam wiederbegründet hat.

Den mittleren Ton treffen

„Die Pfeiler der Macht“ von 1994 etwa spielt in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und erzählt von Aufstieg und Fall des Londoner Bankhauses Pilaster. „Die Tore der Welt“ (2007, siehe auch: Rezension: Ken Folletts „Die Tore der Welt“) beginnt 1327, führt also ins Mittelalter zurück und setzt zugleich sein berühmtestes Buch fort, den Erzählhymnus „Die Säulen der Erde“ (1990). Es sind die schlechtesten Leser nicht, die just diesen Roman über das zwölfte Jahrhundert zum engen Kreis ihrer lebenslang unvergesslichen Lektüreerlebnisse zählen. Auf der Handlungsebene ein über fünfzig Jahre sich hinziehendes Ringen um den Bau und die Vollendung der Kathedrale im fiktiven Städtchen Kingsbridge, ist das Buch im Kern ein so kirchenkritisches wie religionsgläubiges Sozialepos an der Epochenschwelle zwischen Romanik und Gotik.

Ken Follett vermeidet dabei beides: den pseudohistorischen, also altertümelnden Stil und eine bloß illusionsstörende Modernität. Der mittlere Ton, den er anschlägt und trifft, belässt der fernen Welt ihre Fremdheit, macht sie indes gerade durch die Fülle der beiläufig mitgelieferten Details über Gebräuche und Geschehnisse des Alltags seinen Lesern auch auf ganz unanbiedernde Weise vertraut.

Ein bis heute völlig unverstaubter Thriller

Eine Doppelbegabung ist dieser Autor obendrein. Nicht minder als den historischen Roman beherrscht er den Thriller - und damit ein Genre, das ganz andere Erzählqualitäten erfordert. Hier geht es um Tempo und Plot-Plausibilität, um das Erzeugen von Spannung und damit vor allem um das Gespür für den atemberaubenden Kapitel- oder Passagenschluss, kurz: um die Technik des Cliffhangers.

Ein bis heute völlig unverstaubter Thriller war es denn auch, der Ken Follett den ersten wirklichen, dann aber sofort durchschlagenden Erfolg eintrug: „Die Nadel“, 1978 erschienen und drei Jahre danach von Richard Marquand verfilmt. Fabelhaft furchterregend spielt Donald Sutherland dabei den deutschen Agenten Henry Faber, der im England des Zweiten Weltkriegs die alliierten Offensiv- und Invasionspläne ausspioniert und abfotografiert. Eine entsetzliche Blut- und Mordspur über die Insel ziehend, sucht er sie an seine Auftraggeber zu überbringen, ehe er auf einem gottverlassenen Eiland in der unbändigen Lucy Rose (Kate Nelligan) seine Rachegöttin findet. Die Dämonie des Films war jener des Buches kongenial.

In beiden Genres steht er mit an der Spitze

Zumal mit den „Mitternachtsfalken“ (2003) hat Follett an sein Bestseller-Debüt angeknüpft - auch dieser Thriller spielt im Zweiten Weltkrieg und handelt vom Widerstand junger Dänen gegen die deutschen Besatzer. Bei einem Profi wie ihm erstaunt es nicht, dass er längst auch unmittelbar aktuelle Themen aufgegriffen hat, also Intrigen- und Verbrechergeschichten veröffentlichte, die sich um die Genforschung („Der dritte Zwilling“, 1997) oder die Biotechnologie („Eisfieber“, 2004) drehten. Ein Unikat blieb bisher „Auf den Schwingen des Adlers“, das Follett 1983 auf Bitten, ja sogar im - allerdings honorarlosen - Auftrag des amerikanischen Millionärs und nachmaligen Präsidentschaftskandidaten Ross Perot schrieb - es geht, auf einem realen Fall fußend, um die Befreiung zweier amerikanischer Geiseln aus iranischer Haft.

Dreißig Prozent aller belletristischen Bücher, die hierzulande gekauft werden, sind Krimis und Thriller, zehn Prozent historische Romane. Auf jeweils ganz wenige Autoren entfällt dabei der Löwenanteil des Umsatzes. In beiden Genres steht Ken Follett mit an der Spitze. Was er schreibt, ist massengängige Unterhaltungsliteratur. Aber wie er dieser Arbeit nachgeht, gebietet Respekt und erlaubt Bewunderung. An diesem Freitag feiert er seinen sechzigsten Geburtstag.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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