In der Verfilmung Ihres Romans „Die Säulen der Erde“ spielen Sie selbst mit. Wen stellen sie dar?
Einen anglo-französischen Kaufmann, der einen Teil der Hintergrundgeschichte erklärt.
Haben Sie Erfahrung als Schauspieler?
In der Verfilmung meines Buches „Der Dritte Zwilling“ hatte ich eine winzige Rolle als Larry Hagmans Diener, der lediglich sagt: „Sofort, Sir.“ Diesmal musste ich einen Text lernen. Wir standen zwei oder drei Stunden am Set. Ich habe recht viel über mittelalterliche Kleider geschrieben, sie aber nie getragen. Es war ein heißer Tag im Juli und die Kleider waren sehr warm und unbequem. Dennoch hat es mich fasziniert.
Haben Sie beim Drehbuch eingegriffen?
Diesmal nicht. Ich habe das Manuskript gelesen und nichts dazu gesagt, außer dass es mir gefallen hat. Es gehört sich nicht, bei Dreharbeiten Änderungen zu verlangen. In der Vergangenheit habe ich bei Miniserien manchmal Darsteller vorgeschlagen, aber ich war sehr zufrieden mit der Wahl, die hier getroffen wurde. Ian McShane ist ein Traum als der böse Bischof Waleran, dabei ist er in Wirklichkeit ein liebenswürdiger, sanfter Mensch.
Sie haben Ihre Romane in verschiedenen Epochen angesiedelt. In welcher würden Sie am liebsten selber leben?
Ich bin ganz sicher, dass ich nicht gerne im Mittelalter gelebt hätte, weil ich ein ziemlicher Geniesser bin und mir der Komfort und die Genüsse des modernen Lebens wie Zentralheizung und heisse Bäder gefallen.
Dann kämen für Sie nur das zwanzigste und das einundzwanzigste Jahrhundert oder allenfalls die viktorianische Ära in Frage.
Auf Ihre Art waren die Edwardianer die verwöhntesten Menschen aller Zeiten. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg verfügten die Wohlhabenden über endlose Reichtümer. Die Menschen zogen sich fünf Mal am Tag um, einfach weil sie die Kleider besaßen und wenig anderes zu tun hatten.
Frederick Forsyth hat unlängst bemerkt, er schreibe des Geldes wegen. Was treibt Sie?
Ich liebe es, Geld zu verdienen und insbesondere es auszugeben, aber ich würde diesen Beruf unbesehen für einen Prozent des Ertrages ausüben, weil ich Freude habe beim Gedanken, dass Millionen von Menschen eine Geschichte lesen, die ich mir ausgedacht habe. Natürlich wissen die Leser, dass das alles nie geschehen ist und bloss von einem Kerl am Computer erfunden wurde. Trotzdem reagieren sie, als habe sich die Geschichte ereignet. Ihre Augen stehen voller Tränen, sie lachen oder ihr Herz schlägt schneller. Das kommt mir vor wie ein Wunder. Dass ich diesen Zauber bewirken kann, macht mir so viel Spaß, dass ich auch schreiben würde, wenn es schlecht bezahlt wäre.
Sie können es sich leisten, das zu sagen.
Das stimmt. Am Anfang waren meine Bücher nicht sehr erfolgreich. Ich verdiente um die zweihundert Pfund. Das war damals nicht zu verachten. Andererseits konnte man sich keine Yacht damit kaufen.
„Säulen der Erde“ ist in Deutschland ein Riesenerfolg gewesen und wurde von 250 000 ZDF-Zuschauern nach der Bibel und „Herr der Ringe“ zum drittbesten Buch aller Zeiten gewählt. Wie erklären Sie sich das?
Das Buch ist in Deutschland sehr erfolgreich, aber das gilt auch für Spanien und Italien. In Frankreich wurden eine Million Taschenbücher verkauft, obwohl der Markt dort schwierig ist für Ausländer – das kam allein durch Mundpropaganda zustande. Der deutsche Verlag war von dem Buch mehr begeistert als die Amerikaner und die Briten. Mein deutscher Lektor hatte schon immer davon geträumt, ein Buch über die Kathedralen zu verlegen, und tat, was alle Lektoren tun sollten: den ganzen Verlag für das Buch zu begeistern. In Spanien hingegen hat mein damaliger Verleger das Buch sogar abgelehnt. Als es dann bei einem anderen Verlag erschien, wurde es eines der erfolgreichsten Bücher überhaupt in Spanien. Ich finde es ermutigend, dass ein gutes Buch sich manchmal durchsetzt, auch wenn der Verlag keine gute Arbeit geleistet hat.
Sie haben Fachleute, die Sie beraten. Wie arbeiten Sie mit ihnen zusammen?
Bei „Säulen der Erde“ habe ich die Experten ausgesucht. Bei meinem jüngsten Buch, „Sturz der Titanen“, der ersten Folge einer Trilogie über das zwanzigste Jahrhundert, hatte ich einen historischen Berater, der viel über die Zeit weiß, mir aber auch die Experten zu Spezialthemen, wie der russischen Revolution, der Militärgeschichte des Ersten Weltkrieges oder der englischen Politik vermittelt hat. Die Trilogie konzentriert sich auf das Schicksal von fünf Familien. Sie wird 1989 aufhören mit dem Mauerfall, der in gewisser Hinsicht das Ende des Jahrhunderts markiert.
Schreiben Sie ein Buch und lassen es dann von Historikern prüfen, oder geben Sie bestimmte Recherchen in Auftrag?
Die Informationen für meine Romane sammle ich selbst. Ich schreibe eine erste Fassung und lasse sie von Historikern prüfen. Ich bezahle sie gut, weil ich nicht will, dass sie den Text lediglich querlesen. Ich möchte auch nicht, dass sie mich fragen, ob dieses oder jenes tatsächlich hätte passieren können. Ich sage dann: „Sie sind der Experte. Ich bezahle sie und Sie müssen mir sagen, ob es hätte passieren können.“ Wenn dies nicht der Fall ist, bitte ich sie, mir etwas Ähnliches vorzuschlagen, damit ich die Handlung erhalten kann. In die zweite Fassung bringe ich dann solche Anmerkungen ein. An diesem Text wird dann nur noch ein bisschen gefeilt. Ich habe oft gesagt, dass ich kein Bestsellerautor wäre, wenn die erste Fassung in Druck ginge.
Sie wollten von Anfang an Bestseller schreiben?
Ich hatte nie die Einstellung vieler Schriftsteller, die behaupten: „Wenn tausend intelligente Menschen verstehen, was ich zu tun versuche, reicht es mir.“ Ich respektiere diese Haltung durchaus, aber ich habe sie nie geteilt. Für mich ist der Maßstab des Erfolges, Millionen von Lesern zu verzaubern.
Sex spielt in Ihren Büchern eine große Rolle.
Als ich zwölf Jahre alte war, durfte ich in die Erwachsenenbibliothek gehen, weil ich die Kinderbücher alle gelesen hatte. Dort entdeckte ich James Bond. Die Romane waren für einen Zwölfjährigen sehr aufschlussreich. Lange Zeit beruhte meine Kusstechnik auf Bond. Das hat ganz gut funktioniert.
Lesen Sie zum Vergnügen oder für den nächsten Roman?
Beides. Je älter ich werde, desto öfter lese ich Bücher wieder. Unlängst habe ich Dickens‘ „Große Erwartungen“ wiedergelesen. Ich schreibe überhaupt nicht wie Dickens, meine Prosa ist einfach, und er hat einen extravaganten Stil, aber ein Motiv ist die etwas abergläubische Hoffnung, dass etwas abfärbt. Ich bin ein großer Anhänger von Edith Wharton. Sie gehört zu den Schriftstellern, bei denen ich mir wünsche, so schreiben zu können wie sie. Ihre Handlungsstruktur ist wunderbar präzise.
Wollen sie nur unterhalten, oder auch eine Botschaft vermitteln?
Ich weiß nicht, ob es eine Botschaft ist, aber in meinen Büchern steigen einfache Menschen oft in große Höhen auf. Der Reiz von „Säulen der Erde“ liegt zum Teil darin, dass die Kathedrale von einfachen Menschen gebaut wird, die eine Steinmetzlehre gemacht haben. Mich inspiriert die Vorstellung, dass Menschen aus benachteiligten Verhältnissen große Leistungen vollbringen. Es ist eine linke Perspektive. Mein großer Held ist der Bluesmusiker Willie Dixon. Ich bewundere ihn nicht nur, weil er eine Genie war, sondern auch weil er aus sehr armen Verhältnissen kam, zu Fuß von seiner Heimat in Mississipi nach Chicago lief und ein großer Star wurde.
Sie sagen, dass Sie weder an Gott glauben, noch ein spiritueller Mensch sind.
Ja, deswegen geht es in „Säulen der Erde“ um die materiellen Probleme des Kirchenbaus. Es gibt einen anderen großen Roman über den Bau einer Kathedrale, William Goldings „Der Turm der Kathedrale“, der für mich der Inbegriff eines Buches über Spiritualität ist. Mein Roman und Goldings stehen an entgegengesetzen Enden des literarischen Spektrums. Das ist eigentlich wunderbar. Seine Belohnung ist der Nobelpreis und meine der Maserati.
Ein sehr informatives Interview mit sehr wertvollen Informationen
Karl-Heinz Klönne (kloenne)
- 14.11.2010, 18:53 Uhr