http://www.faz.net/-gr0-713ok

Karl Heinz Bohrer erzählt : Ich wollte das Fremde

  • -Aktualisiert am

Kölner Kinder in der Nachkriegszeit: „Solange die Trümmer die große Stadt ausfüllten, so lange konnte man sich etwas anderes vorstellen“, schreibt Karl Heinz Bohrer in „Granatsplitter“. Bild: J.H. Darchinger / Friedrich-Ebert-Stiftung

In Kürze erscheint Karl Heinz Bohrers Erzählung „Granatsplitter“. Beim Besuch des großen Literaturwissenschaftlers und Publizisten erzählt er, wie er darin NS- und Nachkriegszeit heraufbeschwört.

          War es schon Herbst neununddreißig oder erst Sommer vierzig? Die Jungen hatten plötzlich ein neues Spiel erfunden. Das konnte es vorher nicht gegeben haben. Buchstäblich über Nacht hatte es nämlich diese in allen Farben funkelnden Steine vom Himmel geregnet.“ Es war vor einigen Jahren, als wir im „Merkur“ zum ersten Mal diesem eigentümlichen, surrealen Ton lauschten. Wie im Märchen vom Sterntaler fiel das Schöne vom Himmel, nur waren es in dieser Geschichte Granatsplitter. Der Junge, von dem hier erzählt wurde, hütete sie wie einen Schatz, „von dem geheime Kräfte ausgingen“. Sie waren Talismane gegen die Alltäglichkeiten des Lebens. „Die Granatsplitter waren das Schönste, was man sich ausdenken konnte.“

          Die Freude am Farbenspiel der Splitter, die Sehnsucht des Jungen nach einem spannenden, gefährlichen Leben waren etwas anderes als die geläuterten und gedrückten Geschichten, die wir bisher als Jugenderinnerungen an das „Dritte Reich“ gelesen hatten. Der Einbruch des Spiels in die Zeit. So frei und unbefangen hatten wir eine deutsche Jugend im Krieg noch nie erzählt bekommen. Als könnte man den Vorhang der Moral, der uns von dem absoluten Präsens jener ferngerückten vierziger Jahre trennt, einfach beiseiteschieben, wurden wir in das Leben dieses abenteuerlichen Jungen hineingesogen. In diesem Sommer können wir weiterlesen: Im Hanser Verlag erscheint am 30. Juli „Granatsplitter“ - eine Erzählung von Karl Heinz Bohrer.

          Karl Heinz Bohrer
          Karl Heinz Bohrer : Bild: Isolde Ohlbaum/laif

          “Das sind keine Memoiren“, teilt Bohrer uns gleich mit, als wir uns mit ihm zum Gespräch verabreden. „Ich wollte nicht von mir erzählen, sondern von einer exotischen Welt der dreißiger, vierziger und frühen fünfziger Jahre. Das hat mich fasziniert in der Erinnerung, aber nicht als Wahrheitspartikel, sondern als Phänomen.“ Sofort sind sie da, die ästhetischen Kategorien, mit denen der Literaturwissenschaftler Bohrer sich die realistischen Zumutungen an die Literatur stets vom Leib gehalten hat. „Im Vordergrund stand die Gegenständlichkeit einer Erinnerung, die so sehr einging in Phantasien, die sich historisch gar nicht identifizieren lassen. Mir lag daran, diese Welt von damals als eine sehr fremde zu schildern. Ich musste mich enorm konzentrieren, weil die Erinnerungsmomente nicht einfach abrufbar waren, sondern in der Konzentration als vage Bilder erschienen.“ Ein solch skrupulöser Zugriff auf die eigene Jugend ragt heraus aus der Flut von Lebenserinnerungen, die uns die für die politische und intellektuelle Innenausstattung der Bundesrepublik maßgeblichen Jahrgänge um 1930 zurzeit in jeder Saison bescheren.

          Die protestantische Mitgift der ständigen Selbstkommentierung

          Wenn die Schleusen der Erinnerung sich öffnen, hat die Form in aller Regel hintanzustehen. Die Autobiographie hat sich nicht nur als Altersstil fest etabliert. Auch strenge Disziplinen sind betört von ihrem Sirenengesang. Man muss heute damit rechnen, dass auf den ersten Seiten eines Sachbuches keine Begriffe, Methoden oder Kategorien erprobt werden, sondern Anekdoten oder Geschichten aus dem Leben des Verfassers stehen. Diesen frivolen intellektuellen Lockerungsübungen scheint Bohrer sich widersetzen zu wollen. An der neuen Unschuld bürgerlichen Erzählens nimmt er nicht teil.

          „In der Autobiographie wird von dem Ich-Erzähler erwartet, dass die Zeiten einer langen Vergangenheit von einem jetzigen Bewusstsein kommentiert werden. Diesen permanenten Eingriff des Erzählers wollte ich vermeiden. Ich wollte das Fremde, auch im Jungen.“ Was ins autobiographische Sammelbecken ungefiltert einfließt, möchte Bohrer aus dem Bezirk seiner literarischen Erzählung verbannt wissen - die nachgeholten Meinungen und moralischen Lektionen des Tages. Gegen diesen Sündenfall, die protestantische Mitgift der ständigen Selbstkommentierung und Rechtfertigung, mobilisiert er die „Keuschheit des Blicks“.

          Weitere Themen

          Revision im Prozess um Scharia-Polizei Video-Seite öffnen

          BGH prüft Freigesprochene : Revision im Prozess um Scharia-Polizei

          Im Jahr 2014 war eine Gruppe von Männern durch Wuppertal patrouilliert und wollten junge Muslime ansprechen und sie ermahnen, nach der Lehre des Korans zu leben. Nachdem vor einem Jahr das Landgericht Wuppertal die Männer freigesprochen hat, ist die Staatsanwaltschaft in Revision gegangen.

          Topmeldungen

          GroKo-Verhandlungen : Union erhöht Druck auf SPD

          Die Sozialdemokraten sind weiter uneins hinsichtlich möglicher Gespräche über eine neue Regierungsbeteiligung. Auf eine Hängepartie wollen sich CDU-Politiker aber nicht einlassen.

          Lehrlinge : Ist die Berufsausbildung ein Auslaufmodell?

          In Deutschland gibt es weniger Ausbildungsplätze, aber auch weniger Bewerber. Und oft passen Stelle und Kandidat dann auch noch schlecht zusammen. Haben wir eine Azubi-Krise?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.