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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Karl Heinz Bohrer erzählt Ich wollte das Fremde

 ·  In Kürze erscheint Karl Heinz Bohrers Erzählung „Granatsplitter“. Beim Besuch des großen Literaturwissenschaftlers und Publizisten erzählt er, wie er darin NS- und Nachkriegszeit heraufbeschwört.

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© J.H. Darchinger / Friedrich-Ebert-Stiftung Kölner Kinder in der Nachkriegszeit: „Solange die Trümmer die große Stadt ausfüllten, so lange konnte man sich etwas anderes vorstellen“, schreibt Karl Heinz Bohrer in „Granatsplitter“.

War es schon Herbst neununddreißig oder erst Sommer vierzig? Die Jungen hatten plötzlich ein neues Spiel erfunden. Das konnte es vorher nicht gegeben haben. Buchstäblich über Nacht hatte es nämlich diese in allen Farben funkelnden Steine vom Himmel geregnet.“ Es war vor einigen Jahren, als wir im „Merkur“ zum ersten Mal diesem eigentümlichen, surrealen Ton lauschten. Wie im Märchen vom Sterntaler fiel das Schöne vom Himmel, nur waren es in dieser Geschichte Granatsplitter. Der Junge, von dem hier erzählt wurde, hütete sie wie einen Schatz, „von dem geheime Kräfte ausgingen“. Sie waren Talismane gegen die Alltäglichkeiten des Lebens. „Die Granatsplitter waren das Schönste, was man sich ausdenken konnte.“

Die Freude am Farbenspiel der Splitter, die Sehnsucht des Jungen nach einem spannenden, gefährlichen Leben waren etwas anderes als die geläuterten und gedrückten Geschichten, die wir bisher als Jugenderinnerungen an das „Dritte Reich“ gelesen hatten. Der Einbruch des Spiels in die Zeit. So frei und unbefangen hatten wir eine deutsche Jugend im Krieg noch nie erzählt bekommen. Als könnte man den Vorhang der Moral, der uns von dem absoluten Präsens jener ferngerückten vierziger Jahre trennt, einfach beiseiteschieben, wurden wir in das Leben dieses abenteuerlichen Jungen hineingesogen. In diesem Sommer können wir weiterlesen: Im Hanser Verlag erscheint am 30. Juli „Granatsplitter“ - eine Erzählung von Karl Heinz Bohrer.

“Das sind keine Memoiren“, teilt Bohrer uns gleich mit, als wir uns mit ihm zum Gespräch verabreden. „Ich wollte nicht von mir erzählen, sondern von einer exotischen Welt der dreißiger, vierziger und frühen fünfziger Jahre. Das hat mich fasziniert in der Erinnerung, aber nicht als Wahrheitspartikel, sondern als Phänomen.“ Sofort sind sie da, die ästhetischen Kategorien, mit denen der Literaturwissenschaftler Bohrer sich die realistischen Zumutungen an die Literatur stets vom Leib gehalten hat. „Im Vordergrund stand die Gegenständlichkeit einer Erinnerung, die so sehr einging in Phantasien, die sich historisch gar nicht identifizieren lassen. Mir lag daran, diese Welt von damals als eine sehr fremde zu schildern. Ich musste mich enorm konzentrieren, weil die Erinnerungsmomente nicht einfach abrufbar waren, sondern in der Konzentration als vage Bilder erschienen.“ Ein solch skrupulöser Zugriff auf die eigene Jugend ragt heraus aus der Flut von Lebenserinnerungen, die uns die für die politische und intellektuelle Innenausstattung der Bundesrepublik maßgeblichen Jahrgänge um 1930 zurzeit in jeder Saison bescheren.

Die protestantische Mitgift der ständigen Selbstkommentierung

Wenn die Schleusen der Erinnerung sich öffnen, hat die Form in aller Regel hintanzustehen. Die Autobiographie hat sich nicht nur als Altersstil fest etabliert. Auch strenge Disziplinen sind betört von ihrem Sirenengesang. Man muss heute damit rechnen, dass auf den ersten Seiten eines Sachbuches keine Begriffe, Methoden oder Kategorien erprobt werden, sondern Anekdoten oder Geschichten aus dem Leben des Verfassers stehen. Diesen frivolen intellektuellen Lockerungsübungen scheint Bohrer sich widersetzen zu wollen. An der neuen Unschuld bürgerlichen Erzählens nimmt er nicht teil.

„In der Autobiographie wird von dem Ich-Erzähler erwartet, dass die Zeiten einer langen Vergangenheit von einem jetzigen Bewusstsein kommentiert werden. Diesen permanenten Eingriff des Erzählers wollte ich vermeiden. Ich wollte das Fremde, auch im Jungen.“ Was ins autobiographische Sammelbecken ungefiltert einfließt, möchte Bohrer aus dem Bezirk seiner literarischen Erzählung verbannt wissen - die nachgeholten Meinungen und moralischen Lektionen des Tages. Gegen diesen Sündenfall, die protestantische Mitgift der ständigen Selbstkommentierung und Rechtfertigung, mobilisiert er die „Keuschheit des Blicks“.

Aber wir können allen ästhetischen Warnschildern zum Trotz der Versuchung natürlich nicht widerstehen, nach historischen Augenblicken und autobiographischen Episoden zu fragen - zumal uns ja nicht der Junge des Buches gegenübersitzt, sondern Karl Heinz Bohrer, Jahrgang 1932. Über die Kindheit in den dreißiger Jahren verfüge er nur noch über „spurenhafte Bilder“. „Die Wohnung in Berlin in der Uhlandstraße. Ein schöner alter großer Salon mit einem grünen Kachelofen. Auch eine Art Dienstmädchen, eine runde blonde Amme, die sich zu mir herunterbeugt.“ Mitte der dreißiger Jahre zieht die Familie aus Berlin ins vermeintlich politisch ruhigere Köln - was sich nach dem Einmarsch der Wehrmacht ins Rheinland schnell als Illusion erweist.

Der autobiographische Zufall

Das neue „soldatische Zeitalter“ nimmt er dann, Ende 1939, in den Marschtruppen der durch Köln skandierend daherziehenden Truppen nach Westen wahr: „Eine braun-grüne Phalanx deutscher Soldaten unterm Helm, mit Stahlhelm und Bajonett. Als beistehender Junge auf der Straße habe ich das mit Bewunderung und Grauen beobachtet. Aber viel dominanter waren zu jener Zeit der Kummer und die Traurigkeit über die Entwicklung der Ehe meiner Eltern. Interieurs mit Tango-Musik und eine mondäne Mutter, die mich abends alleine ließ, und einem Vater, der immer häufiger nicht nach Hause kam.“

Genau hier setze „Granatsplitter“ ein. Das Buch erzähle die Geschichte dieses Jungen vom ersten Kriegsjahr 1939 über seine Internatsjahre auf dem Birklehof im Hochschwarzwald bis zu seinem ersten England-Aufenthalt 1953. Dabei sind die äußeren historischen Daten für Bohrer zweitrangig: „,Granatsplitter’ ist eine Erzählung über sich fortsetzende Faszinierungsmöglichkeiten an einer Welt des Ungesagten und Seltsamen - auch des Surrealistischen. Es ist die Geschichte eines Jungen, der besessen ist vom Abenteuer und von dem, was nicht alltäglich ist. Aber es handelt sich bei ihm nicht um ein Phantasiewesen, das sich herumtreibt in einer grauenhaften politischen Zeit und davon nichts wahrnimmt.“ Das „schockhafte Erkennen“ der NS-Verbrechen spielt für diesen Jungen, so Bohrer, im Buch eine große Rolle - aber eben nicht als explizite moralische Kritik: „Das ist alles in szenische Wahrnehmungen verwandelt.“

Der autobiographische Zufall spielt Bohrer mit dem Birklehof auf den „elysischen Feldern“ des Hochschwarzwaldes eine Kulisse zu, in der sich das Erhabene und das Verbrecherische der eigenen Zeit ineinander spiegeln. Der Auszug aus dem „Granatsplitter“, der vorab schon zu lesen war, endete mit einer Aufführung von Aischylos’ „Agamemnon“ durch die Schüler des Birklehofs. Über diese Aufführung schrieb Bohrer im Vorwort seines Buchs über „Das Tragische“ (2009), dass sie die ursprüngliche Motivation all seines Nachdenkens über die Tragödie war. Die Wirkung war nicht zuletzt so groß, weil es zu einer „komplexen Verdopplung“ kam: „Das war im Sommer 1944, wenige Wochen nach dem Attentat auf Hitler. Die Gleichzeitigkeit von Mykene und der Gemetzel dieses Sommers sind dem Jungen damals schlagartig bewusst geworden. Dieser Mordgeruch, der aufsteigt aus dem Haus der Atriden, vermischte sich mit den Geschichten über die Bestialitäten der Nazi-Zeit, über die ihn sein Vater und ein holländischer Mitschüler kurz zuvor unterrichtet hatten.“

Ein Vorhang, der aufgeht

Nach dem Ende des Krieges kehrt der junge Bohrer in das Internat zurück. Wie eine humanistische Zeitkapsel ragt der Birklehof nun in die Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik hinein. Es fällt nicht leicht, sich den Außenseiter Bohrer in dieser Klause des Geistes mit ihren strengen disziplinarischen Regeln vorzustellen. „Ich verstehe heute selbst kaum mehr, wie ich damals, ohne mit der Wimper zu zucken, immer mit mindestens zwei Schülern auf dem Zimmer geschlafen habe. Zum Teil war ich sogar als Zimmerführer für die beiden anderen verantwortlich, für ihr ordentliches Benehmen, für ihre Schularbeiten. Die Sehnsucht nach Alleinsein kam gar nicht erst auf, weil der Schulalltag als ungemein spannend empfunden wurde. Jede Unterrichtsstunde hatte ein Bedeutsamkeitszeichen.“

Sofort verlieren wir uns in einem Gespräch über dieses legendenumwobene Internat, über die Zentralgestirne Max Kommerell, Ernst Robert Curtius oder den Internatsleiter Georg Picht - dieses Verwandtschaftsknäuel des deutschen Geistes, dessen Schatten über Vermittlerfiguren wie Hellmut Becker oder Ernst Klett bis an die Schwelle von Bohrers langjähriger Herausgeberschaft des „Merkur“ reichen sollte. Mit seinem Interesse für Kategorien wie das „Erhabene“ oder „Pathos“ hat Bohrer sich bei allen Neuakzentuierungen dieser Herkunftswelt nie ganz entfremdet, auch wenn ihm der „frömmelnde Tonfall“ und eine besondere Form von Birklehof-Pädagogik schon früh auf die Nerven gingen. „Die Schule ist erhalten geblieben, obwohl eine Burgzinne von dem Jungen geschleift worden ist - und die hieß Picht.“

Zuerst wollte Bohrer sein Buch mit diesem Intermezzo enden lassen, berichtet er. „Da gibt es aber etwas, was mit dem Birklehof nichts zu tun hat, den Jungen aber überfallmäßig beeinflusst hat: England. Ob die flachkehligen Stimmen der englischen Soldaten oder das heroische Shakespeare-Englisch von Laurence Olivier - das hatte den Vierzehnjährigen nach dem Krieg sehr beeindruckt. Der Westen, England und Frankreich, begann, eine ungeheure Verlockung zu werden, psychologisch, landschaftlich, auch kulturell. Ein Vorhang, der aufgeht.“

Die Abgründigkeit einer vergangenen Zeit

Und so schließe das Buch mit der ersten England-Reise des Jungen. Überrascht hören wir, dass Bohrer dagegen erst Mitte der neunziger Jahre zum ersten Mal in die Vereinigten Staaten reiste. Anders als für viele aus seiner Generation, für die ein amerikanisches Semester zur Entelechie ihres bundesrepublikanischen Erziehungsromans gehört, war der amerikanische Westen für Bohrer lange Zeit mehr Imagination als erfahrene Realität.

All das, was seinen Ruf als Literaturwissenschaftler und Publizist begründet, das bundesrepublikanische Nachleben samt der Aufgeregtheiten und Debattenlagen, hat Bohrer in seinem Buch ausgeklammert. „Die Kriegsjahre und der Birklehof waren für mich unendlich eindrucksvoller als die Jahre an der Universität. Die Bundesrepublik hätte dem Erzähler einen realistischen Stil mit absehbaren Wertungen und Identifikationen abgenötigt. Genau das wollte ich nicht.“ Dabei gebe es auch in der Bundesrepublik einiges Phantastisches zu erzählen, denken wir nur an Bohrers eigene funkelnde Capriccios „Sechs Szenen Achtundsechzig“ über seine „Affäre“ als Redakteur dieser Zeitung mit der Studentenrevolte, die in seinem jüngsten Aufsatzband „Selbstdenker und Systemdenker“ erschienen sind.

„Granatsplitter“ scheint nicht zuletzt deshalb ein so kühnes, ambitioniertes Unterfangen zu sein, weil die Erzählung mit Bohrers ästhetischer Theorie korrespondiert. Wie lässt sich die Abgründigkeit und Unheimlichkeit einer abgeschlossenen, vergangenen Zeit evozieren? Durch historische realistische Annäherung? Oder nur durch Imagination, wie Bohrer in seinen theoretischen Schriften unermüdlich betont? Dieser phantastische Junge würde uns auch fesseln, wenn seine Jugend im Krieg sich nicht mit der des exzentrischen Intellektuellen Karl Heinz Bohrer deckte.

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