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Kafkas Nichte : Die Welt ist ja nicht zum Aushalten

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War noch ein kleines Kind, als ihr Onkel Franz starb: Vera Saudková Bild: Vera Koubova

Vera Saudková, Tochter von Kafkas Lieblingsschwester Ottla, ist die Letzte aus der Familie, die den berühmten Onkel noch erlebt hat. Heute wohnt die ehemalige Lektorin und Übersetzerin, die in Kürze 90 Jahre alt wird, wieder in ihrem Elternhaus in Prag.

          „Nun hat Vera den himmlischen Tisch verlassen und sieht von Deinem Arm auf den irdischen hinunter und er gefällt ihr nicht oder vielmehr ist von Gefallen gar nicht die Rede, sie muß sich nur an ihn gewöhnen, das muß eine schreckliche für uns unvorstellbare Arbeit sein. ,Die Welt ist ja nicht zum Aushalten' sagt sie sich manchmal, ,nur schnell sich volltrinken.'“ Diese Vera, deren erste Schritte auf der Welt Franz Kafka in den Briefen an seine Schwester Ottla liebevoll begleitete, wird am 27. März neunzig Jahre alt. Nachdem ihre jüngere Schwester Helena vor zwei Jahren starb, ist sie die letzte von Kafkas Nichten, die Einzige, die fast alle kannte, die einst zu seinem familiären Umfeld gehörten.

          Im Jahr 1921 in Prag, in Mitteleuropa, auf die Welt zu kommen lässt nichts Gutes erwarten, zumal, wenn man aus einer jüdischen Familie stammt. Das wissen wir aber erst heute. Und so führte die Familie David mit ihren zwei Mädchen unbesorgt ein normales Leben einer bürgerlichen Prager Familie. Und weil die Davids sportlich waren, gehörten zu ihrem Leben auch Ausflüge, Wochenendhäuschen an der Moldau, Volleyballspielen, Wanderungen in der Hohen Tatra und Skifahren. Auf den Fotografien aus dieser Zeit sind Ottla und ihre Töchter sich liebevoll zugetan, aber nicht mit der Liebe, die den anderen für sich vereinnahmt, sondern zur Freiheit befähigt.

          Die Ehe der Eltern war allerdings nicht spannungsfrei. Josef David, aus kleinen Verhältnissen stammend, strebte nach oben und orientierte sich in seinen Maximen an der feinen Außenwelt. Ottla dagegen lebte unbeirrbar nach ihren inneren Gesetzen. Hätte sich Josef David einen formalen bürgerlichen Lebensstil gewünscht, galten Ottlas Sympathien denen da unten, den Armen, Landstreichern, Ausgestoßenen. Wie oft musste sie ihre nicht standesgemäßen Besucher vor dem zurückkehrenden Mann in der Besenkammer verstecken! Für ihre Töchter wurde sie zum Vorbild - lebenslang. Kein Wunder, dass auch Vera die sympathischen Menschen unter ihren Generationsgenossen eher unter den Linken in der „Mladá kultura“ (Junge Kultur) fand, aus der sich dreißig Jahre später die Reformkommunisten des Prager Frühlings rekrutieren sollten.

          Trainerin schwedischer Gymnastik

          War der „irdische Tisch“ für Vera in den ersten siebzehn Jahren ihres Lebens gut bestellt, wurde er 1938 mit dem Münchener Abkommen brutal abgeräumt. Und es sollte noch schlimmer kommen. Einen Tag nachdem die Wehrmacht am 15. März 1939 die „Resttschechei“ besetzte, begann schon die Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben. Auch Ottla hatte bald in ihrem Personalausweis das rote „J“ für Juden, war aber geschützt durch ihren nichtjüdischen Ehemann, der seinerseits wegen seiner jüdischen Ehefrau Schwierigkeiten zu erwarten hatte. Vera wollte gerade das Studium an der Philosophischen Fakultät beginnen, als nach den Studentendemonstrationen die Universitäten im ganzen Protektorat geschlossen wurden.

          Dann kamen die Deportationen. Als Erste kamen im Herbst 1941 Ottlas älteste Schwester Elli und ihre Tochter Hanna an die Reihe, Bestimmungsort Lodz. Zehn Tage später folgte die jüngere Schwester Valli mit ihrem Mann, im Dezember Fräulein Werner, das unentbehrliche Faktotum der Familie. Das Ritual war für Ottla und ihre Töchter bei jedem Abschied gleich: beim Packen helfen, die letzte Nacht zusammen verbringen und am Morgen die Familienmitglieder zur Sammelstelle auf dem Messegelände begleiten. Und selbst zurückbleiben - für Ottla eine moralisch unerträgliche Situation. Und so betritt sie, inzwischen geschieden, ihrem Judentum ausgeliefert, aber sich selbst treu, am 3. August 1942 die Sammelstelle.

          Die Töchter wollten der Mutter nach Theresienstadt folgen, als „nur“ Halbjüdinnen durften sie es nicht. Der Mutter mit Lebensmittelpaketen zu helfen wurde für sie zum Sinn des Lebens. Geld dafür verdient Vera als Trainerin schwedischer Gymnastik. Karel Projsa, der sich schon vor dem Krieg mit Kafka beschäftigte und jetzt vielen Juden half, wurde in dieser Situation aus sachlichen Gründen Veras Ehemann. Ein Versteck fand bei ihnen auch der Autor des berühmten Romans „Leben mit dem Stern“, Jirí Weil.

          Genau und klar wie immer

          Da war aber der Krieg endlich zu Ende, und für Vera und Helena begann das vergebliche Warten auf die Mutter. „Eine von uns war immer zu Hause, die andere auf dem Bahnhof, wo die Züge mit den KZ-Häftlingen ankamen“, erinnert sich Vera Saudková. Erst nach und nach wird klar, dass Ottla zusammen mit den Kindern aus Bialystok, um die sie sich in Theresienstadt kümmerte, in Auschwitz den Tod fand. Wie lebt man mit solchen Erfahrungen weiter? Auf dem irdischen Tisch waren für Vera doch ein paar Gaben vorbereitet: das Glück der Ehe mit dem bekannten Shakespeare-Übersetzer Erich A. Saudek, aus der fünf Kinder hervorgingen. Aber auch diese Gaben hatten ihren Preis: Der 1954 geborene Josef starb mit sechs Jahren an Leukämie, und Erich A. Saudek erlitt 1963 einen Herzinfarkt und ertrank im Meer vor den Augen seiner Familie.

          Verwitwet arbeitete Vera Saudková als Verlagslektorin, übersetzte aus dem Deutschen und wurde zu einer gesuchten Gesprächspartnerin der nach Prag kommenden Kafka-Forscher. In der Zeit der Normalisierung nach dem Ende des Prager Frühlings haben unter ihrem Namen Übersetzer publiziert, die Arbeitsverbot hatten. Heute lebt Vera Saudková wieder in dem Haus, das ihr Großvater einmal seinen Töchtern gekauft hatte und in dem sie groß geworden ist - mit dem irdischen wie auch dem himmlischen Tisch versöhnt. Ihr Lebensreich ist auf Zimmer und Küche beschränkt, ihre Urteilskraft genau und klar wie immer. Nur für Kafka-Interpretationen ist hier kein Raum. Denn hier ist Kafka an erster Stelle der Onkel Franz, strýc Frantisek. Und es ist gut so.

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