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Pamphlet über die Filmbranche : Der Ekel

Der Schriftsteller und Filmregisseur Oskar Roehler Bild: Frank Röth

Oskar Roehlers Roman „Selbstverfickung“ ist ein wütendes und sehr schmutziges Buch. Keiner wollte es verlegen. Jetzt ist es doch erschienen.

          Ein Mann schreibt ein Buch über seine „Herkunft“. Es ist nicht irgendeine Herkunft. Der Mann ist der Filmregisseur Oskar Roehler. Er wurde durch „Die Unberührbare“ berühmt, durch jenen Film über seine Mutter, für den er im Jahr 2000 den deutschen Filmpreis bekam. Die Mutter, im Film gespielt von Hannelore Elsner, war die Schriftstellerin Gisela Elsner. Sie hieß hier zwar anders, war aber durch eine riesige schwarze Perücke und die schwarz geschminkten Augen unschwer zu erkennen. In diesem schwarzen Femme-fatale-Auftritt hatte sich Gisela Elsner Anfang der sechziger Jahre bei einer Tagung der Gruppe 47 einen Namen gemacht und ihren Mann, den Lektor Klaus Roehler, der auch schrieb, in den Schatten gestellt.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In „Die Unberührbare“ kamen aus dem Fernseher Jubelnachrichten von der ersten Nacht am offenen Brandenburger Tor, und vor dem Fernseher in ihrem Münchner Wohnzimmer saß die Mutter, hielt sich an einer letzten Zigarette fest und sagte in den Telefonhörer: „Ich bring’ mich jetzt um.“ Im Roman „Herkunft“ kehrte Oskar Roehler in die Vergangenheit zurück, wieder nicht ausdrücklich autobiographisch, aber doch deutlich angelehnt an seine eigene Geschichte: Oskar Roehler ist der Sohn von Klaus Roehler und Gisela Elsner. Die Mutter setzte sich ab, als er drei war; der Vater vernachlässigte den Jungen schwer. Das Buch erzählte von diesen Vernachlässigungen.

          Roehler ist einzigartig in seiner Radikalität

          Und es war nicht irgendein Buch. Es war eins der unerbittlichsten und berührendsten Bücher über die alte Bundesrepublik überhaupt, mit dem der Schriftsteller Oskar Roehler mit voller Wucht die Bühne der deutschen Literatur betrat – atemberaubend sprachsicher und radikal. Seine Radikalität lag nicht so sehr in der Art und Weise, wie er erzählte, sondern in dem, was erzählt wurde: die Misshandlungen als Baby, das die Eltern in ihrem Künstlersein störte und das mit vollgeschissenen Windeln einfach auf den Schrank gesetzt wurde; je lauter es schrie, desto lauter hämmerte die Mutter mit der Schreibmaschine gegen das Geschrei an; die gefährliche Einsamkeit als Schlüsselkind auf Berliner Spielplätzen.

          In seinem zweiten Buch, „Mein Leben als Affenarsch“, hat Oskar Roehler – wieder angelehnt an seine eigene Geschichte – über die Paranoia und den Stillstand der achtziger Jahre in West-Berlin geschrieben. Auch hier war vor allem krass, was passierte. Es ging um die Exzesse eines Punks – vom Peepshow-Job bis zu Speed-Abstürzen: „Ich gerate so in Rage, dass ich ausschere und erneut in den Landwehrkanal springe. Ich kraule, ja, ich schwimme sogar Butterfly, trotz des Wehrmachtsmantels. Ich spüre, die Wahrheit des Augenblicks besteht darin, dass ich der Ausdruck des gesammelten Wahnsinns von Westberlin bin – das Wahrzeichen sozusagen.“

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