http://www.faz.net/-gr0-z1fn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.05.2011, 19:55 Uhr

Jugendliteratur So wie wir waren

Der amerikanische Schriftsteller John Green schreibt große Bücher für Jugendliche. Er ist für Teenager das, was Philip Roth für Männer und John Updike für Ehepaare ist - er liest die Welt aus ihnen ab.

von
© Kai Nedden Recherchereise: John Green in seiner Amsterdamer Schreibstube

Vielleicht liegt es daran, dass die Vereinigten Staaten von Amerika, menschheitsgeschichtlich gesehen, immer noch in der Pubertät stecken, dass so viele ihrer großen Bücher davon handeln, wie man groß wird. Was man dabei falsch machen kann und was richtig, wie man seinen Platz in der Welt findet und merkt, dass andere ihren Platz auch wollen, und oft ist es derselbe, und dann wird es schwierig. Wie man das erste Mal liebt und diese Liebe dann zum ersten Mal verliert, wie man sich weh tut dabei, wie das wieder verheilt und man beim zweiten Mal vorsichtiger wird oder gerade nicht. Wie man ein autonomes Wesen unter anderen autonomen Wesen wird und endlich das Haus verlässt, in die Welt geht und dort feststellt, was man verloren hat oder auch gewonnen, und irgendwann, wenn sich das nicht ausbalanciert, wieder umkehren will, aber es führt kein Weg zurück. „You can't go home again“, so heißt eines dieser großen amerikanischen Bücher, Thomas Wolfe hat es geschrieben.

Tobias Rüther Folgen:

Vielleicht ist das alles aber auch ein großer Quatsch, keine seriöse, nur sentimentale Geschichtsschreibung. Vielleicht ist es einfach Zufall, dass Thomas Wolfe aus Amerika kam, genau wie Harper Lee oder Stephen King. Dass Edward Hopper dort geboren wurde, der Tankstellenmaler, genau wie Bruce Springsteen, der Volltanken-bitte-Sänger, der Sätze in seine Songs schrieb wie „It's a town full of losers / And I'm pulling out of here to win“ oder „We swore blood brothers against the wind / I'm ready to grow young again“. Ein Zufall, wirklich? Von einem John Hughes aus Schweden oder Honduras hat man jedenfalls noch nichts gehört, es gibt bislang nur den aus dem Mittleren Westen, der Filme wie „Breakfast Club“ oder „Pretty in Pink“ drehte, Epen mit mythischen Figuren, die immer wieder die gleiche Geschichte erleben: Wir sind jung. Wie geht es jetzt weiter?

Mehr zum Thema

Knapp über der Gegenwart schweben

Und, nur der Vollständigkeit halber: Jack Kerouac, Peter Fonda und Dennis Hopper, Truman Capote und die Typen von „Glee“, alles Amerikaner. Silvia Plath, F. Scott Fitzgerald, Mark Twain, J. D. Salinger, Jack London, Wes Anderson, Donna Tartt.

John Green-2 © Kai Nedden Vergrößern Für Teenager ist der freie Wille interessant: John Green, Jahrgang 1977

Und John Green.

Es ist nicht schlimm, noch nie von John Green gehört zu haben, jedenfalls nicht, wenn man älter als 15 ist. John Green schreibt Bücher für 15-Jährige. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist John Green einer der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Weil er für 15-Jährige schreibt. Und zwar Bücher, die wiederum überhaupt kein Alter haben, irgendwie so knapp über der Gegenwart schweben, dass man nicht sagen könnte, in welchem Jahr sie spielen, nur welcher Augenblick in ihnen beginnt und nicht mehr aufhört: der nämlich, in dem man sich seiner selbst bewusst wird.

Und weil dieser Augenblick eben ein Leben lang nachwirkt, weil man sich ja ein Leben lang fragt, wer man ist und wie es nur dazu kommen konnte, sind die Jugendbücher, die John Green darüber schreibt, wie Nachschlagewerke, wie eine Grammatik, in der man auch mit 25, 35, 55, 65 lesen kann, um zu überprüfen, ob alles richtig war. Und ist. Oder wieder werden kann.

„Ich wollte mit am Tisch sitzen“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Roman von Bonnie-Sue Hitchcock Mutter war halb Mensch, halb Robbe

Eine glückliche Greisin duftet nach Möbelpolitur: Bonnie-Sue Hitchcock zeichnet den Weg von vier Jugendlichen nach, die im jungen Bundesstaat Alaska ihren Platz in der Welt suchen. Mehr Von Katharina Laszlo

19.08.2016, 12:12 Uhr | Feuilleton
Wellenreiten Wo eine Welle ist, ist auch ein Weg

Über das Wellenreiten wurden viele Bücher geschrieben, aber so eines noch nicht: Die Kulturgeschichte Surfing 1778 - 2015 von Jim Heimann ist umwerfend und episch wie der Sport selbst. Mehr Von Niklas Maak

21.08.2016, 10:19 Uhr | Aktuell
Justin Bieber Einer gegen 77 Millionen

Justin Bieber hat seinen Instagram-Account gelöscht – er ärgerte sich über hasserfüllte Kommentare seiner Fans. Was bedeutet das für die Zukunft des Pop? Mehr Von Boris Pofalla

21.08.2016, 12:27 Uhr | Feuilleton
Premier League Ibrahimovic macht es im Alleingang

Welch ein Einstand in Old Trafford! Mit einem Doppelpack schießt Zlatan Ibrahimovic Manchester United in seinem ersten Heimspiel für die Red Devils zum Sieg über Southampton. Die Höhepunkte im Video. Mehr

20.08.2016, 11:31 Uhr | Sport
Filmkritik: Suicide Squad Bewährung ist kein Teamsport

Batman und der Joker spielen hier nur Nebenrollen, Schurkinnen und Schurken stehen im Mittelpunkt. Doch dafür ist die Comicverfilmung Suicide Squad erstaunlich konventionell geraten. Mehr Von Dietmar Dath

18.08.2016, 11:13 Uhr | Feuilleton
Glosse

Unterirdisch

Von Sandra Kegel

Der Bunkerwahn ist ein Relikt der atomkriegstraumatisierten fünfziger Jahre. Dachte man. Wie erklärt man den aktuellen Appell zur Vorratshaltung der Gamescom-Generation? Mehr 2 4

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“