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Judith Schalansky im Gespräch : Wie tut man Büchern Gewalt an, Frau Schalansky?

„Ich lebe unter dem Zwang, das perfekte Buch zu machen, aber das gibt es natürlich nie“: Judith Schalansky Bild: Burkhard Neie/xix

Ihr Buch „Der Hals der Giraffe“ ist gerade von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet worden. Judith Schalansky hat es geschrieben und gestaltet. Ein Gespräch über das Buch als Form, Fetischismus und die Liebe zum Totalitären.

          Am vergangenen Mittwoch hat sie in Frankfurt den Preis für das schönste deutsche Buch gewonnen. Entsprechend gut gelaunt und meinungsfreudig erscheint Judith Schalansky zum Gespräch bei Tee und Kuchen. Auf dem Tisch liegen ihre vier eigenen Bücher, doch sie zieht sofort ein fremdes aus der Tasche.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ich habe ein neues von mir gestaltetes Buch mitgebracht, Herr Platthaus, das Sie noch nicht kennen werden.

          „Indigo“ von Clemens Setz? Das habe ich als Fahne gelesen, aber als fertiges Buch wirklich noch nicht gesehen. Das haben Sie gestaltet?

          Ja. Clemens und ich kennen uns, und dieser Roman hat mir sehr gefallen in seiner Abgründigkeit.

          Interessante Kategorie. Sigrid Löffler hat, wie ich gehört habe, das Buch „totalitär“ genannt.

          Auch nicht schlecht. Mir gefällt so etwas an Büchern. Ich bin mit entsprechend viel Vergnügen darangegangen. Am Schluss hatte ich aber Sorge, dass ich mit meiner Gestaltung Clemens sein Buch wegnehmen könnte. Er hat aber gesagt, genau das erwarte er von mir.

          Werden Sie jetzt bei Suhrkamp regelmäßig als Gestalterin agieren?

          Ich würde das eher als Ausnahme sehen. Aber demnächst gestalte ich wieder mehr Bücher von anderen Autoren. Allerdings dann als Herausgeberin beim Verlag Matthes & Seitz mit Andreas Rötzer zusammen.

          Darf man das schon bekanntgeben?

          Ich habe Andreas Rötzer gefragt, und er sagte, ich dürfe das lancieren, was ich hiermit tue. Wir machen etwas sehr Schönes: eine Reihe über Natur und Tiere, die „Naturkunden“ heißen wird. Seit Monaten treffen wir uns jetzt und beraten. Ein Schneckensexbuch? Ja!

          Ein Schneckensexbuch gibt es doch bereits.

          Wirklich?

          Na ja, in Hans Henny Jahnns „Fluss ohne Ufer“ gibt es eine sehr genaue Schilderung des Liebeslebens der Schnecken. Man glaubt nicht, wozu die Natur imstande ist.

          Wir wollen es mit Bildern machen, kleine Bücher, große Bücher. Aber alle aus diesem Segment zwischen Sachbuch und Literatur, das ich persönlich am allerreizvollsten finde. Es werden acht, neun Titel im Jahr, und im Frühjahr beginnen wir mit einem Buch über Krähen, geschrieben von Cord Riechelmann. Nachdem ich mich im letzten Jahr ins Repräsentieren als Autorin von „Der Hals der Giraffe“ schicken musste, bin ich glücklich, nun endlich wieder Bücher zu machen, die ich nicht unbedingt selbst schreiben, sondern mir nur ausdenken muss. Die Gestaltung ist für mich ja auch eine Autorenleistung.

          Das drückte sich ja schon in Ihrer Sorge aus, Clemens Setz sein Buch wegzunehmen. So ein Satz spricht von einem immens hohen Selbstbewusstsein als dessen Gestalterin.

          Finden Sie das zu vermessen?

          Nein. Jeder Leser macht doch die Erfahrung, dass die Materialität eines Buchs - sein Aussehen, sein Geruch, das Gefühl beim Halten - das Erlebnis der Lektüre erst zu dem macht, was es ist. Wenn ich das gleiche Buch in anderer Ausstattung lese, verändert sich die Lektüre, weil der synästhetische Effekt variiert.

          Natürlich, und deshalb ärgert mich in dieser ganzen Debatte um die Zukunft des Buchs die Behauptung, es ginge nur um Inhalte. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Inhalt ohne Form gesehen. Das Allerwichtigste am Buch ist doch sein Format: Wie viel sagt das schon aus! Die Verkleinerung etwa zu Beginn des Druckzeitalters. Wir dürfen nicht vergessen, dass die ganze Geschichte des Romans mit der Einhandlektüre begann - nicht von ungefähr hat das ja etwas mit der Masturbation zu tun. Die Annahme, das ließe sich einfach auf ein elektronisches Lesegerät bannen, ist etwas, das mich unruhig macht.

           Wäre das denn keine gestalterische Herausforderung für Sie: mit der festen Formatvorgabe, die jedes Lesegerät bedeutet, möglichst geschickt und inhaltsadäquat umzugehen? Zumal diese Geräte ja auch Stärken haben. Nehmen Sie nur die Leuchtkraft des iPads: Seit dem Zeitalter der alten Diapositiva habe ich nichts Brillanteres bei der Farbwiedergabe gesehen. Ich bin sicher, dass das den Todesstoß für die gedruckten Kunstkataloge bedeutet - weniger Gewicht, bessere Bildqualität.

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