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John Maddox Roberts im Interview Zeitgenosse Caesar

 ·  Eine Polizei gab es nicht, und Mord war nicht so verwerflich wie Brandstiftung: Der amerikanische Schriftsteller John Maddox Roberts über seine Krimis aus dem alten Rom und über die Parallelen zwischen Antike und Moderne.

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Eine Polizei gab es nicht, und Mord war nicht so verwerflich wie Brandstiftung: Der amerikanische Schriftsteller John Maddox Roberts über seine Krimis aus dem alten Rom und über die Parallelen zwischen Antike und Moderne (siehe auch: John Maddox Roberts und seine Krimis aus dem alten Rom)

Mr. Roberts, Sie haben, bevor Sie mit der SPQR-Serie begannen, Science-fiction-Romane geschrieben. Wie sind Sie da ausgerechnet auf einen Krimi gekommen, der im alten Rom spielt?

In den späten achtziger Jahren war Science Fiction mal wieder in einer Krise, und meine Agentin rief mich an und fragte, ob ich nicht „etwas ganz anderes“ hätte. Ich wühlte in meinen Schubladen und stieß auf ein Fragment, das ich Jahre zuvor geschrieben und dann vergessen hatte. Es waren sechzig Seiten über einen Mordfall, der im alten Rom spielt. Ich hatte sie damals beiseite gelegt, um an dringlicheren Dingen zu arbeiten. Ich überarbeitete das Manuskript, fügte ein wenig Material hinzu, schickte etwa hundert Seiten und eine Skizze der weiteren Handlung los, mit nicht allzu großen Hoffnungen. Zu meiner Überraschung war John Douglas von Avon Books interessiert und wollte eine Serie. Der erste Band wurde gleich für den Krimipreis „Edgar“ nominiert und in Deutschland und anderswo ein Bestseller.

Hatten Sie sich denn schon früher für alte Geschichte interessiert? Oder sogar Latein im College gelernt?

Mein Interesse an der Antike reicht bis in die Kindheit zurück. Vermutlich hat das mit den Schwert- und Sandalenfilmen der fünfziger Jahre zu tun. Ich war von der Architektur, den Kostümen und der Action begeistert. Die ersten Bücher, die ich als Kind gelesen habe, handelten von alter Geschichte. Eines der allerersten Bücher, die ich aus der Bibliothek in Beaumont, Texas, auslieh, war ein Kinderbuch über Alexander den Großen. Ich kann mich noch heute an die Illustrationen erinnern. Latein habe ich nie gelernt. Aber meine Mutter war Lateinlehrerin an einer High School, und ich bin in einem Haushalt voller lateinischer Bücher aufgewachsen. Wahrscheinlich habe ich da durch Osmose einiges aufgenommen.

Wie haben Sie denn für die Geschichten recherchiert? Gibt es Bücher oder Historiker, die besonders inspirierend oder hilfreich waren? Sind Sie nach Rom gereist, um ein Gefühl für den Schauplatz zu bekommen?

Ich war 1966 das erste Mal in Rom und dann noch einmal 1971, hatte also ein Gefühl für die Stadt, für die Entfernungen, das Licht, die Anlage des Forums. Aber die Stadt von heute ist nicht sonderlich hilfreich, um sich das Rom meiner Bücher vorzustellen, weil ja fast alle Ruinen aus nachaugusteischer Zeit stammen. Die wichtigsten Tempel sind zwar noch an ihrem ursprünglichen Platz, doch die Gebäude stammen aus späterer Zeit. Ich glaube, das einzige Bauwerk, welches noch weitgehend unverändert ist seit Decius' Zeiten, ist die Cloaca Maxima, die stammt aus der Zeit der römischen Könige. Dann waren die Bücher des französischen Althistorikers Jerome Carcopino über den römischen Alltag von unschätzbarem Wert, und das „Oxford Dictionary of Antiquity“ ist eine wahre Fundgrube für Kleinigkeiten aus dem antiken Leben.

Das römische Alltagsleben ist ja die größte Herausforderung für die Phantasie eines Schriftstellers. Wie haben Sie die riesigen Wissenslücken gefüllt, und wo haben Sie sich die größten Freiheiten genommen?

Ein Hauptproblem bei allen antiken Autoren ist ja, dass sie kaum über den Alltag der einfachen Leute schreiben. Die einzige Ausnahme ist Petronius. Seine Schriften stammen aus der Zeit Neros, aber da sich die Dinge in der Antike eher langsam veränderten, habe ich mich sehr stark auf das gestützt, was er über das Leben der Unterschichten, über Aktivitäten und Redeweisen von Freigelassenen schreibt. Die größten Freiheiten habe ich mir wohl mit historischen Persönlichkeiten herausgenommen. Titus Milo war eine dubiose Figur, und so habe ich mir erlaubt, ihn nach meinen Bedürfnissen auszugestalten. Das größte Unrecht habe ich wahrscheinlich Clodius Pulcher getan. Ich befürchte, er war eine deutlich attraktivere Gestalt als in meinen Büchern. Mit Sicherheit war er populär. Und ich hoffe, meine Leser begreifen, dass die Art, wie ich diese Leute beschreibe, den Erinnerungen des greisen Decius entspricht, dass sie aber keinesfalls notwendig so waren.

War Ihnen von Anfang an klar, dass die Romane nur in der späten Republik spielen können?

Für mich war das Rom der späten Republik immer die faszinierendste Zeit der gesamten Antike. Berichte aus früherer Zeit sind punktuell und gehören eher ins Reich der Legende, wogegen wir für die späte Republik die Schriften der Protagonisten selbst haben - Cicero, Caesar oder Sallust. Ich finde die Politik dieser Periode faszinierend. Es gab große Familien und große Individuen, die erbittert um die Macht kämpften und dabei ein Reich aufbauten. Es gab ein gewaltiges Feld für Intrigen und Verschwörungen. Die Politik des nachaugusteischen Roms kommt mir langweilig vor. Da geht es im Prinzip nur darum, welcher General Kaiser wird.

Wie ist die Hauptfigur Decius Caecilius Metellus entstanden? Nach welchen Kriterien haben Sie ihn entworfen?

Mir war klar, dass ich keine konventionellen Kriminalfälle vor antiken Kulissen wollte. Die Geschichten sollten aus der Zeit hervorgehen, sie sollten nur unter diesen konkreten Umständen passieren können. Sie sollten mit Politik, Religion, den sozialen Bräuchen und Praktiken zu tun haben. „Der Fluch des Volkstribun“ etwa dreht sich um einen verheerenden Fluch. In einer der Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe (die nicht ins Deutsche übersetzt wurden, Anm. d. Red.), ist eine griechische Skulptur der Schlüssel. Ich wollte einen Charakter, der sich in den höchsten politischen Kreisen bewegt; er sollte kein Patrizier, sondern ein Plebejer sein, weil er auf diese Weise von bestimmten Einschränkungen nicht behindert war. Ich kam dann auf die Familie der Caecilii Metelli, weil sie eben Plebejer waren, weil sie damals große Macht besaßen und so zahlreich waren, dass ich mühelos Decius, seinen Vater und den ganzen Haushalt hinzufügen konnte. Die Julier, Caesars Familie, waren hingegen Patrizier und nicht gerade zahlreich, aber da die antiken Autoren sich um Frauen praktisch nicht kümmerten, konnte ich Decius ruhig mit Julia, einer Nichte Caesars, verheiraten, die reine Erfindung ist. Einen fiktiven männlichen Julier zu erfinden, das hätte nicht funktioniert.

Decius erzählt alle Geschichten in der ersten Person, als alter Mann. Warum haben Sie sich für diese Perspektive entschieden?

Zum Teil war ich dabei beeinflusst von Herbert Ranke-Graves' „Ich, Claudius“ und von George MacDonald Frasers „Flashman“-Serie, beides Memoiren alter Männer. Doch der Hauptgrund war, dass diese Ich-Erzählung eine Menge an Erklärungen verlangte, die bei einem Autor, der sich an Zeitzeugen wendet, übermäßig pedantisch gewirkt hätte. Der alte Decius mit seinen mehr als neunzig Jahren ist jedoch der letzte, der all die großen Männer noch persönlich gekannt hat. Er ist einer der wenigen, die den Untergang der Republik überlebt haben. In seinem langen Leben hat sich Rom gravierend verändert, deshalb ergibt es Sinn, ihn seinen Lesern vieles erklären zu lassen, was diese gar nicht mehr wissen konnten. Ich habe auch nicht vor, die Serie mit Caesars Tod enden zu lassen. Der Roman, an dem ich gerade arbeite, setzt zehn Minuten nach Caesars Tod ein, und ich habe auch eine Kurzgeschichte geschrieben, in der Decius 73 Jahre alt ist und die zur Zeit des Prinzipats spielt. Und ich will auch noch über Caesars Vorstoß nach Britannien schreiben.

Decius' politische Einstellung ähnelt sehr der Position Ciceros, und er verabscheut Sallust.

Decius verbindet, wie Cicero, Pflichtgefühl mit einer dauerhaften Liebe zur Republik, ohne für deren Unzulänglichkeiten blind zu sein. Ich habe ihn mir ähnlich wie Cicero vorgestellt, er ist allerdings weit mehr ein Mann der Tat und intellektuell weniger ambitioniert. Persönlich verachtet Decius Cato, aber er ist ihm ähnlicher, als er jemals zugeben würde. Seine Abneigung gegenüber Sallust ist rein persönlicher Natur. Er mag ihn einfach nicht. Genauso mochte er Titus Milo und hasste Clodius, obwohl, moralisch gesehen, zwischen beiden kein großer Unterschied bestand.

Wie haben Sie die „Fälle“ konstruiert? Manche, wie „Die Catilina-Verschöwung“, sind unmittelbar politisch, andere sind da unspezifischer.

Die Fälle ergaben sich meist, wenn ich die einzelnen Jahre durchging. Es passierte immer etwas, was einen guten Hintergrund für einen Mordfall lieferte. Einiges war offensichtlich wie im Falle Catilinas, anderes skurriler wie der Fluch des Volkstribunen. Wieder andere Fälle lagen an der Peripherie großer Ereignisse wie Caesars Gallienfeldzug oder der Annexion Zyperns. Bei der ganzen Serie war jedoch eines nie ein Problem: gutes Material für eine Krimihandlung zu finden.

Haben Sie sich darum gekümmert, was die Experten und Gelehrten zu Ihren Büchern sagen?

Ich habe mich immer gefreut, wenn Experten meine Bücher gelobt haben. Und ich bin nicht gerade begeistert, wenn jemand Ungenauigkeiten moniert hat. Die Experten sind immer schnell dabei, einem Fehler vorzuhalten. Ich habe mich geschmeichelt gefühlt, wenn mir Latein- und Geschichtslehrer erzählten, dass sie meine Romane als schmerzlose Methode benutzen, um Studenten damit vertraut zu machen, wie man im alten Rom lebte und wie die großen Ereignisse das Leben der Menschen beeinflussten.

Decius ist ja nicht allein bei seinen Ermittlungen. Andere Charaktere haben im Zuge der Serie an Bedeutung gewonnen. Hermes ist erst als Decius' Sklave, dann als Freigelassener so etwas wie der Sidekick des Ermittlers. Und der griechische Arzt Asklepiodes spielt die im modernen Kriminalroman fast unentbehrliche Rolle des forensischen Experten.

Hermes war anfangs nicht weiter wichtig, aber ich begriff schnell, dass Decius ihn brauchte. Ich hatte ihn zunächst nicht als traditionellen Sidekick gesehen, er wird dazu, weil Decius als hoher Magistrat nicht mehr überall herumschnüffeln und sich herumtreiben kann. Asklepiodes war notwendig, weil ein Mann wie Decius nie in der Lage gewesen wäre, Wunden fachmännisch zu untersuchen. Medizin und Chirurgie waren damals getrennte Disziplinen, weshalb Asklepiodes unter seinen Standesgenossen einen zweifelhaften Ruf hat, da er gelegentlich selbst als Chirurg Hand anlegt. Er ist ein völlig fiktiver Charakter, und deshalb war ich erstaunt, als ich bei meinen Recherchen zur römischen Medizin las, dass ein Mann namens Asclepiades zur damaligen Zeit eine römische Schule der Medizin gegründet hat.

War es sehr schwer, einen Kriminalroman ohne Polizei und andere wesentliche Elemente des modernen Genres zu schreiben?

Die Leute sind immer überrascht, wenn ich ihnen sage, es habe im alten Rom keine Polizei gegeben. Sie erscheint uns heute als Basisvoraussetzung des bürgerlichen Lebens. Eine weitere Überraschung für viele Leser ist es, dass Mord nicht als besonders schweres Verbrechen galt, Brandstiftung hingegen schon. Am schwierigsten war es jedoch, damit klar zu kommen, dass die von Decius verwandte deduktive Methode dem römischen Denken völlig fremd ist. Seine Zeitgenossen wissen nicht mal, wie sie das nennen sollen, was er tut, und tolerieren ihn nur, weil er Erfolg hat.

Wie sieht es mit dem Erfolg Ihrer Bücher aus? Haben Sie davon profitiert, dass Hollywood sich Ende der neunziger Jahre wieder für antike Stoffe interessierte? Ich denke da an „Gladiator“, später an „Troja“, „300“ oder an die erfolgreiche Fernsehserie „Rom“.

Geschadet hat es sicher nicht. Aber ich musste immer wieder darauf hinweisen, dass Ridley Scotts Rom in „Gladiator“ völlig verschieden ist von dem Rom meiner Bücher. Wie die HBO-Serie „Rom“ die Stadt zeigt, entspricht jedoch ziemlich genau meinen Vorstellungen. Es ist das Beste an ihr, dass sie Rom als chaotisches, baufälliges und verkommenes italisches Dorf zeigt, das irgendwie zu einer Metropole geworden ist. Ich habe Einwände gegen Details der Serie, aber insgesamt ist sie ein herausragendes Porträt. Übrigens wurden meine Bücher nach dem Oscar-Triumph von „Gladiator“ kurzzeitig als Basis für eine Miniserie gehandelt. Aber das war schnell vorbei, Hollywood hatte das Interesse wieder verloren.

Funktioniert das republikanische Rom für Sie auch als eine Art ferner Spiegel für unsere Zeit? Sie suchen ja nicht so bewusst nach Parallelen, wie das zum Beispiel Robert Harris in „Imperium“ getan hat.

Ich habe von Anfang an in den Römern der späten Republik ein verzerrtes Spiegelbild unserer selbst gesehen. Auf den ersten Blick ähneln sie uns; bei näherem Hinsehen können sie einem vorkommen wie Bewohner eines anderen Planeten. Sie waren Städter mit einer republikanischen Regierungsform, doch die antiken Republiken sind kaum mit unseren zu vergleichen. Es ist auch leicht, Parallelen zwischen Rom und dem modernen Amerika zu finden, doch die Unterschiede sind weit größer. Die Römer haben nie an ihrem Recht gezweifelt, andere Völker zu unterwerfen. Das führte dazu, dass sie sich an Orten in Konflikte verwickeln ließen, wo sie nichts vom Leben der Menschen verstanden. Ihre endlosen Probleme in dem Gebiet, das wir heute den Nahen Osten nennen, kommen uns sehr vertraut vor. Ich habe mich sehr bemüht, aus Decius keinen Mann von heute in Tunika und Toga zu machen. Sein Denken ist für seine Zeit und seine Kultur exzentrisch, aber seine Haltung steht in Einklang mit der antiken Welt. Ich habe versucht, ihn sehr human erscheinen zu lassen für einen Römer, aber das heißt nicht viel. Er mag es nicht, wenn Sklaven misshandelt werden, aber er käme nie auf den Gedanken, es solle keine Sklaverei geben. Für ihn ist Sklave eine soziale Rolle, die ein Mensch haben kann, oft war sie auch nur zeitweilig und kein soziales Stigma. Decius sitzt im Senat mit Männern zusammen, deren Großeltern noch Sklaven waren. Ebenso wenig hat er Bedenken, dass Rom barbarische Völker unterwirft. Er mag an der Klugheit mancher Kriege zweifeln, aber nie daran, dass für Barbaren römische Herrschaft besser ist. Sein Glaube an die römische Überlegenheit ist unerschütterlich.

Also doch deutlich mehr Ferne als Nähe!

Das Studium der römischen Republik hat mir vor allem gezeigt, wie wenig die Menschen sich geändert haben. Die Motive der politischen Aufsteiger gleichen denen von heute. Ihre Haltung zum Geschäft ist sicher anders, aber die großen Grundbesitzer nahmen in etwa die Position der Tycoone von heute ein. Und in den Kriegen ging es um die gleichen Dinge wie heute: Kontrolle über Ressourcen, Besetzung strategischer Positionen, den Feind auf Distanz halten und um Beute. Die Römer liebten blutiges Entertainment. Wir auch. Vieles aus Antike, Mittelalter und vormoderner Welt, was wir gerne für ausgestorben halten wollen, hat die verstörende Tendenz, auf einmal wiederaufzutauchen. Es ist daher gut, in historischer Perspektive zu denken. Ich bin in einer Welt konkurrierender und oft feindlicher Ideologien aufgewachsen. In den Jahren des Kalten Krieges würde einen jeder Politiker ausgelacht haben, wenn man behauptet hätte, die Sowjetunion würde verschwinden und die Welt wieder in eine Zeit religiös motivierter Auseinandersetzungen eintreten. In den fünfziger und sechziger Jahren hätte man es in der westlichen Welt für bizarr gehalten, dass man in ein paar Jahrzehnten wieder von Sklaverei und Piraterie hören würde. All diese Dinge wirken wie Relikte der Antike. Im Lichte dieser Entwicklungen erscheint mir Decius fast schon als unser Zeitgenosse.

Interview Peter Körte

Quelle: FAZ.NET
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