Klassiker oder Eintagsfliege - natürlich haben auch Bücher ihr Schicksal, und ihre Langzeitwirkung hängt unter anderem davon ab, ob sie mehrdeutig oder flach, anspielungsreich oder ohne jeden Zusammenhang mit dem literarischen Diskurs sind.
Das gilt auch für die Bestseller von einst und jetzt: Die vergleichsweise vielschichtigen „Harry Potter“-Romane werden wohl noch gelesen werden, wenn die heute ebenfalls millionenfach verkauften, aber eher einfältigen „Twilight“-Bücher von Stephenie Meyer längst vergessen sind. Eben weil die Zauberschüler-Saga über eine raffinierte innere Matrix verfügt, die es lesend zu entdecken gilt und die von der Autorin auch am Ende des letzten Bandes noch längst nicht komplett enthüllt worden ist.
Dass auch J. R. R. Tolkiens bekannteste Bücher, „Der Hobbit“ (1937) ebenso wie „Der Herr der Ringe“ (1954/55), ständig auf etwas verweisen, das im jeweiligen Roman nicht explizit geschildert wird, teilt sich sofort mit. Da ist von längst vergangenen Schlachten, komplizierten Verwandtschaftsverhältnissen oder untergegangenen Reichen die Rede, ohne dass viel mehr als ein paar Namen fallen. Dialoge oder Gedichtzeilen in konstruierten Sprachen bleiben unübersetzt.
Teil des ästhetischen Programms
Diese Leerstellen sind dem Autor nicht etwa unterlaufen. Sie sind Teil seines ästhetischen Programms. Tolkien selbst schreibt in einem Brief vom 20. September 1963: „Der Reiz des ,Herrn der Ringe’ liegt, glaube ich, zum Teil in den kurzen Ansichten von einer weitläufigen Geschichte im Hintergrund: Ein Reiz, wie wenn man von fern eine noch nie betretene Insel oder die schimmernden Türme einer Stadt in einem sonnigen Dunstschleier erblickt. Dort hinfahren heißt den Zauber zerstören.“
Womit haben wir es dann aber zu tun? Weil „Mittelerde“, der Schauplatz von Tolkiens Romanen, auf den ersten Blick nur lose mit unserer Realität verknüpft ist, stellt sich die Frage nach der Verfasstheit dieser Welt umso dringlicher. Wo kommt Mittelerde her, aus welchen Quellen speisen sich Tolkiens Vorstellungen, was stand ihm vor Augen, als er den Schauplatz seiner Romane und dessen Bewohner schuf?
Eine naheliegende Antwort ist: Der leidenschaftliche Mediävist Tolkien entwarf eine Art verfremdetes Mittelalter. Tolkiens Romane, schreibt der Bonner Germanist Arnulf Krause, seien „zutiefst und nachhaltig“ durch eine Welt inspiriert worden, die Krause mutig „die wirkliche Mittelerde“ nennt: Diese „existierte vor anderthalbtausend Jahren im Norden Europas als Welt der Germanen und Kelten zur Völkerwanderungszeit“, und in ihr seien „Elben, Zwerge und Drachen“ zu Hause gewesen.
Wie „wirklich“ eine Welt voller Fabelwesen überhaupt sein kann, sei dahingestellt. Aber tatsächlich lohnt die Frage nach dem Grad der mittelalterlichen Kontamination des „Herrn der Ringe“. Schon weil dessen Autor im Studium neben anderen alten und neuen Sprachen auch Angelsächsisch lernte und dies von 1920 an in Leeds ebenso unterrichtete wie Mittelenglisch - also die beiden wichtigsten Vorstufen des heutigen Englisch, unterschieden immerhin durch den seit der normannischen Invasion von 1066 enorm gestiegenen Einfluss französischer Lehnworte, der das Angelsächsische zum Mittelenglisch umformte.
Bahnbrechende Deutung des „Beowulf“
1922 erschien Tolkiens „A Middle-English Vocabulary“, 1925 seine Edition des mittelenglischen Artusromans „Sir Gawain and the Green Knight“ und 1936 seine bahnbrechende Interpretation des angelsächsischen Heldenliedes „Beowulf“ aus dem 8. Jahrhundert. Überdies war Tolkien ein vorzüglicher Kenner der altisländischen Literatur, etwa der Götter- und Heldenlieder der beiden eddischen Sammlungen.
Wie sehr die Beschäftigung mit diesen und anderen mittelalterlichen Texten Tolkiens eigene Dichtung unmittelbar beeinflusst hat, ist seinen Lesern erst lange nach dem Tod des 1973 verstorbenen Autors bewusst geworden - nicht zuletzt, weil entscheidende Gedichte postum, zum Teil sogar erst in den jüngst vergangenen Jahren erschienen sind.
Andere Arbeiten aus den 1920er und 1930er Jahren fanden wenig Beachtung in der Forschung und bei den Lesern, etwa das im Versmaß der Bretonischen Lais und daher in unmittelbarer Anlehnung an die Dichterin Marie de France (um 1135 bis um 1200) verfasste mittelenglische Epos „The Lay of Aotrou and Itroun“ (entstanden um 1930, erschienen 1945). Es erzählt von der tragischen Begegnung eines Menschen mit einer in ihn verliebten Zauberin.
Hier wie in anderen Arbeiten aus dieser Zeit schrieb Tolkien als Dichter ebenso wie als Philologe: Es ging ihm darum, eine Lücke in der Überlieferung mittelalterlicher Literatur zu schließen und also den Fassungen, die dieser Stoff in anderen Sprachen wie beispielsweise dem Altisländischen erhalten hatte, eine mittelenglische an die Seite zu stellen.
Dabei agierte der Philologe auf der Grundlage der genauen Kenntnis der übrigen Überlieferung sowie der passenden Versform und nicht zuletzt der Zielsprache Mittelenglisch, während der Dichter den je eigenen Ton beisteuerte. Der Tolkien-Kenner Tom Shippey hat dies am Beispiel von „The Lay of Aotrou and Itroun“ gezeigt, indem er bei der Gestaltung des moralisch glasklaren Epos-Schlusses Tolkiens besonderen Zugriff analysierte: Schon die Tatsache, dass Aotrou sich überhaupt auf einen Handel mit der Zauberin eingelassen hat, führt bei Tolkien seinen Untergang herbei, selbst wenn er sich ihr in letzter Konsequenz, nämlich als Liebender, verweigert.
Die mittelenglischen Langgedichte
Der womöglich bedeutendste von Tolkiens Versuchen, bewusst ahistorisch als mittelalterlicher Dichter aufzutreten, erschien erst 2009 aus dem Nachlass. Es handelt sich um zwei zusammengehörende mittelenglische Langgedichte im achtzeiligen, sogenannten Fornyrdislag-Metrum der isländischen Lieder-Edda. Sie erzählen die Sigurd-Geschichte, die, jeweils modifiziert, auch als Völsungen-Saga oder im Nibelungenlied auf uns gekommen ist, und Tolkien schmiegt sich seiner Vorlage mal eng an, mal zieht er andere Quellen hinzu und füllt damit inhaltliche Lücken der Edda aus.
Bemerkenswert ist seine Mimikry, etwa wenn er die berühmten Eingangsverse der „Völospá“ fast wörtlich zitiert und so den fünften Gesang der Lieder-Edda über die Erschaffung der Welt bruchlos in sein eigenes Werk integriert. Auch hier aber bringt er einen eigenen Akzent in seine Umsetzung des Sigurd-Stoffs, wenn er etwa die aktive Rolle Odins bei der Ermordung des Helden betont - der oberste Gott der Germanen braucht einen Kämpfer für die bevorstehende Apokalypse.
Für diese Rolle ist der strahlende Sigurd auserkoren. Er soll sterben, um anschließend im germanischen Elysium, in Walhalla, mit Odin zu zechen, bis der Tag kommt, an dem der Kampf gegen die dunklen Mächte beginnt. Mit Sigurds Hilfe, weiß Odin, kann dieser Kampf gewonnen werden. So gesehen implantiert der moderne katholische Autor geradezu ein christliches Erlösermotiv in seine heidnische Vorlage.
Tolkiens dichterische Anverwandlung mittelalterlicher Stoffe und Versformen ist so erstaunlich wie unbekannt. Nur mit Mittelerde hat das alles nichts zu tun.
Insignien der Ritterschaft
Wenigstens nicht direkt. Jeder Versuch, etwa die biederen Hobbits mit ihren Westen und Silberknöpfen, ihren Pfeifen und gemütlichen Teestunden in eine wie auch immer geartete mittelalterliche Realität zu integrieren, ist zum Scheitern verurteilt.
Gleichzeitig - und weit weniger offensichtlich - ist Tolkiens Werk aber aufs üppigste gespeist aus dem Fundus mittelalterlicher Literatur. Das beginnt mit den Namen, etwa denen der Zwerge im „Hobbit“, die fast ausnahmslos aus dem erwähnten Edda-Gesang „Völospá“ stammen (auch der Name von Tolkiens Zauberer Gandalf findet sich dort). Es setzt sich fort in den hochmittelalterlichen Insignien der Ritterschaft, etwa der Funktion, die Wappen und Fahnen für die realen Adligen des 13. Jahrhundert ebenso wie für Tolkiens Protagonisten besitzen.
Die Anleihen aus nordischen Texten sind beträchtlich, zum Beispiel für das Erschaffen des Gestaltwandlers Beorn im „Hobbit“, der zwischen Mensch und Bär changiert, oder für die furchterregenden Warge, jene mit den Orks verbündeten Wölfe.
Die Rätsel, die der Hobbit Bilbo Beutlin mit dem Höhlenwesen Gollum austauscht, haben ebenso ihr Vorbild in der Literatur des Mittelalters wie sein Dialog mit dem Drachen Smaug - dies allerdings unter völlig anderen Vorzeichen. Während das Gespräch bei Tolkien seitens des Hobbits aus einer Position der Unterlegenheit heraus geführt wird, geschieht das in der altnordischen Vorlage zwischen dem Drachentöter Sigurd und dem besiegten, bereits sterbenswunden Fafnir.
Tolkien ging es aber, wie ein Erzählerkommentar zeigt, um etwas ganz anderes. An Bilbos Beispiel sollte gezeigt werden, wie man prinzipiell mit Drachen sprechen sollte, seien sie nun am Verbluten oder höchst vital: Wer ihnen seinen Namen nennt, warnt Tolkien, verliert.
Ganz sicher ist die Frage, in welcher Weise „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ auf mittelalterliche Texte und Realien reagieren, noch nicht im Detail beantwortet. Wer aber Tolkiens dichterische Bemühungen um die Vermittlung mittelalterlicher Literatur insgesamt untersuchen will, bekommt im kommenden Frühjahr neues Material. Aus dem, wie es scheint, unerschöpflichen Tolkien-Nachlass wurde unlängst eine mittlere Sensation angekündigt: eine Dichtung um König Artus in alliterierenden freien Versen, 200 Manuskriptseiten stark. Der Mai wird ein Fest.