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J.R.R. Tolkien : Ab mit ihm nach Walhalla

In Hobbitpose: John Ronald Reuel Tolkien (1892 bis 1973) nahm für sein literarisches Werk Anregungen aus unterschiedlichen Epochen auf Bild: CAMERA PRESS/Bill Potter

Dass Tolkiens Welt mittelalterlich sei, wird gern behauptet. Trifft das zu? Ja und nein. Seine Anverwandlung mittelalterlicher Stoffe ist erstaunlich. Mit Mittelerde aber hat das alles nichts zu tun.

          Klassiker oder Eintagsfliege - natürlich haben auch Bücher ihr Schicksal, und ihre Langzeitwirkung hängt unter anderem davon ab, ob sie mehrdeutig oder flach, anspielungsreich oder ohne jeden Zusammenhang mit dem literarischen Diskurs sind.

          Das gilt auch für die Bestseller von einst und jetzt: Die vergleichsweise vielschichtigen „Harry Potter“-Romane werden wohl noch gelesen werden, wenn die heute ebenfalls millionenfach verkauften, aber eher einfältigen „Twilight“-Bücher von Stephenie Meyer längst vergessen sind. Eben weil die Zauberschüler-Saga über eine raffinierte innere Matrix verfügt, die es lesend zu entdecken gilt und die von der Autorin auch am Ende des letzten Bandes noch längst nicht komplett enthüllt worden ist.

          Dass auch J. R. R. Tolkiens bekannteste Bücher, „Der Hobbit“ (1937) ebenso wie „Der Herr der Ringe“ (1954/55), ständig auf etwas verweisen, das im jeweiligen Roman nicht explizit geschildert wird, teilt sich sofort mit. Da ist von längst vergangenen Schlachten, komplizierten Verwandtschaftsverhältnissen oder untergegangenen Reichen die Rede, ohne dass viel mehr als ein paar Namen fallen. Dialoge oder Gedichtzeilen in konstruierten Sprachen bleiben unübersetzt.

          Teil des ästhetischen Programms

          Diese Leerstellen sind dem Autor nicht etwa unterlaufen. Sie sind Teil seines ästhetischen Programms. Tolkien selbst schreibt in einem Brief vom 20. September 1963: „Der Reiz des ,Herrn der Ringe’ liegt, glaube ich, zum Teil in den kurzen Ansichten von einer weitläufigen Geschichte im Hintergrund: Ein Reiz, wie wenn man von fern eine noch nie betretene Insel oder die schimmernden Türme einer Stadt in einem sonnigen Dunstschleier erblickt. Dort hinfahren heißt den Zauber zerstören.“

          Womit haben wir es dann aber zu tun? Weil „Mittelerde“, der Schauplatz von Tolkiens Romanen, auf den ersten Blick nur lose mit unserer Realität verknüpft ist, stellt sich die Frage nach der Verfasstheit dieser Welt umso dringlicher. Wo kommt Mittelerde her, aus welchen Quellen speisen sich Tolkiens Vorstellungen, was stand ihm vor Augen, als er den Schauplatz seiner Romane und dessen Bewohner schuf?

          Eine naheliegende Antwort ist: Der leidenschaftliche Mediävist Tolkien entwarf eine Art verfremdetes Mittelalter. Tolkiens Romane, schreibt der Bonner Germanist Arnulf Krause, seien „zutiefst und nachhaltig“ durch eine Welt inspiriert worden, die Krause mutig „die wirkliche Mittelerde“ nennt: Diese „existierte vor anderthalbtausend Jahren im Norden Europas als Welt der Germanen und Kelten zur Völkerwanderungszeit“, und in ihr seien „Elben, Zwerge und Drachen“ zu Hause gewesen.

          Wie „wirklich“ eine Welt voller Fabelwesen überhaupt sein kann, sei dahingestellt. Aber tatsächlich lohnt die Frage nach dem Grad der mittelalterlichen Kontamination des „Herrn der Ringe“. Schon weil dessen Autor im Studium neben anderen alten und neuen Sprachen auch Angelsächsisch lernte und dies von 1920 an in Leeds ebenso unterrichtete wie Mittelenglisch - also die beiden wichtigsten Vorstufen des heutigen Englisch, unterschieden immerhin durch den seit der normannischen Invasion von 1066 enorm gestiegenen Einfluss französischer Lehnworte, der das Angelsächsische zum Mittelenglisch umformte.

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