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J. D. Salinger in Deutschland : Gunzenhausens heimlicher Held

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Stellte gute Zeugnisse aus: J. D. Salinger, 1951 Bild: AP

Neues vom großen Geheimniskrämer: Der Autor J. D. Salinger hat nach Kriegsende in Deutschland gelebt und gearbeitet. Ein Zeugnis für eine Aushilfsköchin aus dem fränkischen Gunzenhausen brachte Forscher jetzt auf die Spur. Was aber genau machte Salinger in Deutschland?

          Nein, von einem Buch, das „Der Fänger im Roggen“ heißt, habe sie noch nie gehört, sagt Hedwig Stübing. Überhaupt: sie lese wenig. Und Romane schon gar nicht. Sie hält den Band etwas misstrauisch in der einen Hand, in der anderen hat sie einen dünnen, beinahe durchsichtigen Bogen Papier, auf dem man einige Schreibmaschinenzeilen erkennen kann. Und eine Unterschrift. „Tatsächlich“, sagt die Fünfundachtzigjährige, „derselbe Name: „J. D. Salinger.“ Sie spricht ihn deutsch aus, das „a“ rund und lang gezogen. In ihrem mittelfränkischen Dialekt klingt es so vertraut, als würde sie von einem alten Nachbarn reden.

          Dabei war dieser Salinger einmal ihr Vorgesetzter, und zwar von Januar bis März 1946, als das damalige Fräulein Kugler als Wirtschafterin bei ihm angestellt war - in Gunzenhausen in der „Villa Schmidt“, einem von den Amerikanern beschlagnahmten Haus. Zwar hatte die damals Zweiundzwanzigjährige die meiste Zeit in der Waschküche im Keller zu tun, in dem zweisprachigen Zeugnis, das sie von eben jenem J. D. Salinger bekam, steht gleichwohl: „Es wird hiermit bestätigt, dass Fräulein Hedwig Kugler für mich als Kellnerin und Aushilfsköchin gearbeitet hat.“ Fleissig und tüchtig sei sie gewesen, ihre Ehrlichkeit und Treue „steht ausser Frage“. Und der Unterzeichnende, dessen Dienstgrad und Funktion bei der amerikanischen Armee mit „Special Investigator, CIC, CAF 10“ angeführt wird, empfiehlt Fräulein Kugler „jedem zukünftigen Arbeitgeber ohne Einschränkungen“.

          Die verwischte Spur

          Hedwig Stübing legt das Schreiben auf den Tisch und schüttelt den Kopf: „Dann ist der also berühmt geworden . . . Ehrlich gesagt, ich wußte nicht einmal, dass dieser hübsche Amerikaner geschrieben hat.“ Viel Kontakt gab es damals nicht. Sicher, sie erinnert sich noch, dass der Mann sehr gut Deutsch sprach, wohl Jude war und eine deutsche Ehefrau hatte. „Aber schon das mit dem Juden“, so Hedwig Stübing, habe sie nur von ihrer Freundin, die seinerzeit bei den Salingers als Köchin arbeitete.

          Das Zeugnis, das die alte Frau nach 63 Jahren aus ihren persönlichen Unterlagen hervorgekramt hat, ist das vielleicht einzige schriftliche Dokument, das Jerome David Salingers geheimnisumwitterten sechsmonatigen Aufenthalt im mittelfränkischen Städtchen Gunzenhausen nach Kriegsende belegt. Diese kurze Episode aus dem langen Leben des heute neunzigjährigen Autors, der zurückgezogen in Cornish in New Hampshire lebt, war für seine Biographen bislang notgedrungen nur eine Fußnote. Denn wer immer sich auch auf die Suche machte: Salingers Spuren in Deutschland und speziell in Gunzenhausen schienen verwischt zu sein.

          „Es war lange relativ unbekannt, dass der Salinger hier gewohnt hat“, bestätigt Werner Mühlhäußer, Archivar in der mittelfränkischen Stadt. „Erst vor drei Jahren hat ein amerikanischer Professor Kontakt mit uns aufgenommen und gefragt, ob man nicht einmal in unseren Beständen recherchieren kann. Aber wir haben keine Schriftstücke finden können, die bestätigen, dass Salinger tatsächlich da war.“

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