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Israelische Literatur Kann ein Buch ein Leben retten?

16.08.2009 ·  Der israelische Schriftsteller David Grossman wollte erzählend seinen Sohn beschützen. Er schrieb ein Epos über sein Land. Und - Weltliteratur

Von Julia Encke
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Es waren schöne sonnige Tage, als David Grossman und Zeruya Shalev im vergangenen Frühsommer zu den israelischen Literaturtagen nach Schloss Elmau gekommen waren, um, auf Einladung von Rachel Salamanders „Literaturhandlung“, aus ihren Romanen zu lesen. Das oberbayerische Elmau erscheint ja, gerade im Sommer, wie eine aus der Zeit gefallene Idylle; ein Ort am Fuß der Berge, von welchem aus man Wanderungen in die als Chalet getarnte alte Opiumhöhle von Ludwig II. in Schachen machen kann oder hinauf zum Wettersteinkamm.

Doch fällt geschichtsvergessen niemand aus der Zeit. Auch nicht in Oberbayern. Im Zug zurück nach München bemerkte David Grossman, dass er an solchen Orten die Vorstellung einfach nicht vertreiben könne, dass die Nazis in Waldschlössern dieser Art einst ihre Partys gefeiert haben. Zeruya Shalev fiel bei einem Nachmittagsausflug mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Eyal Megged, in Elmau vom Fahrrad, was ein kurzer, heftiger Schock war, weil sie seit dem Anschlag auf einen Bus in Jerusalem, bei dem sie vor fünf Jahren verletzt wurde, nicht mehr gestürzt war. Und dann gab es da das neue Buch von Grossman, „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, das soeben in Israel erschienen war und auf das man ihn kaum ansprechen wollte, weil man nicht wusste, wie; weil man befürchtete, nicht die richtigen Worte zu finden. Denn beim Schreiben, das wusste man, war dieser Roman aufs unerbittlichste von der Realität eingeholt worden. Die Idylle in Elmau war nur eine scheinbare, alle in ihr waren fragil.

Die Vorahnung

Grossman hatte im Mai 2003 mit seinem Buch begonnen, ein halbes Jahr bevor sein älterer Sohn, Jonathan, seinen Militärdienst beendete und ein halbes Jahr bevor der jüngere Sohn, Uri, einberufen wurde. Beide dienten beim israelischen Panzerkorps. Uri kannte die Handlung des Buchs und die Figuren gut. Wenn Vater und Sohn telefonierten und, vor allem, wenn er freihatte und für ein langes Wochenende nach Hause kam, fragte er, was inzwischen in der Geschichte und im Leben der Helden passiert war: „Was hast du ihnen diese Woche wieder angetan?“, fragte er. Die meiste Zeit seines Wehrdienstes verbrachte er in den besetzten Gebieten, bei Patrouillen, auf Beobachtungsposten, in Hinterhalten und an Checkpoints, und er erzählte dem Vater, was er dort erlebte.

Kann ein Buch ein Leben retten? David Grossman hat es gehofft. „Ich hatte damals das Gefühl – oder genauer gesagt, die Hoffnung –, dass das Buch, das ich schreibe, Uri schützen wird“, heißt es im Nachwort seines Romans, der von Beginn an anders sein sollte als seine vorhergehenden Bücher; anders als „Sei du mir das Messer“ oder „Das Gedächtnis der Haut“. Denn von seinen politischen Essays abgesehen, hat der 55-jährige Schriftsteller, der zu den größten in Israel gehört, lange versucht, gerade nicht über die erwartbaren „Unheilzonen“ zu schreiben, nicht über das, was man in Israel „ha-Mazaw“ nennt, „die Lage“. Vielmehr schrieb er über Dinge, die ihm nicht weniger wichtig erschienen: über Eifersucht, obdachlose Kinder in Jerusalem, über ein Paar, das sich eine Liebessprache erfindet.

Als Uri vor der Einberufung zum Wehrdienst stand, wusste Grossman, dass er nicht mehr so weitermachen konnte wie bisher. So erfand er die Geschichte einer Frau namens Ora, was hebräisch „Licht“ bedeutet, deren Sohn sich freiwillig für den Kriegsdienst verpflichtet und die eine Vorahnung hat, dass er sterben wird; dass die Überbringer der Nachricht seines Todes kommen werden. Um den Sohn zu schützen, beschließt sie, nicht zu Hause zu sein. Wenn sie nicht da sei, werde die Hiobsbotschaft nicht ankommen können. Eine Nachricht gebe es schließlich nur, wenn es auch einen Empfänger gebe, denkt sie. Ora begibt sich auf eine Wanderung durch Galiläa, die sie eigentlich mit dem Sohn hat machen wollen, überredet einen Freund, mit ihr zu kommen, und sie erzählt diesem Freund von ihrem Sohn, sein ganzes Leben, bis ins kleinste Detail – um ihn am Leben zu halten.

Der Tod

Am 12. August 2006, in den letzten Stunden des zweiten Libanonkriegs, wurde David Grossmans Sohn Uri im Südlibanon getötet. Bei dem Versuch, die Besatzung eines anderen getroffenen Panzers zu retten, wurde sein Panzer von einer Rakete getroffen. Mit Uri kam die gesamte Besatzung ums Leben, Benaja Rein, Adam Goren, Alex Bonimovitsch. In der Trauerwoche besuchte der Schriftsteller Amos Oz den Vater. Er wisse nicht, sagte David Grossman dem Freund, ob er den Roman, dessen größten Teil er bereits geschrieben hatte und der den Sohn nicht hatte schützen können, retten, ob er zu ihm zurückkehren könne. „Es ist das Buch, das dich retten wird“, sagte ihm Oz. Und so schrieb Grossman weiter und fand im Buch den Ort, an welchem er, was ihm widerfahren war, die Stirn bieten konnte, ohne selbst daran zugrunde zu gehen. „Mehr als alles andere“, heißt es im Nachwort, „hat sich der Resonanzraum der Wirklichkeit verändert, in dem die letzte Version entstand.“

Wenn das Leben in die Literatur einbricht, mit aller Gewalt, und wenn man, wie im Fall dieses Romans, davon weiß, schreckt man zurück vor der Macht des Realen. Noch beim Aufschlagen der ersten Seiten von „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ meint man, dass es unmöglich sei, einen solchen Roman nicht immer im Blick auf seinen Wirklichkeitsbezug zu lesen, als geheime Autobiographie. Man schreckt davor zurück, weil die überdeutlichen Wirklichkeitsbezüge dem Reich der Fiktion ja auch ihre Mehrdimensionalität rauben können; weil die unvermeidliche Spurensuche nach dem realen Geschehen die exemplarische, literarisch verdichtete Geschichte beim Lesen in eine rein persönliche verwandeln kann und dem Geschriebenen damit ihren Überschuss entzieht, also das, was Literatur überhaupt ausmacht.

Fängt man aber an zu lesen, taucht man sofort ab ins Weite. David Grossman hat mit seinem Roman, der morgen in der deutschen Übersetzung von Anne Birkenhauer im Hanser-Verlag erscheint, ein Epos über Israel geschrieben: vom Sechs-Tage-Krieg über den Jom-Kippur-Krieg bis hin zum letzten Libanonfeldzug. Er hat mit der vor der Nachricht fliehenden Ora eine Figur geschaffen, die es ihm erlaubt, die Geschichte eines ganzen Landes zu erzählen, wie man sie noch nicht gelesen hat; eine dicht gewobene Erzählung, die von nur wenigen Figuren getragen wird. Was die Figuren verbindet, ist der Versuch, „ein kleines, unheroisches Leben“ zu führen, ohne sich, soweit das geht, mit der „verfluchten Lage“ zu beschäftigen: „Schau uns an, sind wir nicht eine kleine Untergrundzelle mitten in ,der Lage‘?“, fragt Ora, um später, im Rückblick, festzustellen, dass sie das doch auch wirklich gewesen seien: „Zwanzig Jahre lang. Zwanzig gute Jahre lang. Bis es uns erwischt hat.“ Aber es stimmt nicht. Die Macht des Politischen, die „die kleine familiäre Zelle“ durchdringt und das Leben unaufhaltsam verstaatlicht, war schon früher da. Von Beginn an.

Wie eine Traumerzählung eröffnet David Grossman seinen Roman, mit geflüsterten Worten von Kindergestalten in lichtlosen Räumen eines Krankenhauses in Jerusalem, nachts: „Hey, du da, Ruhe!“, heißen die ersten Worte. Es ist das Jahr 1967, draußen sind Sirenen und Kanonen zu hören und manchmal Hubschrauber. Drinnen, im Krankenhaus, befinden sich drei Kinder auf der Isolierstation, die man mit Symptomen einer hoch ansteckenden Krankheit eingeliefert hat und die hier von einer arabischen Krankenschwester betreut werden: Avram, Ilan und die zu diesem Zeitpunkt 16-jährige Ora. Fiebernd besuchen sie sich in ihren Zimmern, erfinden Sprachspiele, und sie versuchen, sich die Ohren zuzuhalten, wenn die Stimme aus dem Radio der Schwester die Siegesmeldungen der arabischen Propaganda meldet: Die glorreichen Panzer der syrischen Armee, sagt die Stimme, walzten das zionistische Galiläa und die verbrecherischen Kibbuzim platt. Sie seien unterwegs, Haifa zu befreien und die Schande der Vertreibung von 1948 zu sühnen. Auf ihren Betten rücken die Kinder, die eigentlich schon keine mehr sind, näher zusammen, sie haben Angst um ihr Zuhause. Und sie schließen Freundschaft, fürs ganze Leben, die sich später in eine Jules-und-Jim-hafte Konstellation verwandeln wird: Ora lebt mit Ilan und wird doch auch Avram, Ilans besten Freund, immer lieben.

Dann folgt ein Schnitt und ein Zeitsprung. Denn Grossmans Roman ist ein Mosaik, das sich allmählich erst zusammensetzt. Und ganz allmählich auch werden die Informationen über die Figuren gestreut, so dass man tatsächlich meint, sie immer genauer kennenzulernen und trotzdem längst nicht alles über sie weiß – bis sie, am Ende des Romans, eine solche Größe gewonnen haben, dass man sie nicht mehr gehen lassen will und sie mit hinausnimmt, ins eigene Leben.

Der Zeitsprung führt in die Gegenwart des Libanonfeldzugs von 2006. Ora begleitet ihren jüngeren Sohn Ofer zum Militärstützpunkt – wider Willen. Ofer selbst ist es gewesen, der bei der Kompanie angerufen und darum gebeten hat, eingezogen zu werden, obwohl er am selben Tag „um neun Uhr null null“ in der Kleiderkammer der Entlassungsstelle hätte erscheinen sollen, um gehen zu dürfen und von dort aus mit der Mutter weiter nach Galiläa zu fahren. Er müsse zu diesem Einsatz, sagt er, er könne die anderen nicht im Stich lassen. In ihrer Angst vor der Nachricht bricht Ora ohne ihn nach Galiläa auf und zwingt Avram, den Lebensfreund aus dem Krankenhaus, den sie Jahre nicht gesehen hat, mit ihr mitzukommen. Er müsse da sein, damit sie den Sohn erzählend lebendig halten könne.

David Grossman ist die Wegstrecke von Ora und Avram für seinen Roman selbst abgelaufen. Zu Fuß war er am See Genezareth oder im Jesreel-Tal, und wenn er die Eindrücke, die Gerüche, das Summen der Natur in seine Fiktion einfließen lässt, dann ist auch diese Idylle immer gebrochen. Denn der Weg ist gesäumt von Mahnmalen, von Gedenksteinen für die Gefallenen. Gehend erzählen, das ist das Prinzip dieses Romans, der durch den Weg, den Ora und Avram beschreiten, zum buchstäblichen „Gang der Geschichte“ wird.

In immer neuen Zeitsprüngen entsteht auf diese Weise das Porträt zweier Generationen: Ora erzählt Avram, wie ihre Söhne aufwuchsen. Sie erzählt von ihren Ticks, den Sprachmarotten und von der Wut des kleinen Ofer, als dieser in seinem Atlas entdeckt, wie winzig Israel ist, eine Fingerkuppe nur groß, umzingelt von Feinden und weit weg von den Vereinigten Staaten, die doch die Freunde sein sollen: „Aber die sind so weit weg! Guck doch, wie viel Seiten dazwischen sind!“ Und sie spart nicht aus, wie fremd ihr die Söhne wurden, als sie zum Militär gingen, weil sie plötzlich eine Härte zeigten, die sie an ihnen nicht gekannt hatte; berichtet von ihrem Entsetzen, als Ofer in Hebron an der Misshandlung eines palästinensischen Zivilisten beteiligt ist und dem Vorfall nur mit Gleichgültigkeit begegnet: „Wirklich, Mama, jetzt wach endlich auf! Hallo! Das dort ist Krieg!“

Das Wunder

Grossman hat sich als Schriftsteller stets für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt. Erst neulich unterzeichnete er einen Aufruf, der eine unabhängige Untersuchung zum Gazakrieg fordert, nachdem die Reservistenorganisation „Breaking the Silence“ Berichte über Verbrechen der israelischen Armee an der palästinensischen Zivilbevölkerung veröffentlicht hatte. Doch ist David Grossman zugleich auch ein patriotischer Israeli, ein Zionist: „Die pure Tatsache der Existenz des Staates Israel ist für mich eine Art Wunder, das uns als Volk geschah“, sagt er. „Ein politisches, nationales und menschliches Wunder. Ich vergesse das nicht einen Moment. Auch nicht, wenn vieles mich empört und deprimiert, auch nicht, wenn das Wunder immer mehr in Routine und Armseligkeit, Korruption und Zynismus fällt.“

So liest sich dieser Roman wie das, manchmal verzweifelte, Festhalten an diesem Wunder, das einen jenes Gefühl der Bedrohung und das der Verletzbarkeit begreifen lässt, dem in diesem Land keiner entkommt. „Hallo, Israel, Heimat? Existierst du noch?“, röchelt der schwer verletzte Avram während des Jom-Kippur-Kriegs auf verlorenem Posten in sein Funkgerät, kurz bevor er in ägyptische Gefangenschaft gerät und tagelang gefoltert wird, weil er zu einer Einheit des Nachrichtendienstes gehört. Nur ein paar Kilometer weiter hört Ilan, der beste Freund, seine Stimme. „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ kehrt hier, am Schluss, zu Avram, Ilan und Ora zurück, zu den Lebensfreunden, in einer über ein Funkgerät überlieferten Kriegserzählung, die einem, als unterbrochenes, fetzenhaft zerrissenes Gemurmel einer Stimme, die um ihr Leben redet, den Atem raubt und die sprachlich zum Unglaublichsten gehört, was man seit sehr langer Zeit gelesen hat: eine stakkatoartig vorgetragene Litanei.

Mehr als siebenhundert Seiten ist David Grossmans Roman lang, und man liest immer langsamer, weil man nicht will, dass er aufhört. Noch Tage danach ist man wie benommen und voll von dieser Romanwelt, die ein Leben nicht retten konnte, die aber ihrerseits Rettung ist, weil man in einer Welt ohne Bücher wie dieses gar nicht leben will.

David Grossman: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser-Verlag, 736 Seiten, 24,90 Euro

Quelle: F.A.Z.
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