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Matthew Sweeny gestorben : Jedes seiner Barthaare war ein Sensor für das Wunderbare

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Nach einjähriger Krankheit am 5. August 2018 verstorben: Matthew Sweeney Bild: SZ Photo

Er wusste, dass die Welt nie ist, was sie scheint, und dass man als Dichter eingeladen ist, sie zu verwandeln, mit ihr zu spielen. Am 5. August 2018 ist der irische Weltdichter Matthew Sweeney gestorben. Ein Nachruf.

          Was für ein Abenteuer mir entgangen wäre, hätte ich mich Anfang des Jahrtausends nicht bereit erklärt, aushilfsweise die Lesung eines irischen Dichters zu moderieren, dessen Werke mir zwar vertraut waren, den ich persönlich aber zuvor nie kennengelernt hatte. Niemand, das muss als sicher gelten, der mit Matthew Sweeney einmal, und sei es nur kurz, ins Gespräch kam, wird ihn jemals vergessen können, erst recht nicht vergessen wollen; dass sich aber aus unserem Abend in der Berliner Filiale des British Council nicht nur eine professionelle Beziehung zwischen Autor und Übersetzer, sondern eine irisch-deutsche Dichterfreundschaft entwickelte, ist ein Geschenk, das mir bleiben wird.

          Ob es verstörend war, bei einem unserer ersten gemeinsamen Abendessen gefragt zu werden, ob mein Pferd vor der Restauranttür stehe und wie es ihm gehe, gleich danach zu hören, wie der hinzutretende Kellner gebeten wurde, dem armen Pferd auf der Straße bitte einen Eimer Wasser zu reichen? Nicht im Geringsten, waren doch alle Begegnungen mit Matthew Sweeney auch Audienzen bei einer schier grenzenlosen Imaginationskraft, bei der Fabulierlust eines Mannes, der wusste, dass die Welt nie ist, was sie scheint, und dass man als Dichter eingeladen ist, sie zu verwandeln, mit ihr zu spielen.

          Sweeneys Gedichte sind unwiderstehliche Einladungen an den Leser, und immer haben sie auch etwas Erzählerisches an sich, erinnern sie an die Schnurre, die spät abends erzählt wird, das „Komm setz dich zu uns und höre“, an das gesponnene Garn, wie es hoch oben in Donegal, in Irlands äußerstem und vom Atlantik umtosten Winkel, wo Sweeney geboren wurde, an dunklen Winternächten schon dem Jungen angeboten worden sein muss.

          Furchteinflößende blonde Zwillinge, Ladendiebe im Ruhestand

          Viele der Sweeneyschen Gedichte haben eine brillante anekdotische Qualität, auch eine dramatische Seite, denn das Schlüpfen in Rollen ist ja eines der Vergnügen dieser Lyrik, und ungezählt sind die Gestalten, denen man begegnet: ein einäugiger Philosoph in Kathmandu, gleich mehrere furchteinflößende blonde Zwillinge, Ladendiebe im Ruhestand, Friseure und Schatzsucher, Kapitäne und Erhängte, Versicherungsagenten zu Pferd in der Wüste, Kanalbauer und einarmige Kneipenwirte, Pokerspieler und Honighändlerinnen.

          Es verwundert nicht, dass ein Mann, der sich in so viele Geschichten und Lebensläufe einfinden konnte, selbst auf wundersame Art Gegensätzlichstes in sich zu vereinen wusste, auch was die Einflüsse und Vorlieben angeht, denn Sweeney verehrte Franz Kafka genauso wie Tom Waits, schätzte Beckett ebenso wie baltischen Jazz, war voller Neugier auf die Traditionen anderer Länder, reiste, kostete, lauschte.

          Und so richtig es ist, ihn einen irischen Dichter zu nennen, einen der bedeutendsten Dichter zumal in diesem an Dichtern nicht eben armen Land, so falsch wäre es zu übersehen, dass sich sein Werk aus vielen Quellen speist. Es ist nicht nur die irische, nicht nur die englischsprachige Poesietradition, die anklingt, sondern auch jene Osteuropas, auch Rumäniens, wo er eine Zeitlang lebte. Und die Liebe zu Kafka, aber auch zu Kleist und anderen deutschsprachigen Autoren bewog ihn, in Freiburg zu studieren, später nach Berlin zu ziehen.

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