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Interview mit dem Historiker Stefan Sienerth : Der Mensch Pastior muss neu bewertet werden

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Was hat er getan? Die Spitzeltätigkeit des rumäniendeutschen Lyrikers Oskar Pastior bedarf der Aufarbeitung Bild: dpa

In der Securitate-Akte des Schriftstellers Dieter Schlesak sind Spitzelberichte von Oskar Pastior aufgetaucht. Ein Gespräch mit dem Münchner Historiker Stefan Sienerth, der die IM-Tätigkeit des späteren Büchnerpreisträgers aufgedeckt hat.

          Herr Sienerth, beim Studium seiner Securitate-Akte hat der Schriftsteller Dieter Schlesak entdeckt, dass der 2006 gestorbene Dichter Oskar Pastior ihn im Rumänien der sechziger Jahre bespitzelt hat. Was sagen Sie zu dieser Anschuldigung Pastiors durch Schlesak?

          Ich hatte in meinem Beitrag über Oskar Pastiors Securitate-Akte in der Zeitschrift „Spiegelungen“ im September darauf hingewiesen, dass sich aufgrund der mir bis dahin zugänglich gewordenen Materialien nicht eindeutig feststellen lasse, was Oskar Pastior tatsächlich an inkriminierenden Informationen über rumäniendeutsche Schriftstellerkollegen dem rumänischen kommunistischen Geheimdienst geliefert hat. In Pastiors eigener Akte waren davon verschwindend wenige und kaum relevante Unterlagen vorhanden. Dass Pastior aber im Laufe der sieben Jahre, in denen er mit der Securitate zusammengearbeitet hat, informative Berichte verfasst haben musste, daran hatte ich keine Zweifel. Andernfalls hätten ihn die Führungsoffiziere seiner geheimdienstlichen Verpflichtungen entbunden und aus dem Agentennetz ausgegliedert. Was Dieter Schlesak in seiner Akte nun gefunden hat, hat mich aber doch auch überrascht, weil ich bislang der Meinung war, Pastior, der sich aus Angst vor Gefängnis und Repressalien zur Mitarbeit hatte zwingen lassen, sei vorwiegend darauf bedacht gewesen, durch seine Berichte möglichst niemand zu schaden. Diese Ansicht muss ich nun revidieren.

          Kennen Sie das Dossier, aus dem Dieter Schlesak zitiert?

          Schlesak zitiert aus seiner eigenen Akte, die mir bisher nicht zugänglich war.

          Stefan Sienerth, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München

          Schlesak klagt Pastior außerdem an, auch seinen Freund, den um zehn Jahre jüngeren Lyriker Georg Hoprich, bespitzelt zu haben. Dieser wurde 1961 von der Securitate inhaftiert und nahm sich 1969 das Leben. Sie haben 1983 in Bukarest einen Band mit Gedichten aus Hoprichs Nachlass herausgegeben und arbeiten an einer Studie über ihn. Haben Sie bei Ihrem Aktenstudium Belege für diese schweren Anschuldigungen Schlesaks gegen Pastior gefunden?

          Dieter Schlesak beruft sich auf die in fünf Mappen im Archiv der rumänischen Behörde zur Aufarbeitung der Securitate-Akten (CNSAS) gehorteten Unterlagen, die sich auf den politischen Prozess des siebenbürgischen Dichters Georg Hoprich beziehen. Hoprich, der damals in Bukarest Germanistik studierte und wie Pastior als einer der Hoffnungsträger der rumäniendeutschen Literatur galt, wurde auch seiner politisch unbotmäßigen Texte wegen der Aufwiegelung gegen das „volksdemokratische Regime“ bezichtigt und vom Bukarester Militärgericht zu fünf Jahren Haft verurteilt. 1964 ist er vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden. Seine Versuche, danach in der ihm widerwärtigen nationalkommunistischen Realität Halt zu gewinnen, sind gescheitert. Ob tatsächlich Oskar Pastior Schuld an Hoprichs Verhaftung trägt, lässt sich anhand dieser Unterlagen nicht eindeutig beweisen. Da muss noch weiter recherchiert werden.

          Wie bedeutsam ist der Fall Hoprich?

          Hoprich hatte als Student im Freundeskreis, zu dem auch Pastior gehörte, erste eigene Gedichte vorgelesen, in denen er, statt die „Errungenschaften“ der Rumänischen Kommunistischen Partei zu glorifizieren, Natur und Liebe evozierte. Das galt nach der Niederschlagung der antikommunistischen Revolution aus dem Jahre 1956 in Ungarn als politisches Delikt. So geriet Hoprich, der auch sonst in seinen Äußerungen nicht zurückhaltend war, bald in die Fänge der allmächtigen und allgegenwärtigen Securitate. Seine politische Einstellung zum kommunistischen Regime hatte er besonders in einem Gedicht, zwar künstlerisch verschleiert, doch unmissverständlich zum Ausdruck gebracht: „Wir schweigen, was wir nicht vergessen. / Der Becher steht gefüllt mit Leid. / Wir stehen starr, wenn andre essen. / Wir sind entfernt und ausgereiht . . .“ Es sollte ihm, weil die Securitate davon Kunde bekam, mit zum Verhängnis werden.

          Nach der Entdeckung, dass Pastior IM war, hatten seine Freunde gehofft, dass keine Denunziationen aus seiner Feder auftauchen würden. Nun hat sich ein erster Betroffener gemeldet. Ist mit weiteren Fällen zu rechnen?

          Wahrscheinlich, doch vorerst, bis tatsächlich weiter unzweifelhaft inkriminierende Schriftstücke auftauchen, würde ich zu Besonnenheit und zu Behutsamkeit im Umgang mit dieser seltsamen Überlieferung raten.

          Muss der Mensch Oskar Pastior nach Ihrem heutigen Kenntnisstand neu bewertet werden?

          Der Mensch Pastior schon, der Dichter nicht.

          Schlesak schreibt, er habe auch seine Täter-Akte eingesehen, die er allerdings für gefälscht erklärt. Kennen Sie auch diese Akte? Ist eine solche Fälschung grundsätzlich denkbar?

          Ich konnte ja, wie gesagt, Schlesaks Akte bislang nicht einsehen und kann mich deshalb dazu auch nicht äußern. Es gibt nachweislich Fälschungen einzelner Berichte des einen oder anderen Offiziers oder falsche Informationen über die ausgespähten Personen. Dass aber eine Akte als Ganzes gefälscht sein soll, halte ich eher für unwahrscheinlich.

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