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Buch über Fehlgeburt : Er hat gelebt

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Erst seit kurzem denke ich: Wisst Ihr was? Das ist ein Buch. Es ist ein geschriebenes Werk, es sollte als solches bewertet werden, nicht danach, was jemand über mich oder mein Leben denkt. Ich weiß nicht warum, aber anfangs habe ich gar nicht darüber nachgedacht. Als ich mein erstes Interview gegeben habe, habe ich einfach gesagt: „Und ich konnte nie wieder schwanger werden.“ Manchmal wünsche ich mir, ich hätte das nicht zur Sprache gebracht, es ist zu einer Sache geworden, über die ich immer wieder sprechen muss, und es kommt im Buch nicht vor. Genauso wie meine Beziehung mit John. Für den Leser sollte das eigentlich irrelevant sein. In mancher Hinsicht ist es also vielleicht nicht so gut, dass ich kein privater Mensch bin.

Was ist feministisch an Ihrem Buch?

Alles daran. Was ist nicht feministisch daran? Mich interessiert das Hexenhafte, das Animalische. Das archaische Zeug, die Geburt, das Leben und der Tod, und dass das alles eine spezifische Erfahrung für Frauen ist, die es für Männer einfach so nicht gibt. Vor kurzem habe ich zu meinem Vater gesagt: „Stell dir vor, aus deinem Penis käme Blut geschossen, tagelang, jeden Monat, dreißig Jahre lang.“ Er sagte: „Das würde ich nicht mögen.“ Das ist ein anderes Leben. Und eine Person im eigenen Körper zu machen und sie aus sich rauszupressen! Und die Wechseljahre! Niemand redet über diese Sachen. Ich finde, Literatur sollte diese archaischen, animalischen Dinge über Frauen enthalten. Es ist verständlich, dass wir diese Dinge eine Zeit lang vermieden haben, eine Zeit lang haben wir gesagt: Hört auf, über uns als Körper nachzudenken. Konzentriert euch auf unsere Gehirne.

Und jetzt können wir wieder über unsere Körper sprechen?

Ich hoffe es. Nicht, dass sich jetzt alles andere erledigt hat. Ich meine, schau dir an, wer in dem blöden, verdammten Land, in dem ich lebe, jetzt Präsident ist! Wenn dieser Typ Präsident ist, was haben wir schon zu verlieren? Als Schriftsteller oder Künstler sollten alle Erfahrungen gültige Themen sein. Nur weil etwas eklig oder weiblich ist, heißt das nicht, dass ich nicht darüber schreiben werde. Und je mehr wir diese Dinge als legitime Gesprächsthemen ans Licht bringen, desto weniger denken wir, es ist irgendwie geheim und man muss sich daran halten, was die „Experten“ sagen. Ich habe so oft von Frauen gehört, die erleichtert waren, dass jemand im Radio über die eigene Fehlgeburt spricht. Da denke ich dann: Stimmt, warum geben wir nicht zu, dass das eine große Sache ist? Es ist die einflussreichste Erfahrung, die ich in meinem Leben gemacht habe.

Vor kurzem sagten Sie, Sie interessieren sich jetzt für den Tod. Ist das auch etwas, worüber nicht genug gesprochen wird?

Ich glaube, hier in Amerika leben wir unser Leben, als würden wir nicht sterben. Und die Todesindustrie ist sehr diskret. In der Minute, in der jemand stirbt, wird er so schnell wie möglich zu einem Bestattungsinstitut gebracht, und niemand interagiert mehr mit den Toten. Wir wollen nicht, dass es wahr ist. Und ich glaube, das ist die Parallele. Es ist nicht einfach, mit 39 ein Kind im Körper zu haben. Wir wollen nicht, dass das wahr ist.

Für den Tod gibt es aber Rituale . . .

Ja, und ich glaube, einer der Gründe dafür, dass Fehlgeburten und Totgeburten so die Hölle sind, sind die fehlenden Rituale. In manchen Kulturen gibt es das. In Japan gibt es zum Beispiel spezielle Friedhöfe für kleine, noch nicht ganz Mensch gewordene Personen. Aber ich glaube, weil nicht darüber geredet wird, denkt man: Bin ich verrückt, dass ich das Gefühl habe, mein Kind ist tot? Ich weiß, wie es für andere klingt, nämlich so, als hätte man ein medizinisches Problem gehabt. Manchmal ist es auch so. Aber eine Fehlgeburt zu haben, wo man die Person, die man gemacht hat, sieht, und dann stirbt sie, das ist schrecklich. Rituale könnten diesen Schmerz vielleicht ein bisschen lindern.

Ja, weil dann andere Leute anerkennen würden, dass es passiert ist.

Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum ich mir gesagt habe: Auf keinen Fall veröffentliche ich diesen Text nicht. Ich will, dass das anerkannt wird. Und das wurde es.

Ariel Levy: „Gegen alle Regeln. Ein Memoir über Liebe und Verlust“. Aus dem Englischen von Maria Hochsieder-Belschner. Knaur, 238 Seiten, 19,99 Euro

Quelle: F.A.S.

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