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Buch über Fehlgeburt : Er hat gelebt

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Ich habe es für mich geschrieben. Da gibt es keinen Unterschied. Als es fertig war, war ich sehr stolz darauf und wollte es veröffentlichen. Erstens fand ich es einfach gut. Und zweitens – ich weiß nicht, wie ich das erklären soll –, aber ich war so stolz auf meinen Sohn. Außer mir hat ihn niemand gesehen, und aus irgendeinem Grund wollte ich allen, die es lesen wollten, sagen: Diese Person hat existiert. So sah er aus. Das war meine Erfahrung mit ihm. Er hatte ein Leben. Ein kurzes, abgeschnittenes Leben, aber ein Leben. Und ich will nicht die einzige Person sein, die sich seiner Existenz bewusst ist.

In einem Interview sagten Sie: „Ich habe gemerkt, dass mein natürlicher Modus als Autorin das Geschichtenerzählen ist, nicht das Meinungsstück. Ich will die Ideen meinem Leser heimlich einflößen.“ Wissen Sie, welche Ideen das sind, bevor Sie eine Geschichte erzählen?

Ich glaube, wenn man mich festnageln würde, könnte ich meine Ideen artikulieren. Um das Buch zu verkaufen, musste ich das machen. Ich musste ein Exposé schreiben, in dem ich sagte: Die Idee ist, dass wir in einer Welt leben, in der so viel möglich ist, und vieles daran ist großartig. Wir hatten den ersten schwarzen Präsidenten, die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Alles nur, weil eine Person oder eine Gruppe von Leuten gesagt hat: Die Regeln, denen wir folgen, sind nicht richtig. Wir müssen sie ändern. Das ist toll. Die dunkle Seite dieser Idee ist, dass es keine Grenzen gibt, dass wir haben können, was immer wir wollen, und alles ist für immer möglich. Und das ist es nicht. Man braucht eine Idee, als Rückgrat, an dem alles andere haften kann. Aber es ist wohl der Teil, der mir am wenigsten wichtig ist. Die Geschichte selbst ist mir viel wichtiger.

Levys Geschichte hat eine überraschende Wendung. In der Klinik in der Mongolei behandelt sie ein südafrikanischer Arzt. Zurück in Amerika fängt sie mit ihm einen E-Mail-Austausch an, der sich bald in ein recht inniges Verhältnis verwandelt und der in Auszügen in „Gegen alle Regeln“ zu lesen ist. Das Buch endet aber nicht mit einer Liebesgeschichte, Levy fährt zwar nach Südafrika, aber für eine Reportage. Was aus ihr und „Doctor John“ wird, kann man lediglich aus den Interviews erfahren, die sie bereits gegeben hat.

Haben Sie viel über das Ende nachgedacht?

Nein, mir war immer klar, dass es hoffnungsvoll enden sollte. Aber auch, dass es enden sollte, bevor ich und John uns ineinander verliebt haben. Ich hätte das widerlich gefunden, so ein märchenhaftes Ende. Wir sind alle so durchdrungen von diesen „Prince Charming“-Geschichten, dass es fast unmöglich ist, zu hören „und dann sind wir zusammengekommen“ und nicht zu denken, „dann ist ja alles gut“. Es war nämlich nicht alles gut. Es ist nicht so, dass man jemanden kennenlernt und sich verliebt, und auf einmal betrauert man den Tod des eigenen Kindes oder das Ende der letzten Ehe weniger.

Sie haben das Einverständnis aller Personen, die in Ihrem Buch auftauchen, eingeholt. Hatten Sie trotzdem manchmal Bedenken?

Was Lucy angeht, kämpfe ich manchmal immer noch damit, ob es richtig war, über ihr Leben zu schreiben. Aber sie ist die Einzige. Bei meinen Eltern ist es mir egal. Und John! John findet es wunderbar.

Ihnen ist Ihre Privatsphäre egal?

Ja, ganz offensichtlich. Es ist mir einfach egal. Ich glaube nicht, dass es moralisch besser oder schlechter ist, ein privater Mensch zu sein. Ich erzähle nur die Wahrheit.

Aber ist es nicht ein seltsames Gefühl, dass sich die Leute so für Ihr Leben interessieren, jetzt, wo das Buch erschienen ist?

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