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Judith Hermann im Gespräch : Ich bin von jeder Ankunft weit entfernt

Fühlt sich vogelfrei: Die Schriftstellerin Judith Hermann Bild: Gaby Gerster/laif

Für ihren Roman wurde sie heftig kritisiert. Jetzt hat die Schriftstellerin Judith Hermann neue Erzählungen geschrieben. Ein Gespräch über das Erwachsenwerden, aufgebrachte Kritiker und über ihre Entscheidung, sich rauszuhalten.

          Kann es sein, dass man die Leute aus Ihren neuen Erzählungen schon sehr lange kennt? Es sind zwar nicht die Figuren aus „Sommerhaus, später“, dem Buch, mit dem Sie 1998 berühmt wurden. Aber könnten es nicht deren Freunde sein?

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es sind Leute, die damals Mitte zwanzig waren und inzwischen Mitte vierzig sind, durchaus auch die Figuren aus „Sommerhaus, später“ zwanzig Jahre danach: jetzt. Offenbar ist es so, dass ich über die Jahre an ein und derselben Geschichte schreibe oder über dieselben Menschen in den verschiedenen Phasen ihres Lebens. Eigenartigerweise empfinde ich das oft als eine Schwäche, vielleicht schreibe ich, um diese Schwäche in eine Stärke umzuwandeln. Ich denke, etwas anderes könnte ich nicht – oder besser, etwas anderes interessiert mich nicht so sehr, dass ich mich trauen würde, daraus eine Geschichte zu machen. Ich kann nicht recherchieren und aus Recherche einen Text machen. Ich denke, ich kann diese eigenartige Entwicklung beschreiben, die ich mache, die wir machen, ich kann von Menschen erzählen, die ich kenne, mit denen ich mein Leben verbringe.

          Die Schriftstellerin Monika Maron, mit der Sie befreundet sind, hat über „Sommerhaus, später“ geschrieben, dass, was die Figuren vereint hat, eine Sehnsucht war, die ihren Gegenstand nicht kannte. Das sei es auch gewesen, was so viele Leser in den Bann geschlagen hat – viel mehr als der „Sound einer Generation“, von dem oft die Rede war. Sehen Sie das auch so?

          Alle Figuren hatten diese Sehnsucht, ja. Allerdings sind sie davon ausgegangen, dass sie sich irgendwann erfüllen, dass es eine Art der Ankunft geben würde, so etwas wie eine Ankunft im wirklichen Leben. Die Figuren jetzt haben begriffen, dass diese Sehnsucht nicht erfüllbar ist. Man wird sie immer haben, je nach Lebensalter widmet sie sich einem anderen Sujet, aber sie ist immer da – es wird keine gestillte Sehnsucht geben. Mir selber ging das auch so. Ich dachte, wenn ich in diesem Alter sein werde, in dem ich jetzt bin, werde ich in einer bestimmten Hinsicht – angekommen sein.

          Und?

          Es kommt mir von heute aus gesehen geradezu verrückt vor, das angenommen zu haben. Natürlich ist es völlig anders, natürlich bin ich von jeder Ankunft weit entfernt.

          In Ihrem Roman „Aller Liebe Anfang“, der vor zwei Jahren erschienen ist, saß die Hauptfigur Stella mit ihrem Mann im geschmackvoll eingerichteten Einfamilienhaus, brachte das Kind zur Kita, ging zur Arbeit, jeder Tag war gleich. Es ging um das „fertige Leben“ derer, denen im aufregenden Berlin der neunziger Jahre noch alles offenstand. Ist dieses Leben immer mit Resignation, Frustration oder dem Gefühl verpasster Chancen verbunden?

          Nicht notwendigerweise, nein. Es ist eher mit so etwas wie Einsicht verbunden, mit Sichfügen, das muss nicht resignativ sein, und es ist nicht unbedingt dasselbe wie eine verpasste Chance. Die Figuren heute können sich sehr viel mehr auf das einlassen, was da ist. Sie können gegenwärtiger sein, scheinbar Kleines viel eher schätzen. Die Figuren in „Sommerhaus, später“ haben immer alles, was da war, erst mal beiseitegeschoben. Sie haben gedacht, das eigentlich Tolle, das ganz große Ding käme erst noch.

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