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Indien streitet über Rushdie Zwischen Willkür und Kalkül

 ·  Salman Rushdie ist in Kalkutta nicht willkommen. Die westbengalische Regierung droht dem Schriftsteller mit Abweisung. Wird Indien intolerant?

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© REUTERS Vergrößern In die Hauptstadt des Bundesstaats Westbengalen reiste Rushdie nicht: Demonstranten am 30. Januar am Flughafen von Kalkutta

Salman Rushdie konnte nicht nach Kalkutta reisen. Das war die Nachricht, die verbreitet wurde und zu Vorwürfen wie „Kulturkampf“ und „kultureller Terrorismus“ führte. In Bombay, Delhi und Bangalore hatte er jedoch schon ohne Störungen bei Pressegesprächen für den Film „Midnight’s Children“ („Mitternachtskinder“) geworben. Ihn hat Deepa Mehta nach Rushdies gleichnamigem Roman gedreht. Auch der Film läuft seit 1. Februar in indischen Kinos ohne Krawalle.

Den Eklat entfachte, der Tageszeitung „The Telegraph“ zufolge, die westbengalische Regierung, die unter der Hand Salman Rushdie androhte, wenn er aus Bombay einfliege, werde er in Kalkutta ins nächste Flugzeug zurück gesetzt. Rushdie, nicht gewohnt, sich bei Kontroversen um seine Person zurückzuhalten, rechnete in einer Erklärung aus Bombay mit der Regierung ab und warf ihr Intoleranz vor.

Ein Scharfmacher als Präsidentschaftskandidat

Aber auch die Medien in Kalkutta übten heftige Kritik an der Ministerpräsidentin Mamata Banerjee, allen voran „The Telegraph“. Wütend verglich dessen intellektueller Kopf, der Historiker Rudrangshu Mukherjee, die gegenwärtige Situation Indiens sogar mit der Deutschlands vor 1933. Er zählte die verschiedenen Übergriffe des Staates auf die Freiheit von Einzelpersonen auf, erwähnte die Entscheidungsschwäche der Regierung in Neu-Delhi, den Argwohn der Mittelklasse gegenüber der Korruption der Regierenden auf allen Ebenen.

Auch ein starker Mann, nämlich Narendra Modi, der Chefminister von Gujarat, steht bereit, sich als Kandidat der rechtsgerichteten Bharatiya-Janata-Partei für das Amt des Premierministers aufstellen zu lassen. Erfolgreich in der Wirtschaftspolitik seines Bundeslandes, gilt Modi jedoch als antimuslimischer Scharfmacher und als mitverantwortlich für die Massaker an Muslimen in Gujarat vor elf Jahren.

Korrupte Herrschaft und die Macht des Fernsehens

In Westbengalen stehen im Mai Wahlen der Dorfräte (Panchayats) an und im nächsten Jahr allgemeine Wahlen zum indischen Parlament. Schon jetzt denkt nicht nur die westbengalische Regierung daran, sich die Stimmen der Muslime zu sichern. Bedauerlicherweise geht das nach der Rechnung der jeweiligen Regierungen nur durch Appeasement, eine Beschwichtigungspolitik, die nur auf die radikalislamischen Randgruppen schaut, nicht auf das allgemeine Volk.

Die Willkür und die Korruption der Herrschenden sind augenfällig, die zahlreichen Skandale der letzten Jahre ein deprimierender Beweis dafür. Aber ebenso auffallend ist eine geradezu aggressiv freie Presse. Und dazu gehören die hundert privaten Fernsehkanäle, deren Programme bis in die Hütten entlegener Dörfer und in die Slums dringen. Kein Politiker kann sich der Macht des Fernsehens entziehen, das jeden Fehlgriff zu einer Sensation stilisiert. Darum hat es sich bisher kein Chefminister geleistet, einem ihm nicht genehmen Journalisten den Prozess zu machen.

Kapitulation des Staates

Die zivile Gesellschaft ist, von Fernsehkanälen oft angetrieben, inzwischen couragiert und machtvoll genug, viele intolerante Handlungen der herrschenden Klasse zu bekämpfen. Doch wissen die Regierenden, dass die Proteste der Intellektuellen beim breiten Wahlvolk nicht gehört werden. Dieses hat andere, lebenswichtigere Sorgen. Wenn sich jedoch muslimische Anführer über angebliche antiislamische Aktionen empören, reagiert das muslimische Wahlvolk darauf und ist meist bereit, sich zu Protestaktionen zu sammeln, ohne genau zu wissen, worum es sich handelt.

Ein ähnliches Spiel von Willkür und Kalkül zeigte sich in der Kontroverse um den Film „Vishwaroopam“ von Kamal Haasan, einem populären südindischen Filmschauspieler und Regisseur. Die Zensurbehörde hatte den Film schon genehmigt, und er lief ohne Proteste in allen südindischen Bundesstaaten, außer in Tamil Nadu. Dort witterten die Anführer muslimischer Gruppen eine Attacke auf den Islam und setzten gerichtlich ein Verbot durch. Die Regierung von Tamil Nadu erlaubte die Aufführungen nur, nachdem Haasan mit den Islam-Anführern verhandelt und Schnitte zugestanden hatte. Der Staat kapitulierte wieder einmal vor seiner eigenen Angst.

Auch radikal-hinduistischen Gruppen wird Aktionsraum gewährt, wenn sie wahlpolitisch relevant sind. Dies konnte man im November in Bombay erleben, als Bal Thackeray, der Gründer der Shiv-Sena-Partei, einer einflussreichen rechtsradikalen Hindu-Partei, starb. Seine antidemokratische Haltung, seine Verehrung von Hitler und dessen gewaltsamen Methoden waren bekannt.

Doch konnte er weiterwirken, weil er als Charismatiker eine breite Gefolgschaft versammelt hatte. Niemand konnte gegen sein Diktat handeln. Solange die Frage der politischen Machterhaltung über die Art der Behandlung von Kulturschaffenden entscheidet, ist die Nation tatsächlich in Gefahr. Doch können die Politiker noch lange nicht machen, was sie wollen.

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