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Imre Kertész zum Achtzigsten : Fremd an den Schauplätzen seines Lebens

Geboren am 9. November 1929: Imre Kertész Bild: ddp

Wie kaum ein anderer Autor hat Imre Kertész den Holocaust mit größter Radikalität ins Zentrum eines Werks gestellt, das seinen Ausgang vom äußersten Grenzbereich menschlicher Erfahrung nehmen musste. Zum achtzigsten Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers.

          Er habe keine „sogenannten Identitätsprobleme“, schrieb Imre Kertész vor bald zwanzig Jahren: Er habe immer als Individuum gelebt und sich selbst immer als Individuum definiert. Dass er Ungar sei, sei um nichts absurder, als dass er Jude sei. Dann fügte Kertész hinzu: „Und dass ich Jude bin, ist um nichts absurder, als dass ich überhaupt bin. – Nach Auschwitz ist das die einzig mögliche Definition für mich geblieben.“

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Welche Definitionen, welche Überzeugungen und Gewissheiten und welche Glaubensbekenntnisse nach Auschwitz noch möglich seien, das sind die Fragen, die Imre Kertész in seinem literarischen Werk immer wieder gestellt und beantwortet hat. Wie außer ihm wohl nur noch Jean Améry hat Kertész den Holocaust mit größter Radikalität ins Zentrum eines Werks gestellt, das seinen Ausgang vom äußersten Grenzbereich menschlicher Erfahrung nehmen musste: den Erfahrungen der absoluten Nichtigkeit der eigenen Existenz und des nie zu bewältigenden Zufalls ihrer Fortdauer.

          Siebzehn Jahre, nachdem er im April 1945 als fünfzehnjähriger Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Buchenwald-Zeitz nach Ungarn zurückgekehrt war, machte sich Kertész wieder auf den Weg nach Buchenwald. Damals, im Jahr 1962, lebte er als Übersetzer, ehemaliger Verfasser von Opernlibretti und angehender Romancier in Budapest: „Ich arbeitete damals gerade an einem Roman – könnte ich sagen, aber was heißt das?“ Dieser Roman war der „Roman eines Schickssallosen“, an dem er mehr als ein Jahrzehnt lang schrieb, der von den ungarischen Staatsverlagen 1973 abgewiesen wird, erst 1975 erscheinen kann und zunächst nahezu unbeachtet bleibt. Viele Jahre später wird Kertész seinen damaligen Zustand in den frühen sechziger Jahren als „Doppelleben“ zwischen der flüchtigen Gegenwart und der unauslöschlichen Vergangenheit im Konzentrationslager beschreiben, in die er sich mit einem „eigentümlich wollüstigen Gefühl“ zurückversetzte.

          Bei der Nobelvorlesung in Stockholm, Dezember 2002
          Bei der Nobelvorlesung in Stockholm, Dezember 2002 : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Ohne etwas zu finden und zu fühlen

          Kertész kehrte nach Buchenwald zurück, weil er gedacht hatte, die Vergangenheit sei „wiedererlebbar“. Wie ein Fremder, erinnerte er sich später, sei er damals über die Schauplätze seines früheren Lebens geirrt, ohne etwas zu finden, ohne etwas zu fühlen. Denn die Gegenstände, wie er später an anderem Ort schrieb, bewahren nichts. Aus der Fremdheit seines Alltags in Budapest reiste Kertész an den Ort, an dem ihm nun die eigene Vergangenheit fremd wurde: „Da begriff ich, was man gemeinhin als Vergänglichkeit bezeichnet und wie teuer mir das war, was mir durch sie verlorenzugehen drohte. Ich verstand, wenn ich gegen mein vergängliches Ich und die ständige Wandelbarkeit der Schauplätze ankämpfen wollte, mußte ich mir, mich auf mein schöpferisches Gedächtnis verlassend, alles von neuem erschaffen.“

          Was diese Erfahrung in letzter Konseqeunz bedeuten sollte, hat Kertész in seinem 1993 erschienenen „Galeerentagebuch“ als poetologisches Programm in nuce so formuliert: „Das Konzentrationslager ist ausschließlich in Form von Literatur vorstellbar, als Realität nicht. (Auch nicht – und sogar dann am wenigsten–, wenn wir es erleben.)“ Womöglich scheint in dem in Klammern gestellten Zusatz auch ein Schreckensfunke des Paradoxons der Überlebenden auf: Dass die Realität der Lager als solche nicht zu ertragen war und fortwährend geleugnet werden musste, gehört zum nur von ihnen selbst empfundenen Makel derer, die dieser Realität zum Trotz überlebt haben.

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