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Veröffentlicht: 31.03.2016, 18:14 Uhr

Imre Kertész ist gestorben Er kam aus dem Nichts, über das er schreiben sollte

Man hatte ihn nicht nach Auschwitz gebracht, damit er den Nobelpreis bekäme, sondern um ihn umzubringen: Zum Tod von Imre Kertész

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© dpa Im Alter von 86 Jahren ist Nobelpreisträger Imre Kertész gestorben.

Das Böse hielt er für erklärbar, das Gute blieb ihm ein Rätsel. Er war ein Gigant der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, der aus jener besonderen Form des Nichts kam, über die er sein Leben lang schreiben sollte. Ein Gigant der Negation und des gnadenlosen, weil nahezu jeder denkbaren Illusion beraubten Blicks, der jedoch an die Güte glaubte. Nicht als Tugend, sondern als vernunftwidrige Manifestation des Willens zur Freiheit, einer aufbegehrenden, radikalen Freiheit, die ihren Ausdruck darin findet, „allem zu trotzen, was ist“, wie es der Literaturwissenschaftler Lásló F. Földényi formuliert hat.

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Imre Kertész, der als Vierzehnjähriger im Sommer 1944 auf dem Hof einer Budapester Polizeikaserne eine halbe Stunde lang in den Lauf eines auf ihn gerichteten Maschinengewehrs blicken musste, hat die Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebt, aber er tat dies als „Schicksalloser“, der einen Teil von sich zurückließ in den Lagern. Was er hier hatte lernen müssen, nämlich die „Nichtigkeit unserer Person, unserer Individualität, unseres Daseins“ zu erkennen, hat er in seinen Werken auf einzigartig paradoxe Weise beschrieben, um es zu bestätigen und zugleich zu widerlegen. Als er 1962 zum ersten Mal nach seiner Befreiung nach Auschwitz zurückkehrt, irrt er wie ein Fremder über fremde Schauplätze und begreift plötzlich, „was man gemeinhin als Vergänglichkeit bezeichnet und wie teuer mir das war, was mir durch sie verlorenzugehen drohte“. Er beschließt, sich auf sein Gedächtnis verlassend, „alles von neuem zu erschaffen“.

Entdämonisierung der Konzentrationslager

Imre Kertész hat die Konzentrationslager, die er als Folge, nicht als Ursache der neuzeitlichen menschlichen Verlorenheit verstand, in seinen literarischen Werken entdämonisiert und damit zugleich in Frage gestellt, ob Auschwitz jemals aufgehört hat zu existieren, wenn doch die Voraussetzungen, die nötig waren, damit Auschwitz entstehen und über Jahre hinweg betrieben werden konnte, nicht aufgehört haben zu existieren: „Mag sein, dass der Satan selbst, wie Jago, irrational ist, seine Geschöpfe aber sind sehr wohl rationale Wesen, alle ihre Taten lassen sich ableiten wie eine mathematische Formel“, heißt es in „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“, dem 1990 erschienenen dritten Teil der Tetralogie der Schicksallosigkeit, die Kertész 1975 mit dem „Roman eines Schicksallosen“ eröffnet hatte.

Das Paradoxon, das gerade das Sprechen über Auschwitz, die „Festung der Vernunft“, mit Tabus belegt sein sollte, wo doch Auschwitz selbst ein einziger Tabubruch war, hat Kertész mit einem Satz davongefegt, der wohl zurecht als gewagteste Formulierung der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet worden ist. Wenn Kertész im „Roman eines Schicksallosen“ vom „Glück der Konzentrationslager“ spricht, dürfen wir uns das charakteristische Lächeln des Autors dabei vorstellen, seinen oft amüsiert wirkenden Gesichtsausdruck, der leicht umschlagen konnte in jenes Lachen, das sein Freund und Kollege Péter Esterházy beschrieben hat: „Das ist kein Grinsen, aber doch mehr als ein Lachen, sein Vater ist das Wiehern, das schallende Gelächter seine Mutter. Von diesem grandiosen, gelächterartigen Etwas müssten wir reden, seiner Einfachheit und kosmischen Natur, seiner Kraft, seiner Heiterkeit, seiner Verzweiflung, seiner Glückseligkeit, seiner Einsamkeit.“ Fast scheint es, als würde Kertész genau hier anknüpfen wollen, wenn er im „Galeerentagebuch“ von 1993 sagt, dass der Mensch den Humor nur wegen der Unzulänglichkeit Gottes erfunden habe. Wäre Gott vollkommen, gäbe es kein Gelächter. Ist also jedes Lachen als Gottesbeweis zu verstehen?

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