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Im Gespräch: Wolfgang Herrndorf : Wann hat es „Tschick“ gemacht, Herr Herrndorf?

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Da können Sie nicht ernsthaft eine Antwort erwarten. Zum Müll: Ich kann mich zum Glück nicht an vieles erinnern. Ich lese auch nicht allzu viel Gegenwartsliteratur, aber ich bin der König des ersten Kapitels. Ich habe von fast allem, was rauskommt, mindestens das erste Kapitel gelesen. Oder eine Seite oder einen Absatz. Der Segen des Älterwerdens: Man braucht nur noch einen Absatz, um zu wissen, dass einen etwas nicht interessiert.

Versetzen wir uns ins Jahr 2030. Ihr Buch ist seit zehn Jahren Schullektüre. Neuntklässler stöhnen, wenn sie den Namen Wolfgang Herrndorf hören. Welche Fragen zum Buch müssen in Aufsätzen beantwortet werden?

Ich fürchte, man wird sich im Deutschunterricht am Symbolträchtigen aufhängen, an der Schlussszene . . .

. . . in der Maik unter Wasser in einem Swimmingpool die Hand seiner Mutter hält, während oben die Polizei wartet . . .

. . . oder an der Szene mit dem Elixier. Das bin ich jetzt auch schon häufiger gefragt worden: Was das für ein Elixier ist, das der Alte mit der Flinte den beiden da aufdrängt? Aber das weiß ich ja auch nicht. Das war nur, weil mich beim Schreiben jemand auf die „Heldenreise“ aufmerksam machte, ein Schema, nach dem angeblich fast jeder Hollywood-Film funktioniert. Da müssen die Protagonisten unter anderem immer ein solches Elixier finden. Habe ich natürlich gleich eingebaut.

Nur damit Ihre Helden es eine Minute später aus dem Fenster schmeißen. Ist das eine subtile Kritik an irgendwelchen Erzählformen?

Nein, bestimmt nicht. Allgemeine Ansichten zur Literatur habe ich nie gehabt und nie verstanden. Mehr Engagement! Mehr Realismus! Mehr Relevanz! Ist doch alles Quatsch. Sobald Schriftsteller irgendeine Form von Theorie ausmünzen, läuft sie immer sofort darauf hinaus, dass zum allgemeinen Ziel erklärt wird, was der Autor selbst am besten kann und schon seit Jahren praktiziert. Das sind keine Theorien, das ist das, was sich heranbildet in kleinen Hasen, wenn es nachts dunkel wird im großen Wald.

Der Kritiker Gustav Seibt hat „Tschick“ in die Tradition der deutschen Romantik, Tieck, Eichendorff gestellt. „Tschick“ als Buch der deutschen Romantik, geschrieben mit amerikanischen Mitteln. War das so beabsichtigt?

Ich weiß nicht, ob Seibt das so meint, aber das wäre ja generell erst mal nicht falsch. Nur dass man von „beabsichtigt“ bei mir nicht wirklich sprechen kann. Ich denke mir beim Schreiben meist erst mal nicht viel außer „es sollte nicht langweilig sein“, und wo das dann hinsteuert, kann einem bei einem Roadmovie ja auch angenehm egal sein . . . Ich merke gerade, dass ich mich in erzromantische Positionen verrenne.

In Wirklichkeit verlassen Sie Berlin doch nie. Was hat es mit den Landschaften auf sich, die Maik und Tschick durchreisen, wo gibt es diese Mondlandschaften? Wo die Berge, „ungeheuer hoch und mit Steinzacken obendrauf“?

Im Gegensatz zu meinen Helden bin ich nie in Ostdeutschland gewesen und habe die Reise nur mit Google Maps unternommen. Da kann man von oben nicht sehen, wie hoch die Berge sind. Aber ich war nie ein großer Freund der Recherche. Ich habe versucht, Gegenden zu beschreiben, wie Michael Sowa sie malt: Auf den ersten Blick denkt man, genauso sieht es aus in der Natur! Und wenn man genauer hinschaut, sind es vollkommen durchkonstruierte Sachen, die archetypischen Landschaften wie in idealen Tagträumen.

Maiks Mutter ist Alkoholikerin, auch Tschick hat ein Alkoholproblem. Warum gleich zwei Trinker?

Das liegt daran, dass ich das Buch mit einer großen Unterbrechung in zwei Zügen geschrieben und das nicht gemerkt habe. Also, es ist mir dann natürlich selbst aufgefallen, aber ich hab' es auch nicht mehr geschafft, es ganz rauszuschmeißen.

Man hat ja oft einen bestimmten Leser im Kopf, für den man schreibt. Geht Ihnen das auch so beim Schreiben?

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