http://www.faz.net/-gr0-75dm2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.12.2012, 09:43 Uhr

Im Gespräch: Uwe Tellkamp Warum setzen Sie „Der Turm“ fort?

Fünf Jahre nach „Der Turm“ arbeitet Uwe Tellkamp an einem neuen Roman, der das Geschehen weitererzählt. Wir treffen uns in seinem kleinen Büro, nur fünf Fußminuten von Tellkamps Wohnung auf dem Weißen Hirsch in Dresden.

von
© F.A.Z. - Burkhard Neie Uwe Tellkamp, wie Burkhard Neie ihn sieht

Sie sind Suhrkamp-Autor. Wie sehen Sie die Querelen um den Verlag?

Andreas Platthaus Folgen:

Nur so viel, und das habe ich auch woanders gesagt: Wenn Herr Barlach Interesse an rein kommerziell arbeitenden Verlagen hat, soll er doch selbst einen eröffnen, aber nicht ausgerechnet Suhrkamp ruinieren wollen.

Ihr Roman „Der Turm“ war der größte Verkaufserfolg von Suhrkamp in den letzten Jahren und hat gezeigt, dass auch mit anspruchsvollen Büchern viel Geld verdient werden kann. Nun sitzen Sie mitten in der Arbeit an der Fortsetzung zum „Turm“.

Ich spreche lieber von einer Fortschreibung als einer Fortsetzung. In dem neuen Buch wird ausgeweitet, was im „Turm“ begonnen wurde. Ich habe eines Tages hier im Büro gesessen und mir gesagt: Bei dem Projekt, an dem du jetzt arbeitest, wird es mehr Erzählerstimmen geben als im „Turm“. Und für das, was in der Fortschreibung zum „Turm“ geschieht, ist das Land, das die DDR war, zu klein. Mir stellte sich die Frage, ob ich den Mut haben würde, in den großen Stoff der Politik einzudringen und dort meine Perspektiven zu finden. Ich bin jetzt seit 22 Jahren Bürger dieser neuen Republik, und deshalb muss auch ich mich endlich von dieser beengenden Ossi-Wessi-Perspektive freimachen. Die ist unproduktiv. Wir sind ein Land, es gab vorher schon viele kulturelle Berührungspunkte, mittlerweile ist alles nahezu vollständig durchmischt. Wir lernen von euch, ihr lernt von uns; der Rest ist Heimat und Neugier.

Wobei Sie den Vorzug genießen, nach der Wende auch im Westen gelebt und dort einiges gesehen zu haben.

Ja, die Karlsruher Kehrwoche. Das lief ziemlich eindrucksvoll ab. Aber ernsthaft: Die Wiedervereinigung wird mir zu sehr als ostdeutsches Projekt angesehen. Natürlich sind die Leute hier auf die Straße gegangen. Aber man muss den damaligen Druck aufteilen: auf das, was die Straße bewirkt hat, was die Kirche und die Bürgerrechtler bewegt haben, was die Ausreisebewegung bewirkt hat, auf das, was das Beispiel Polens bewirkt hat. Ja, die Revolution ist ein hiesiges Phänomen, die Wiedervereinigung aber nicht mehr. Die ist mit solchen Begriffen allein nicht mehr zu fassen.

Mir scheint der Eindruck in Westdeutschland immer noch der zu sein, der schon im Moment selbst, 1989, bei den Leuten herrschte: Dieses Ereignis ist glücklich über uns gekommen, wir haben dazu selbst gar nichts oder nur sehr wenig beigetragen. Alles, was danach kam, nahm man gern mit, wir fühlten uns gut aufgehoben, alles schien unaufhaltsam auf das gute Ende zuzulaufen. Erst im Nachhinein weiß man nun, was noch alles hätte schiefgehen können. Aber eine westdeutsche Perspektive auf Wende und Wiedervereinigung war bislang gerade für Westdeutsche uninteressant, weil sie gar nicht das Gefühl hatten, dass ihre Mitwirkung nötig gewesen wäre. Geschichte wurde einem vorgemacht, Anteil daran hatte man nicht.

Dass die Wiedervereinigung hier anders bewertet wird als in Westdeutschland, ist klar, auch deshalb, weil danach ja hier die Betriebe geschlossen wurden. Es geht mir aber auch um die Hilfe, die geleistet wurde: Aufbauhilfe, die gerade mit dem Stichwort „Treuhand“ verbunden ist. Hier ist die Meinung verbreitet, dass die Treuhand eine Schurkenanstalt gewesen wäre. Sicher ist da viel Mieses passiert, aber nicht nur. Mich stört es, wenn immer nur diese Klischees kommen. Auch viele Betriebsdirektoren von hier, die früher überzeugte Kommunisten waren, haben plötzlich ihre kapitalistischen Fähigkeiten entdeckt und in einer Art und Weise Leute entlassen, die niemand im Westen für möglich gehalten hatte. Die haben ihre Raubtiervorstellungen aus irgendwelchen ML-Lehrbüchern ausgelebt. Natürlich gab es unter den Leuten, die aus dem Westen hierherkamen, auch Schurken und Gewinnler, aber sehr viele entschieden sich aus purem Idealismus dafür zu helfen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Stil-Fragebogen: Fawaz Gruosi Lieblingsvorname? Mein eigener.

Kaffee und Zigaretten - daraus besteht das Frühstück von Fawaz Gruosi, der glamourösen Schmuck macht. Im Stil-Fragebogen verrät er, warum ein Anzug zum Streit mit seiner früheren Frau führte. Mehr Von Jennifer Wiebking

24.05.2016, 15:27 Uhr | Stil
Abgasmanipulation Opel-Chef Neumann: Wir haben keine illegale Software"

Opel-Chef Karl-Thomas Neumann hat nach einem Gespräch mit Bundesverkehrsminister Dobrindt erneut Berichte über Abgasmanipulationen zurückgewiesen: Die Berichterstattung der letzten Tage hat viele Fragen aufgeworfen. Wir sind dankbar, dass wir hier heute diese Fragen in sehr großer Offenheit mit der Kommission und auch mit Minister Dobrindt diskutieren konnten. Ich bleibe dabei und das sage ich auch im Namen von 35.000 stolzen Opelmitarbeitern: Opel-Motoren sind rechtskonform und wir haben keine illegale Software. Mehr

19.05.2016, 10:47 Uhr | Wirtschaft
Im Gespräch: Bernd Reisig FSV Frankfurt zu einer kleinen Sekte geworden

Unter Bernd Reisig als Geschäftsführer etablierte sich der FSV Frankfurt in der Zweiten Liga - die muss der Verein nun verlassen. Reisig wirft der Vereinsführung deshalb Fehler vor. Mehr

18.05.2016, 12:11 Uhr | Rhein-Main
Fußball-Bundesliga FC Bayern verpasst Chance auf vorzeitige Meisterschaft

Schon am letzten Samstag hätten sie die Meisterschaft holen können, aber es sie haben es verpasst. Diese Woche fieberten die Fans wieder mit ihrem FC Bayern mit - und wieder wurde es nichts mit der vorzeitigen Meisterschaft in der Fußball-Bundesliga. Mehr

01.05.2016, 18:53 Uhr | Sport
Adidas-Aufsichtsratschef Unser Gewissen ist rein

Adidas ist derzeit mehr wert als die Deutsche Bank. Ein Gespräch mit Chefaufseher Landau über glückliche Aktionäre, Geschäfte mit der Fifa und den Wechsel an der Spitze des Konzerns. Mehr

16.05.2016, 20:43 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Anleitung zum Saufen?

Von Kerstin Holm

Das neue Lied „In Petersburg trinkt man“ der Band „Leningrad“ gefällt den Ordnungshütern nicht. Dabei halten sich die Musiker doch nur an die Vorschriften, die Zar Peter der Große erlassen hat. Mehr 5