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Im Gespräch: Uwe Tellkamp : Warum setzen Sie „Der Turm“ fort?

Dass Ihre Fortschreibung den Titel „Lava“ tragen soll, wurde schon kolportiert. Ist das noch aktuell?

Ja, aber wohl nur für einen Teil des Buches. Ich bin jetzt wieder beim ursprünglichen Titel „Der Schlaf in den Uhren“. Ich hatte gedacht, dass es ein anderes, knapperes Buch würde als „Der Turm“, aber ich habe gemerkt, dass das mit dem, was ich vorhabe, nicht zu machen ist. Man kann es in kurzer Form nicht erzählen. Das Buch, was dahintersteckt, das reckt und streckt sich. „Lava“ wird der erste Teil davon heißen, und die Zeit, auf die der Titel abhebt, hatte in meiner Beobachtung ein typisches Charakteristikum: einen merkwürdigen Starrsinn, der sich da entwickelte. Über die Wendezeit gibt es das Klischee, sie wäre unglaublich actionreich gewesen. Jeder Tag wie Jahre, und es hätte sich unfassbar viel verändert. Oberflächlich gesehen, stimmt das, doch wenn man genau hinschaut, war es von einer bestimmten Zeit an immer genau das Gleiche. Da herrscht immer wieder die alte Mechanik von Abwicklung, Tragik, Kampf dagegen und so weiter. Und plötzlich bemerkt man, dass das Klischee von der unfassbar bewegten Zeit einerseits zwar stimmt, andererseits aber rasender Stillstand herrschte. Und überdies hat diese Vorwärtsbewegung eine enorme Rückwärtsdynamik. Alle diese neuen Dinge von 1989, dass man sich traf, dass man miteinander redete, dass Arbeitsbeziehungen entstanden und auch persönlich-private, das zeigt ja, dass dieses versinkende Land viel lebendiger war als im Entstehen. Das habe ich auch selbst damals so erlebt: Wir haben uns vor 1989 über bestimmte Grundbedingungen nie unterhalten, weil die für uns selbstverständlich waren. Das Buch so zu gestalten, dass man die Vorwärtsdynamik hat, eine Rasanz, aber auch die Rückwärtsdynamik, die bis in die Urwurzeln reicht, das erst könnte ein zutreffendes subjektives Bild - ein objektives kann man nie erreichen - ergeben. Das ist die Herausforderung.

Was heißt das konkret?

Ich versuche, diesen Anspruch über die Perspektiven einzulösen. Die Vorwärtsdynamik, das sind beispielsweise der Christian Hoffmann und die Anne, seine Mutter, die jetzt zu einer Hauptfigur wird. Deren Entwicklungen und Biographien nach vorn werden gezeigt. Die Rückwärtsdynamik wird von einer anderen Figur übernommen, die von einem diffusen „Heute“ aus erzählt. Es wird erst später gezeigt, was für ein Heute das ist und wo vor allem. Dieser Erzähler erinnert sich an die Geschichte seiner Schwester Muriel, das ist die Cousine von Christian, die im „Turm“ in den Werkhof kommt, eine kleine Randfigur.

Also ist der Rückwärtserzähler deren Zwillingsbruder Fabian Hoffmann?

Ja, und er verfolgt diese Geschichte zurück, dann die der Eltern, immer tiefer.

Sie erzählen schon sehr detailliert über die Handlung. Wo stehen Sie im Buch?

Was meinen Sie damit?

Bei der Hälfte zum Beispiel?

O Gott. Vielleicht bei einem Drittel!

Und wann sollen Sie es fertig haben?

Mein Abgabetermin ist auf den Mai 2013 festgelegt. Ob ich das schaffe, ist die Frage, aber es ist ein gesunder Druck.

Das bedeutet, der Roman könnte im Herbst nächsten Jahres erscheinen.

Mal sehen, wie lange es dauert. Ich weiß nicht, wie umfangreich es wird. Ich sehe gewisse Enden noch nicht. Die Schwierigkeit ist: Ich habe drei Perspektiven darin, von denen ich im Grunde aus eigener Anschauung nur eine kenne. Das ist die von Christian. Aber es gibt Dinge, die ein Autor machen - ich will nicht sagen: muss, aber sollte. Ich bin mit Mircea Cărtărescu, einem genialen Autor, befreundet, und der hat mir gesagt: „Wenn du ein Buch, das dir wichtig ist, nicht machst, das verfolgt dich als Gespenst. Das wirst du nicht los.“ Manche Kollegen haben mir davon abgeraten, das Buch fortzuschreiben. Aber es geht nicht anders. „Der Turm“ ist nicht fertig.

Zur Person

Uwe Tellkamp wird am 28. Oktober 1968 in Dresden geboren. Er wächst nach ersten Jahren in einer Plattenbausiedlung im Villenstadtteil Weißer Hirsch auf; sein Vater ist Internist.

Im Oktober 1989 verweigert sich Tellkamp als Unteroffizier der Nationalen Volksarmee dem Einsatz gegen Demonstranten in seiner Heimatstadt. Nach der Wende studiert er Medizin in Leipzig, New York und Dresden. Danach arbeitet er als Arzt in München. 2004 entscheidet er sich, als freier Schriftsteller zu leben und zieht nach Karlsruhe. Im selben Jahr gewinnt er in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis für seine Erzählung „Der Schlaf in den Uhren“. 2005 erscheint sein Roman „Der Eisvogel“.

Im Jahr 2008 veröffentlicht der Suhrkamp Verlag Tellkamps Roman „Der Turm“, der im selben Jahr den Deutschen Buchpreis gewinnt. Es entstehen mehrere Bühnenadaptionen und 2012 die gefeierte Fernsehverfilmung durch Christian Schwochow. 2009 zieht Tellkamp zurück nach Dresden, wo er mit seiner Frau und zwei Kindern lebt.

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