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Veröffentlicht: 12.12.2010, 12:00 Uhr

Im Gespräch: Umberto Eco Sind Sie der ideale Leser, Signor Eco?

Wir treffen einen blendend gelaunten Umberto Eco am Rand des Münchner Literaturfests. Trotz diverser Whiskeys, die er im Verlauf der Unterhaltung bestellt, ist das Glas vor ihm immer leer. Das ist aber nur einer der vielen Tricks, die dieser Schriftsteller beherrscht.

von
© Burkhard Neie

Herr Eco, wir hätten Sie ja fast nicht erkannt. Wo ist denn Ihr Bart geblieben?

Den habe ich mir abnehmen lassen, schon vor zwei Jahren. Denn mein Bart wurde immer grauer, während der Schnurrbart dunkel blieb. Ich sah aus wie Dschingis Khan!

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Sie sind als Bücherliebhaber inzwischen fast so bekannt wie als Romancier. Welches Buch haben Sie zuletzt gekauft?

Eine Inkunabel von 1473, eine Ausgabe der „Etymologiae“ des Isidor von Sevilla, die mit ihrem blütenweißen Papier aussieht, als wäre sie erst gestern gedruckt worden. Eine Schönheit. Eine solche Schönheit, dass der Händler mir vier Jahre Zeit gibt, um sie abzubezahlen.

Dieses Werk haben Sie natürlich erst in Augenschein genommen. Aber kaufen Sie auch mal Bücher übers Internet?

Ja, wenn ich Bücher für meine Arbeit, zur Recherche, brauche. Für meinen neuen Roman zum Beispiel habe ich über fünf Jahre hinweg Material aus dem neunzehnten Jahrhundert zusammengetragen, von antisemitischen Pamphleten bis zu antijesuitischen Schriften. Aber für gewöhnlich kaufe ich keine neuen Bücher, denn meist treffen sie in großer Zahl ohnehin ungebeten ein. Das Problem ist eher, wie man sie wieder los wird. Ich bin von der Wirtschaftskrise gewissermaßen gerettet worden: Sie hat die Menge an Büchern, die mir ungefragt von Verlagen zugeschickt werden, um gut siebzig Prozent reduziert. (lacht)

Und was machen Sie mit den übrigen dreißig?

Am Anfang habe ich versucht, die Bücher Krankenhäusern oder Gefängnissen zu geben, doch dann teilte man mir mit, dass die Sorte Bücher, die ich spende, Häftlinge und kranke Menschen korrumpieren kann. Dann habe ich beschlossen, wenigstens die in Fremdsprachen geschriebenen an die Gefängnisse zu geben, denn dort sind deutsche, englische, französische, albanische oder rumänische Ausgaben sicherlich rar. Inzwischen gebe ich die meisten Bücher aber an die Universität. Dort stapeln wir sie dann auf einem sehr langen Tisch und machen einen Aushang: „Take a book and run“. In wenigen Minuten ist der Tisch leer.

Wie entscheiden Sie, wovon Sie sich sofort trennen und was erst einmal bleiben darf?

Pures Genie, was dachten Sie denn! (lacht)

Und nach welchem Ordnungsprinzip funktioniert Ihre Bibliothek?

Oh, das ist ein Problem. Die seltenen Bücher und Kostbarkeiten stehen natürlich separat, ungeheizt etcetera. Die sind nach speziellen Kriterien geordnet, und jedes ist ausführlich katalogisiert. Aber dann passiert mir so etwas wie gerade vorgestern: Ich weiß, dass ich ein bestimmtes Buch habe, aber es ist eines, das sich außerhalb der gängigen Klassifizierungen bewegt, und ich erinnere mich nicht, ob ich es hier oder dort einsortiert habe. Ich schlage es nach, aber das Verzeichnis sagt mir nicht, wie der Einband aussieht. Da kann ich dann lange suchen! Was die modernen Bücher angeht, so habe ich einen zwanzig Meter langen Flur mit Literatur, wo italienische, französische und deutsche Ausgaben vom zwanzigsten Jahrhundert an alphabetisch geordnet sind. Alles Frühere ist nach Jahrhunderten geordnet: Frankreich achtzehntes Jahrhundert, Deutschland achtzehntes Jahrhundert und so weiter. Im Studio stehen die Essays, die sind nach persönlichen Kriterien sortiert. Denn je nach Zeitpunkt und meiner jeweiligen Beschäftigung kann ein Buch dort erst unter Ästhetik stehen und drei Jahre später bei der Linguistik. Da taucht das Problem auf, dass ich mich zu erinnern glaube, dass ein Werk einen gelben Rücken hat, nach dem ich dann tagelang suche, nur um schließlich festzustellen, dass der Umschlag in Wahrheit grün war. Ich besitze fünfzigtausend Bücher. Wenn jemand eines aus dem Regal nimmt und es an anderer Stelle zurückstellt, geht es mir auf immer verloren.

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