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Im Gespräch: Nick Cave Ein Element von Schönheit und Pathos

 ·  Der australische Popmusiker Nick Cave hat einen Roman geschrieben, der fast noch düsterer ist als seine Songtexte. Ein Gespräch über Kindererziehung unter Drogeneinfluss, das Echo von Kylie Minogues Hintern und die Vergeblichkeit, ein anderer Mensch werden zu wollen.

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Der australische Popmusiker Nick Cave, 51, hat einen Roman geschrieben, der fast noch düsterer ist als seine Songtexte. Es geht um den Niedergang einer wahrhaft verlorenen Seele. Um einen Mann, Vertreter von Kosmetikprodukten, der rücksichtslos seinen dunklen Sehnsüchten nachjagt – Sex mit Prostituierten, Alkohol, Drogen. Als seine Ehefrau sich das Leben nimmt, rührt ihn das ebenso wenig wie das Wohlergehen seines neunjährigen Sohnes, den er aus der Schule hinaus und mit auf Geschäftsreise nimmt. Wie im Rausch stürzt, stolpert, rast er dabei auf seinen eigenen Untergang zu, dem er nicht entkommen kann, wobei zu sagen ist, dass er das noch nicht einmal versucht. „Der Tod des Bunny Munro“ erinnert in seiner radikalen, bisweilen sehr komischen Gnadenlosigkeit an Hunter S. Thompsons „Angst und Schrecken in Las Vegas“. Im hinteren Drittel wird es ein wenig ermüdend, weil der Held keinerlei Entwicklung erfährt und die Handlung dadurch keine Veränderung. Am schönsten sind die aus Sicht des Jungen erzählten Passagen, die etwas ungemein Zartes haben – ungefähr so zart wie die pastellfarbenen Punkte auf dem Hemd, das Nick Cave an einem mild verregneten Londoner Vormittag zum Interview trägt.

Sprechen Sie eigentlich Deutsch?

Nick Cave: Nein. Zu meiner absoluten Schande, denn ich habe ja drei Jahre in Berlin gelebt. Aber ich habe nie die Sprache gelernt.

Was ist schwieriger: einen Roman zu schreiben oder einen Songtext?

Songtexte sind viel schwieriger. Wenn man mal einen geschrieben hat, muss man beim nächsten wieder komplett bei null anfangen. Da ist dann wieder diese leere Seite und die Frage, worüber man schreiben soll. Ich mache das seit vielen Jahren, ich weiß, wie man Sätze zusammenbaut, ich kenne das Handwerk, aber man muss sich jedes Mal wieder hinsetzen und neu überlegen, wovon der nächste Song handeln soll. Es ist nicht so, dass man ständig eine Million Ideen im Kopf hat – da ist im Grunde nichts. Man muss etwas finden, über das man schreiben kann, immer wieder etwas Neues, man will sich ja nicht wiederholen. Das ist quälend. Das Problem hatte ich bei diesem Roman nicht: Ich hatte die Geschichte ursprünglich als Drehbuch geschrieben, sie war also fertig, alles, was ich tun musste, war, sie aufzuschreiben.

Wie kam es überhaupt zu diesem Buch? Gerade wurde bekannt, dass „Der Tod des Bunny Munro“ nun auch verfilmt werden soll. Eigentlich war die Reihenfolge also umgekehrt gedacht?

Der Regisseur John Hillcoat, mit dem ich vor ein paar Jahren schon mal einen Film gemacht habe, „The Proposition“, einen australischen Western, kam eines Tages auf mich zu und fragte mich, ob ich noch mal ein Drehbuch schreiben würde. Ich sagte, ja, wovon soll es denn handeln? Er wollte eine Geschichte, in dem ein Handlungsreisender vorkommt, eine Szene, die in dem englischen Ferienlager Butlins spielt, und eine Nahtoderfahrung. Ich sagte, okay. Und schrieb dann dieses Drehbuch. Das lag dann aus verschiedenen Gründen lange herum, also habe ich in der Zwischenzeit einen Roman daraus gemacht.

Wahrscheinlich ist es leichter, sich eine Geschichte auszudenken, wenn einem jemand vorher sagt, was schon mal drin vorkommen soll.

Aber man hat mir ja keine Geschichte diktiert. Nur drei Dinge, die vorkommen sollten. Das ganze Buch ist sehr persönlich, es beschäftigt sich sehr eingehend mit Sachen, die mich umtreiben. Die Handlung ist nur die Wäscheleine, auf die man dann die Wäsche hängt. Die Wäsche ist das Entscheidende.

Inwieweit ist das Buch sehr persönlich?

Lassen Sie mich zuerst sagen, dass Bunny Munro ein Monster ist, das monströse Dinge tut. Aber es gibt etwas an seinem Verhalten, das ich bewundere: die unbedingte Konsequenz, mit der er seine Sehnsüchte verfolgt. Und das ist etwas, das ich nachvollziehen kann. Ich bin Künstler, und als solcher ist es mir nicht fremd, auf Kosten der Menschen, die einen umgeben, abstrakte Ideen zu verfolgen. Es ist ein sehr egoistischer, eigennütziger Akt, ein kreativer Mensch zu sein. Das kann ich nachvollziehen. Und ich kann mich auch damit identifizieren, dass er die Welt sexualisiert sieht. Als Männer tun wir das.

Ihr Roman handelt also im Grunde vom Elend des modernen Mannes?

In der Regel verhalten sich Männer heute nicht mehr so wie Bunny Munro. Er scheint aus einer anderen Zeit zu kommen, aus den sechziger oder siebziger Jahren, als die Leute geswingt haben. Er ist anachronistisch in seinem Versuch, ständig seinen Charme spielen zu lassen, was bei den Frauen ja auch gar nicht ankommt. Er ist sogar wahnsinnig erfolglos damit.

Beim Lesen habe ich immer auf den Moment gewartet, an dem er sich ändert. Warum haben Sie ihm keinen Moment der Einsicht erlaubt?

Weil ich nicht an Veränderung glaube. Ich glaube nicht, dass wir Menschen unser Leben leben, jede Menge Unheil anrichten und an irgendeinem Punkt einsehen, dass wir gefehlt haben und dafür Verantwortung übernehmen und eines Tages glücklich sterben. So läuft das nicht. Ich glaube, wir krachen irgendwie durchs Leben und, bang!, sterben, und das war’s dann auch. Heute herrscht eine Kultur, die uns einreden will, dass wir Erlösung erreichen, wenn wir unsere Sünden im Fernsehen beichten. Talkshows wie Jerry Springer, in denen Menschen ihre Fehltritte beichten, basieren auf dem Prinzip der katholischen Beichte. Ich glaube nicht daran. Und deshalb übernimmt Bunny Munro nie Verantwortung für seine Taten und stirbt auch nicht erlöst. Das heißt, aus meiner Sicht stirbt er doch erlöst, denn sein Sohn liebt ihn. Das ist es, was uns erlöst: Jeder Mensch ist liebenswert. Sogar ein fehlgeleitetes Monster hat die Fähigkeit, einen kleinen Jungen zu Liebe zu inspirieren. Das ist ein wunderschöner Aspekt an uns, auch an Kindern. Ganz besonders in diesem Alter von acht, neun Jahren. Noch ist der Vater Superman, aber sie stehen ganz kurz davor zu begreifen, dass er es in Wahrheit nicht ist.

Sie haben selbst Zwillinge in diesem Alter.

Ja, sie sind neun, ich weiß also, wovon ich rede. Heute zum Beispiel musste ich von zu Hause weg, und sie haben mir ohne Arg auf Wiedersehen gesagt, sie sind nicht beleidigt, dass ich fortgehe, dass ich sie ein paar Tage verlassen werde. Sie vergeben all das – es ist ein sehr rührendes Alter. In einem Jahr oder zwei werden sie wütend auf mich sein. Ich habe auch ältere Söhne, ich weiß, dass das auf mich zukommt. Warum bist du immer weg?, solche Fragen. Sie werden mir dann nicht mehr glauben, wenn ich sage, dass ich weggehe, um Geld zu verdienen, damit ich ihnen mehr Spielzeug kaufen kann.

Erinnern Sie sich noch an sich selbst als Neunjährigen?

Ich erinnere mich nicht mehr sehr gut an meine eigene Kindheit. Um mich in den kleinen Jungen hineinzuversetzen, hat geholfen, dass ich Vater bin. Man lernt dabei, dass Kinder eine ganz eigene Welt haben, auf die wir Eltern kaum Einfluss haben. Eltern wird ja zunehmend eingeredet, dass Kinder etwas sind, das wir kreieren, etwas, das wir formen können. Natürlich können Eltern massive Auswirkungen auf ihre Kinder haben, wenn sie sie missbrauchen. Es ist erschreckend, was das für Folgen haben kann. Aber ich glaube trotzdem, dass wir insgesamt nicht eine solche Wirkung auf sie haben, wie wir gerne glauben. Kinder sind, wie sie sind, ab dem Moment ihrer Geburt. Gleichaltrige, mit denen sie Umgang haben, haben dann viel mehr Einfluss auf ihr Verhalten als wir Eltern. Es gibt einen Aspekt an Kindern, der viel reicher und interessanter ist als an uns Erwachsenen, finde ich. Sie haben etwas Rätselhaftes und Beneidenswertes.

Der Held Ihres Romans steht meistens unter dem Einfluss irgendwelcher Drogen. Haben Sie sich da Ihrer eigenen Erfahrungen bedienen können, oder haben Sie gar nicht so viele Erinnerungen an Ihre Zeiten auf Heroin?

Oh doch, ich habe sehr klare Erinnerungen daran. Ich war lange Zeit drogenabhängig. Und ich habe eins meiner Kinder als Drogenabhängiger aufgezogen. Ich war heroinabhängig, bis er sechs Jahre alt war. Wir hatten dennoch immer eine sehr liebevolle Beziehung, und soweit ich das beurteilen kann, habe ich einen guten Job als sein Vater gemacht. Einen besseren als manche Väter, die kein Heroin nehmen (lacht). Ich glaube nicht notwendigerweise an dieses Konzept, dass man ein moralischer Leuchtturm sein muss, um ein Kind gut aufzuziehen. Er ist jetzt achtzehn, ein bemerkenswerter Junge, und er dachte niemals, nicht einmal eine Sekunde lang, dass ich irgendetwas anderes sei als ein toller Vater. Darin liegt ein Element von Schönheit und Pathos, das ich versucht habe, im Buch wiederzugeben. Ich will hier nicht anregen, dass Eltern heroinabhängig werden sollten, um Kinder großzuziehen – aber es hält einen irgendwie auf dem Boden (lacht).

Sie haben vor zwanzig Jahren schon einen Roman geschrieben, „Und die Eselin sah den Engel“, ein ziemlich komplizierter Text mit vielen Bibelanspielungen. Haben Sie ihn seither wiedergelesen?

Ich habe es versucht, bevor ich mich an den neuen gemacht habe. Jemand hat mir eine Ausgabe geschickt, die ich signieren sollte. Dann habe ich angefangen, es zu lesen, und dachte, es ist nicht schlecht, aber es hätte lektoriert werden müssen. Ich habe es damals selbst lektoriert, was ja absurd ist. Ich habe einfach alle Stellen dringelassen, die ich gut fand, das war alles. Irgendjemand hätte Ordnung hineinbringen und die Adjektive rausschmeißen müssen, zu denen ich im Überfluss neige. Ich habe das Buch damals in Berlin geschrieben, in Kreuzberg, ich habe dafür drei Jahre gebraucht, und es war eine wirklich schmerzvolle Erfahrung. Und was dann letztlich dabei herauskam, war schwer zu verstehen und kompliziert, ein typischer erster Roman eben.

Ihr wahrscheinlich größter Hit war ein Duett mit Kylie Minogue, „Where the Wild Roses Grow“, 1995. Nun taucht sie in Ihrem neuen Roman auf, der Held ist geradezu besessen vom Gedanken an sie in ihren Hotpants. Und eine weitere real existierende Popsängerin, Avril Lavigne, dient ihm als Objekt für abgründige Sexphantasien. Was hat es damit auf sich?

Kylie Minogues Hotpants haben die britische Öffentlichkeit mindestens ein Jahr lang in Atem gehalten, und das Echo ihres Hinterns geistert immer noch durch England. Das sagt natürlich etwas darüber aus, in was für einer Gesellschaft wir leben. Was die Sache mit Avril Lavigne angeht, das beunruhigt mich manchmal mitten in der Nacht.

Sie entschuldigen sich im Nachwort bei ihr. Hat sie das Buch gelesen?

Nein. Ich kenne sie überhaupt nicht. Es fühlt sich sehr düster an, wie sie im Buch vorkommt, es ist nicht lustig, es wird sogar sehr unlustig, und es ist sehr intim. Manchmal mache ich mir schon ein bisschen Sorgen deswegen. Aber an einem besseren Tag denke ich, wenn Avril Lavigne ein Buch schreiben würde und mein Penis der zentrale Aspekt darin wäre, wäre ich darüber nicht allzu unglücklich.

Das Gespräch führte Johanna Adorján.

Nick Cave: „Der Tod des Bunny Munro“. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Erscheint am 24. September im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 19,95 Euro

Quelle: F.A.Z.
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