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Im Gespräch: Michael Lewis Wer wusste was wann?

Der Bestseller-Autor Michael Lewis spricht im Interview über die Psychologie der Schuldenkrise, die Geburt eines skeptischen Kapitalismus und deutsche Strategien.

© Richard Saker/Guardian News & Media Ltd. „Ich glaube, die Deutschen sind gar nicht so dumm“: Michael Lewis

Michael Lewis ist ein Mann, den wir hier ja nicht mehr groß vorstellen müssen: Niemand schilderte die Hintergründe der Immobilienkrise besser, als er es 2010 in seinem Buch „The Big Short“ tat, nämlich eher mit viel Lust am Irrsinn als mit moralischen Urteilen. Und weil die ebenso unglaublichen Zustände in Europas Schuldenstaaten, von denen er in seinem neuen Buch „Boomerang“ berichtet, in diesen präapokalyptischen Tagen fast schon wieder wie eine Idylle aussehen, haben wir ihn diese Woche einmal angerufen.

Guten Morgen, Mister Lewis.

Wie geht’s? Wie ist denn die Stimmung in Deutschland gerade?

Sehr unterschiedlich, würde ich sagen.

Nimmt denn die Ablehnung gegen die Finanzhilfen für die Länder an der europäischen Peripherie zu?

Noch mehr? Der Vorschlag, die Akropolis zu verkaufen, ist kaum zu toppen.

Ich habe mich nur gefragt, ob es Frau Merkel inzwischen besser gelingt, das deutsche Volk von ihren Abkommen zu überzeugen. Ob sie den letzten Schritt macht und die EU mit deutschem Geld rettet. Ob die Deutschen sie dafür rauswerfen oder ihr applaudieren.

Ich glaube, die meisten Deutschen verstehen gar nicht, worüber gerade überhaupt diskutiert wird. Und die, die es halbwegs verstehen, sind gespalten. Natürlich wollen viele nicht zahlen, aber es gibt schon auch Menschen, die glauben, dass das auch unsere Schulden sind - im moralischen Sinn.

Mir ist nicht ganz klar, ob Merkel eine bewusste Strategie verfolgt oder ob ihr das alles gerade sozusagen passiert. Ich glaube eher, sie antwortet auf die Krise, während diese sich entwickelt. Und es stimmt: Es ist erstaunlich, wie die Märkte auf Schlagzeilen reagieren, hinter denen überhaupt keine Substanz steckt. Man weiß wirklich nicht, über was die überhaupt reden. Sie sagen nur, sie sind sich über irgendetwas einig, aber nicht, über was. Und alle sagen: Toll!

Es ist wie eine Black Box.

Absolut. Es ist sehr lustig, das mitanzuschauen, aus einer gewissen Entfernung. Vermutlich nicht so sehr, wenn man mittendrin steckt.

Ich wollte eigentlich mit Ihnen über Ratingagenturen reden. Standard & Poor’s hat jetzt gedroht, auch deutsche Anleihen herabzustufen. Wieso hört eigentlich noch jemand auf Ratingagenturen?

Ich kann mir das nur durch zwei Dinge erklären: Der praktische Grund ist, dass die Ratings immer noch Bestandteil der Risikokalkulationen der Banken sind. Einige Investoren sind daran gebunden, sie dürfen einfach keine Papiere halten, die von AAA auf AA abgewertet wurden. Die Agenturen haben de facto eine formelle Autorität. Der andere Grund hat etwas mit dem Black-Box-Charakter der Sache zu tun. In einem Umfeld, in dem es nur so schlechte Informationen und so wenig Verständnis gibt, herrscht einfach ein Vakuum. Die Leute suchen nach jeder Art von Autorität. Deshalb darf heute jeder, der schon immer als Autorität im Finanzmarkt gelten wollte, in Leitartikeln darüber schwafeln, was Europa bedeutet oder was es jetzt tun sollte. Die Leute hungern nach solchen Autoritäten, die ihnen sagen, was sie denken sollen.

Man kann niemandem trauen, also glaubt man denen, die behaupten, dass sie sich auskennen.

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Veröffentlicht: 13.12.2011, 20:46 Uhr