21.07.2009 · Seine Abenteuer von Hahn, Maus und Schwein sind Kinderbuchklassiker. Jetzt kommen sie ins Kino. Ein Interview mit Helme Heine über die Freiheit, die Kunst und die nebulöse Kindheit, das Leben in Afrika und ein Bier zuviel fürs Borstenvieh.
Von Tilman SpreckelsenHelme Heine ist schlank und braun gebrannt. Er hält sich aufrecht, ist aufmerksam und höflich. Wenn er antwortet, forscht er im Gesicht des anderen, ob er auch verstanden worden ist. Und immer wieder kommt er auf Afrika zurück.
Herr Heine, Sie leben seit neunzehn Jahren in Neuseeland und haben auch zwölf Jahre in Afrika gelebt - gibt es dorthin noch eine Verbindung?
Ich bin 1965 nach Afrika gegangen. Verglichen mit der damaligen Zeit, ist die Entwicklung natürlich phantastisch, die Apartheid in Südafrika ist inzwischen abgeschafft worden, ohne Bürgerkrieg. Aber die Kriminalität, das stimmt einen traurig.
War das für Sie der Grund, das Land 1977 zu verlassen?
Ja. Meine Frau hat zwei Kinder, und ich wollte nicht, dass sie in einen Grenzkrieg, damals war es Angola, eingezogen würden. Ich verdanke Afrika sehr viel - Afrika verliert man nicht. Es ist ja der letzte Kontinent, wo Tiere und Landschaft eine Einheit bilden, das ist etwas ganz Wunderbares, so eine Ahnung davon zu haben, wie die Welt einmal war.
Hat Südafrika Sie verändert?
Ich bin dorthin gegangen als Betriebswirt und wiedergekommen als Künstler. Mich hat immer fasziniert, wie am Strand von Moçambique, wo ich meine Ferien verbrachte, die Leute aus einem angespülten Baum mit Äxten oder angespitzen Schraubenziehern eine Skulptur gemacht haben - bei uns fängt man erst an und sagt, ich brauche ein geeignetes Studio, ich mach' erst mal einen Kursus. Das hat mir doch sehr viel Mut gemacht. In Afrika habe ich improvisieren gelernt.
Kein Bedürfnis nach Absicherung?
Als ich hinging, war ich geprägt durch meine Eltern, die mir immer gesagt haben: Lern doch erst mal was Anständiges. In Afrika habe ich dann nach einer vernünftigen Stelle gesucht, mit Kündigungsschutz und all diesen Dingen. Das habe ich dann schnell gelassen. Ich war damals wirklich bettelarm, ich bin achtmal ausgeraubt worden, dann habe ich mir eine Elefantenbüchse gekauft und hätte eines Morgens beinahe den Milchmann erschossen. Da habe ich mir gesagt, das bringt mich jetzt auch nicht weiter. Und hatte plötzlich keine Angst mehr davor, arm zu werden und alles zu verlieren. Heute würde ich dann eben Fahrrad fahren, nicht mehr nach Europa fliegen, in Neuseeland könnte ich mich aus dem Garten ernähren und mit Angeln, ich könnte Zimmer vermieten oder mein Haus und in der Zwischenzeit bei Freunden schlafen. Ich habe keine Angst mehr davor. Und diese Angst zu verlieren gibt einem Freiheit.
Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Die Verlage spüren, dass ich auch nein sagen kann, wenn ich von einem Projekt nicht überzeugt bin. Ich mache auch nie Auftragsproduktionen oder versuche, eine Idee zu verkaufen - da kriegt man einen Vorschuss, den man ganz schnell verbrät, und wenn das Buch fertig ist, stellt sich heraus, dass sich der Verleger das ganz anders vorgestellt hat, dann müssen sich alle irgendwie verbiegen, und es kommt nie etwas dabei raus, was beide Seiten glücklich macht. Deshalb mache ich immer erst etwas fertig, egal, ob Roman oder Bilderbuch, das Risiko liegt bei mir. Dann lasse ich es Monate liegen, merke vielleicht, dass da Schwächen drin sind, dann ändere ich auch - ich bin groß im Wegwerfen. Erst dann biete ich es dem Verleger an.
Sie illustrieren ja auch kaum fremde Bücher.
Ganz selten, höchstens bei Freunden. Ich entwickele manchmal Dinge, wie damals „Tabaluga“ für Peter Maffay, und ich liebe Geschichten. Das habe ich auch in Afrika gelernt, das Geschichtenerzählen. Ich wohnte damals in einem alten, wackligen Farmhaus vor den Toren von Johannesburg. Und jeden Donnerstag durfte jeder kommen. Es gab „Tassenberg“, so ein Gallonenwein, der billigste Wein, den es gab, und dazu ein bißchen Käse. aber jeder musste als Gastgeschenk eine Geschichte mitbringen. Und die durfte nicht vorgelesen, sondern musste erzählt werden.
In welcher Sprache?
Auf Deutsch, in Johannesburg lebten damals über 100.000 Deutschsprachige.
Jetzt läuft der Film „Mullewapp“ an, nach Ihrem Kinderbuchklassiker „Freunde“, dessen Helden ein Hahn, ein Schwein und eine Maus sind. Die Bücher sind bestens bekannt, die Charaktere vertraut - was wollen Sie da in einem Kinofilm noch Neues erzählen?
Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt einen Film machen sollte. Aber dann habe ich gelesen, dass Hermann Hesse testamentarisch verfügt hatte, dass keines seiner Bücher verfilmt werden darf. Die Erben haben sich daran nicht gehalten, und die Filme waren nicht so erfreulich. Da habe ich mir gedacht: Warum soll ich das meinen Kindern und Enkeln überlassen? So kann ich wenigstens ein bisschen mitdrehen. Dann habe ich, auch um das Buch nicht zu beschädigen, mir für den Film überlegt, wie die drei zu Freunden geworden sind. Und dazu noch einen Bösewicht geschaffen. Natürlich muss man sich auch darauf einstellen, dass an so einem Film 500 Leute mitarbeiten die sich auch alle einbringen wollen. Und natürlich folgen die Figuren, wenn man sie aus dem Buch in den Film bringt, anderen Gesetzen. Sie bekommen auf einmal Stimmen, Augenlider und Pupillen, es gibt Musik.
Hat die Ihnen gefallen?
Darauf hatte ich keinen Einfluss. Ich hätte mir mehr klassische Musik gewünscht.
Was konnten Sie denn beeinflussen?
Zum Beispiel die Geschwindigkeit: Ich wollte keinen Actionfilm machen, eher einen, der die Leinwand ruhighält, aber den Zuschauer bewegt. Ich glaube, das ist mir gelungen.
In den U-Bahnhöfen hängen zur Zeit Plakate, die Werbung machen für Sprudel, der nach Tabaluga benannt ist, Ihrem kleinen Drachen. Werden Sie bei so etwas noch gefragt?
Ich habe darauf keinerlei Einfluss. Ganz zu Anfang wusste ich ja gar nicht, was mit Tabaluga passiert. Die sind an mich herangetreten - der Maffay hat mir mal erzählt, dass die durch Whoopy Goldberg auf mich gekommen sind, die als Erzählerin vorgesehen war und mein Buch „Freunde“ mochte. Was ich an „Tabaluga“ mag, ist, dass ich so wieder in mein altes Theatergeschäft zurückgekommen bin - ich mache ja auch die Bühnenbilder und die Kostüme dafür. Alles andere ist Maffay und nicht Heine. Aber das Geld, das ich damit verdiene, gibt mir die Freiheit, andere Projekte durchzuführen, die mir nichts einbringen.
Aber ein zentraler Gedanke von „Tabaluga“ kehrt doch auch in anderen Ihrer Bücher wieder - die Utopie, niemals erwachsen zu werden. Eine Konstante bei Ihnen?
Nein. Ich werde oft gefragt, ob man für „das Kind in sich“ schreibt. Ich glaube: Je weiter man sich von der Kindheit entfernt, umso besser schreibt man für Kinder. Ich halte die Kindheit für eine ganz in sich abgeschlossene Lebensphase, an die man sich nicht erinnern kann. Das ist wie durch einen Nebel: Man glaubt vielleicht, sich erinnern zu können, aber man weiß gar nicht, wie das Eis damals geschmeckt hat und wie groß die Angst wirklich war. Nicht umsonst bekommen die afrikanischen Kinder erst mit dem Zahnwechsel ihren richtigen Namen. Es ist wirklich wie eine Metamorphose - was weiß der Schmetterling von seinem Raupendasein, und umgekehrt? Man muss nicht das Kind in sich bewahren. Deshalb sind ja auch so viele Bücher so unsäglich in der Sprache und der Illustration. Ich glaube, es ist eher hinderlich, wenn man im Kindergarten arbeitet oder Lehrer ist, um für Kinder zu schreiben.
Aber warum hilft es beim Schreiben, wenn der Nebel dichter geworden ist?
Es hilft, wenn man nicht für ein bestimmtes Kind schreibt. Wann immer ich ein Bilderbuch mache, interessiert mich nur die elementare Geschichte. Das sind ganz logische Prozesse. Nehmen wir die „Freunde“: Da habe ich erst die Charaktere entworfen, möglichst gegensätzliche - das Schwein, der Hahn, die Maus. Als Nächstes muss ich auch an die ganz kleinen Leser denken, ich brauche also Symbole. Und weil es in dem Buch um Freundschaft geht, habe ich das Fahrrad erfunden, das keiner von ihnen alleine fahren kann, alle zusammen aber schon.
Überlegen Sie sich diese Dinge vorher, oder fangen Sie auch schon mal mit Skizzen an?
Nein, das geht nicht, da bin ich wie ein Architekt: Ich kann nicht schon mal ein Loch ausheben, bevor ich nicht weiß, wie das Gebäude aussieht. In den Zeiten der Samurai war es üblich, dass der Architekt ein Jahr lang in einem Zelt auf dem Grundstück lebte und etwa genau wußte, wohin das Wasser fließt, wenn es regnet. Und dann machte er seinen ersten Entwurf - mit Kreide. So entwickele ich meine Bücher. Ein Bilderbuch ist kein Buch mit Bildern, sondern eine inszenierte Geschichte.
Sie haben einmal gesagt, „wenn ich Musik höre, sehe ich Farben“ - können Sie das erklären?
Ich bin sehr spät zur Musik gekommen, in meinem Elternhaus gab es keine. Mein erstes Radio habe ich nach Afrika mitgenommen, das habe ich mit 25 bekommen. Vorher war für mich schon immer die Sprache farbig, vor allem die Vokale: A ist immer blau, E ist weiß, I ist rot, O ist gelb und U ist grün. Wenn ich bestimmte Gedichte gehört habe wie „Über allen Gipfeln ist Ruh'“, dann sehe ich sofort die Farben. Genauso geht es mir mit der Musik.
Können Sie Partituren lesen?
Nein, ich kann auch leider kein Instrument spielen. Und ich kann Musik nicht als Hintergrund hören oder dabei arbeiten. Aber wenn ich Musik höre, sehe ich die Farben.
Und umgekehrt?
Ja, wenn ich mir Bilder anschaue, etwa Kandinsky oder Miró, dann sehe ich jeweils eine bestimmte Musik. Kandinsky ist für mich immer mit Mahler verbunden.
Ihr Bruder E. W. Heine behauptet, Sie hätten sehr spät sprechen gelernt.
Ich habe die Sprache überhaupt sehr spät für mich entdeckt, das Schreiben. Sprache macht mir mehr Mühe als das Malen und Zeichnen. Ich kann das auch nicht gleichzeitig - wenn ich viel male, brauche ich immer eine Woche, um wieder schreiben zu können.
Er sagt auch, dass Sie als Kind sehr dickköpfig waren .
Ich war sehr freiheitsliebend. Mit 14 bin ich zu meinem sechs Jahre älteren Bruder gegangen, weil ich ins Internat gesteckt wurde und da nicht bleiben wollte. Ich habe mir dann ein Zimmer gesucht, mein Bruder hat mich im Internat abgemeldet und hat das meinen Eltern ein halbes Jahr später gesagt. Die haben das erlaubt, unter der Voraussetzung, dass das mit der Schule klappt.
Hatten Sie Vorbilder, als Sie mit dem Zeichnen anfingen?
Wir mussten im Krieg alles zurücklassen, und Bilderbücher gab es für uns nicht. Es gab nur Wilhelm Busch, den ich bis heute verehre, und den „Simplicissimus“. Bei Busch hat mich immer fasziniert, dass der sprachlich nach über hundert Jahren immer noch so frisch geblieben ist.
Und die Bilder?
Die haben mich fasziniert, aber die Sprache hat mich mehr beeinflusst, dieser hohe Anspruch, dieses Hintergründige - auch dort, wo ich es erst nicht verstanden habe und nachfragen musste.
Schweine spielen bei Ihnen eine große Rolle, nicht nur in dem Buch „Na warte, sagte Schwarte.“
Das kommt auch weil ich in Afrika ein Hausschwein namens Sauraya hatte. Das habe ich sehr geliebt und es mich auch - Sauraya saß immer neben mir im Auto, da durfte kein anderer hin. Man konnte sie nicht einsperren, weil sie das Tor immer ausgehebelt hat.
Wo hat sie geschlafen?
In einem großen Hundekorb. Sie trank auch gerne Bier und hat dann furchtbar geschnarcht, wenn es mehr als eine Flasche gewesen war. Ein wunderbares Tier! Daher ist es auch in meine Bücher gekommen.
Helme Heine wird 1941 in Berlin geboren. Sein Bruder ist der Schriftsteller E. W. Heine. Nach dem Krieg eröffnen die Eltern ein Hotel in einer Wasserburg bei Düsseldorf.
Heine studiert Wirtschaftswissenschaften und Kunst. Als Betriebswirt geht er 1965 nach Südafrika, gründet dort das Kabarett „Sauerkraut“ und arbeitet als Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler.
1976 erscheint „Elefanteneinmaleins“, 1977 „Na warte, sagte Schwarte“, 1982 „Freunde“, das Heine mehrfach fortsetzt. Sein umfangreiches Werk wurde oft prämiert, etwa beim Wettbewerb „Schönste deutsche Bücher“.
Am kommenden Donnerstag startet in den deutschen Kinos „Mullewapp“, ein Trickfilm, der nach Motiven aus Heines „Freunde“-Büchern entstanden ist.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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