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Im Gespräch: Ferdinand von Schirach : Verbrechen und andere Kleinigkeiten

  • Aktualisiert am

Schreibender Anwalt: Ferdinand von Schirach Bild: AP

Der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach ist unter die Schriftsteller gegangen und hat seinen ersten Kurzgeschichtenband veröffentlicht. Ein Gespräch über die Abgründe der menschlichen Natur und die empirischen Vorteile schreibender Anwälte.

          Es sind wahre Geschichten über die Abgründe der menschlichen Natur, die der Berliner Strafverteidiger und Anwalt Ferdinand von Schirach, 45, in seinem ersten Buch erzählt. Es ist ein Erzählband mit Kurzgeschichten, die auf Fällen basieren, die er in seiner Kanzlei erlebt hat. Neben Eifersucht, Gier, Verzweiflung und Leidenschaft geht es natürlich auch immer wieder um die ewige Frage nach dem Whodunit – wobei die entscheidendere Rolle aber spielt, warum jemand etwas getan hat. Ein wunderbares Debüt, fesselnd von der ersten Seite an und ohne jeden falschen Ton.

          Ein freundlicher älterer Doktor erschlägt nach vierzig Jahren Ehe seine Frau mit einer Axt, ein führender Industrieller wird des Mordes an einer Prostituierten verdächtigt, eine Frau tötet ihren Bruder . . . All die Geschichten aus Ihrem Buch haben Sie als Strafverteidiger erlebt. Liest sich, als wäre Ihr Berufsleben sehr schillernd.

          Ferdinand von Schirach: Also, es ist nicht unspannend. Es gibt Leute, die behaupten, sie seinen nur deshalb Strafverteidiger geworden, weil Leute einfach so tolle Geschichten erzählen. Die Menschen kommen zu Ihnen in die Kanzlei und erzählen etwas, das wirklich passiert ist. Wo hat man das schon? Das ist so wie gutes Kino und eigentlich noch interessanter. Aber es gibt natürlich auch mühsame Sachen, irgendwann haben Sie ein bisschen die Nase voll von den weinenden Ehefrauen der inhaftierten Mandanten. Oder in der weißen Kriminalität, in der Wirtschaftskriminalität, kann es auch anstrengend sein, dass alle Leute, die zu Ihnen kommen, immer vollkommen unschuldig sind.

          Mit Ihrer Erfahrung könnten Sie wahrscheinlich erfolgreich Krimis fürs Fernsehen schreiben.

          Die meisten Leute, die Krimis schreiben, erleben keine Krimis, sondern sitzen in Prenzlauer Berg bei einem Cappuccino und denken sich die Welt aus. Deswegen müssen sie sehr ausführlich beschreiben, wie jemand mit Messer und Gabel gegessen hat, dass die Tischdecke ausgefranst war, dass der Himmel sich zuzuziehen begann . . . Ich hab’ da einfach Glück. Ich hab’ einfach diese Geschichten und kann die dann auch relativ kurz schreiben.

          Eine längere Form liegt Ihnen nicht?

          Ein Schwurgerichtsprozess dauert fünf bis zehn Tage. In dieser Zeit können Sie einen Menschen sehr gut kennenlernen, und die Richter, die ja meistens ein hohes Ethos haben, trauen sich zu, am Ende dieser Zeit über einen Menschen zu richten. Die Kurzgeschichte ist literarisch die entsprechende Form. Sie brauchen nicht viel zu schreiben, um einen Menschen ganz gut zu charakterisieren. Es ist natürlich viel schöner, wenn man schreiben kann wie Marcel Proust, und eine einzige Szene, in der zum Beispiel die Herzogin den Raum betritt, über sechzig Seiten erzählt, aber das entspricht mir nicht, und man kann ja nur so schreiben, wie man selbst ist.

          Als Anwalt unterliegen Sie der Schweigepflicht. Sie mussten Namen ändern und Details, damit man das nicht googeln kann, oder?

          Ja. Haben Sie’s versucht?

          Ich habe versucht, den Fall zu finden mit den zwei Hooligans, die an einer Berliner S-Bahn-Haltestelle von einem unauffällig aussehenden Mann mit gezielten Schlägen getötet wurden, nachdem sie ihn mit einem Baseballschläger bedroht hatten. Habe aber nichts gefunden.

          Der Fall stand zum Beispiel gar nicht in der Zeitung. Natürlich muss ich die Persönlichkeitsrechte der vertretenen Mandanten wahren, das habe ich in allen Fällen getan. Das Brechen der Schweigepflicht wäre eine Straftat.

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