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Sonntag, 12. Februar 2012
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Im Gespräch: Der Schriftsteller Dave Eggers Es ist schockierend einfach, etwas zu bewirken

03.04.2010 ·  Dieses unfassbare Interesse an allem, was Gegenwart ist: Ein Gespräch mit dem amerikanischen Schriftsteller Dave Eggers über engagiertes Schreiben, Lesen in der Badewanne und die Zeitung als Medium der Zukunft.

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Es ist ein Glück, Dave Eggers zu begegnen, mit ihm zu sprechen, ihn zu befragen; denn Dave Eggers, 40, der in San Francisco lebt, ist nicht einfach nur ein Mensch voller Enthusiasmus und Begeisterung, er schafft es auch sofort, sein Gegenüber zu begeistern. Eggers ist Autor - und er ist politischer Aktivist, Journalist, Verleger und ein Ermöglicher mit einem unfassbaren Interesse an allem, was Gegenwart ist. Im Jahr 2000 hat er sein erstes Buch „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ veröffentlicht, dann die Literaturzeitschriften „The Believer“ und „McSweeney's“ gegründet. Er ist so beschäftigt, dass er praktisch nie Zeit hat für Interviews; aber vor ein paar Tagen hatte er in London zu tun - und entschloss sich, kurz in Deutschland vorbeizuschauen.

Ich habe mich immer gefragt, wie Sie das eigentlich schaffen: Sie haben zwei Literaturzeitschriften und einen Verlag. Sie schreiben Romane, Sach- und Drehbücher, haben das Geld Ihrer letzten beiden Bücher in von Ihnen gegründete Stiftungen gesteckt, die den Wiederaufbau von New Orleans unterstützen und sich für Menschenrechte einsetzen. Sie unterrichten in Ihrem „826 National“-Projekt Jugendliche. Eine Frau und zwei Kinder haben Sie auch noch. Wie organisieren Sie das alles?

Dave Eggers: Von außen mag das nach mehr aussehen, als es ist. Schon allein die Stiftungen und Sozialprojekte sind ja Organisationen, die gar nicht von mir geleitet werden, sondern von Leuten, die das sehr viel besser können.

Das klingt jetzt sehr bescheiden.

Nein, wirklich. Ich bin jemand, der die Verantwortung gerne weitergibt und Leute dazu ermutigt, das zu tun, was sie am besten können. Wenn die Dinge einmal auf dem Weg sind, gebe ich sie lieber aus der Hand und beschäftige mich mit etwas Neuem. Das geht manchmal ganz von selbst: Ich habe in San Francisco dieses Jugendzentrum mitgegründet, „826“, in dem Highschool Kids ihre Hausaufgaben machen und wir mit ihnen arbeiten. Irgendwann meldete sich eine Frau bei mir, weil sie in Seattle eine „826“-Dependance gründen wollte. Ich sagte ihr, sie solle das unbedingt tun und Bescheid geben, wenn sie Hilfe brauchte. Aber sie braucht meine Hilfe nicht. Sie macht das ganz allein. Mit der Dependance in Chicago war das genauso. Wenn mich morgen ein Bus überfährt, existiert das alles weiter. Das wäre kein Problem.

Dann geht es vor allem darum, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben?

Genau. Und bei den Zeitschriften, beim „Believer“ und bei „McSweeney's“, sind das ja alles Leute, mit denen ich aufgewachsen bin. Die kannte ich schon, als sie zwanzig waren. Das spielt natürlich eine Rolle. Man darf sich das nicht hierarchisch vorstellen. Wir sind eher wie eine Familie und treffen alle Entscheidungen gemeinsam. Den „Believer“ habe ich mit meiner Frau, Vendela Vida, und einer Freundin von ihr gegründet, Heidi Julavits. Und bei „McSweeney's“ kümmert sich Jordan Bass um die eingereichten Manuskripte. Er gibt mir zu lesen, was er für interessant hält, und wir diskutieren das dann.

Was mir daran gefällt, ist, dass Sie mit Ihren ganzen Parallelaktionen, die sich überlappen, so viel Welt wie möglich zulassen. Der zurückgezogen lebende Schriftsteller mit seiner Schreibtischexistenz mag ein Klischee sein. Sie aber leben in jedem Fall das Gegenmodell. Das gibt es ja nicht so oft.

Zurückziehen muss ich mich trotzdem, zumal ich extrem schnell abgelenkt bin. Deshalb habe ich, zumindest zu Hause, kein Internet und gehe eigentlich nie ans Telefon, es sei denn, jemand aus der Familie ruft an. Wenn ich zu Hause bin, isoliere ich mich. Aber ich kann das eben nicht immerzu, ich muss auch unter Menschen sein, brauche beides. Und dann gibt es da noch etwas anderes: Ich habe als Journalist angefangen. Was mich immer fasziniert hat, sind Handlungsmöglichkeiten, die Idee von Einfluss und Wirkung. Das fing schon auf der Journalistenschule an, wo ich eine Geschichte über eine Frau geschrieben habe, die auf ein Organ zur Transplantation wartete. Aus dem Artikel ist dann eine Petition entstanden. Es ist so schockierend einfach, etwas zu bewirken, wenn man es will. Deshalb bin ich auch so besessen von Zeitungen als Wirkungsmedium.

Sie haben gerade eine Zeitung produziert, „San Francisco Panorama“, eine einzelne Ausgabe: 330 Seiten internationale Nachrichten, Schaubilder, Lokales, Sport und Unterhaltung. Sie war vor allem auch ein Plädoyer für das Lesen auf Papier. Würden Sie sagen, dass Sie, trotz Ihres Interesses und Ihrer Offenheit für die Gegenwart, eigentlich altmodisch sind?

Ich weiß nicht. Es gibt jetzt all die Leute, die annehmen, dass es in fünf Jahren keine Zeitungen mehr geben wird und in zehn Jahren keine Bücher. Die der festen Überzeugung sind, dass sich das Lesen irreversibel ins Elektronische verlagern wird. Ich glaube nicht daran. Alle möglichen Medien sind schon für tot erklärt worden, wenn es ein neues gab: der Roman, das Radio, das Fernsehen, das Kino. Ich glaube, dass es immer Zeitungen und Bücher geben wird. Und dass Menschen ganz offenbar die Tendenz haben, die Vergangenheit ausradieren und der Zukunft entgegenblicken zu wollen. Dabei vergessen sie, dass Medien nebeneinanderher existieren, und werden, durch ihre Zukunftssehnsucht, zu Komplizen der Verarmung von Medien, weil sie keinen Grund mehr darin sehen, in diese zu investieren. Auf diese Weise verlieren diese Medien natürlich auch an Wirkungskraft.

Also ging es bei „San Francisco Panorama“ auch darum, das Internet als Herausforderung zu begreifen, indem Sie daran erinnern, was Zeitung im Gegensatz zu Online-Editionen alles kann?

Wir sagen: Es gab vor hundert Jahren diese Goldenen Zeiten der Zeitung, vielfältig und vierfarbig, mit unglaublich radikalem Design. Seither sind Zeitungen tendenziell eher ärmer geworden, konservativer im Design, weniger interessant. Wir wollten ganz einfach daran erinnern, dass es diese Goldene Zeit gab und sie ein Stück weit zurückbringen, mit einer Ausgabe. Es ging uns nicht so sehr darum, neue Formen zu erfinden, sondern die alten wiederauferstehen zu lassen. Dasselbe machen wir bei „McSweeney's“. Es geht um eine luxuriöse Lektüre. Und immerhin sind viele unserer Leser ziemlich jung, und es ist nicht so, dass die das nicht interessiert oder sie nicht empfänglich wären für schöne Objekte, die man anfassen kann.

Zu den E-Book-Lesern gehören Sie also nicht?

Ich habe das natürlich ausprobiert. Speziell das iPad wird auf dem Markt sicher keine geringe Rolle spielen. Aber für mich ist das nichts, ich brauche beim Lesen die haptische Erfahrung. Außerdem lese ich immer in der Badewanne. All meine Bücher sind irgendwann mal nass gewesen.

In Amerika ist gerade Ihr neues Buch erschienen, „Zeitoun“, das die wahre Geschichte eines Mannes während des Katrina-Hurrikans erzählt: eines in New Orleans lebenden Syrers, der in der überfluteten Stadt von Soldaten verhaftet und in einen Drahtkäfig gesperrt wird, weil man ausgerechnet ihn, einen angesehenen Bauunternehmer, für einen Al-Qaida-Terroristen hält. Wie sind Sie auf die Geschichte gestoßen?

Wir haben bei „McSweeney's“ ein Oral-History-Buch herausgegeben, „Voices from the Storm“, das Stimmen von Zeitzeugen versammelt. Für dieses Projekt haben wir Interviewer nach New Orleans geschickt oder mit Journalisten zusammengearbeitet, die schon dort, in Atlanta oder in den anderen Städten, waren, in die die Menschen geflohen sind. Bei der Transkription der Bänder, die uns geschickt wurden, hörte ich Zeitouns Geschichte und war sofort gefesselt, weil in ihr die Verbindung zwischen den Reaktionen auf den Hurrikan und dem Anti-Terror-Krieg der Homeland Security offenbar wurde. Einfach unglaublich.

Mir war das so bisher überhaupt nicht klar.

Mir zu diesem Zeitpunkt natürlich auch nicht. Man geht ja selbstverständlich davon aus, dass sich bei einem Hurrikan die Behörden um die Versorgung der Menschen kümmern, um Unterkünfte und Kleider. Gleichzeitig hatten diese Behörden aber ein Anti-Terror-Mandat. Und sie haben während des Sturms nicht aufgehört, es auszuüben: New Orleans sah ja aus wie eine Kriegszone. Aus dem ganzen Land kamen Polizisten und Soldaten in diese Stadt, die meisten waren eben noch in Afghanistan gewesen oder im Irak. Das war wie eine Invasion. Und da suchten sie dann nach Al-Qaida-Terroristen. Speziell in Louisiana gibt es diese Obsession, Menschen wegsperren zu wollen, um sie zu kontrollieren. So wurde zuallererst mal ein Gefängnis gebaut. Im Errichten von Gefängnissen ist das ganze Land generell ziemlich gut.

Haben Sie Martin Scorseses Film „Shutter Island“ gesehen? Da geht es doch um eine Gefängnisphantasie als Ausdruck einer paranoiden Mentalität.

Leider noch nicht. Allerdings gucke ich da, wo ich in San Francisco wohne, jeden Tag auf Alcatraz, auch eine Gefängnisinsel wie Shutter Island. Es ist schon interessant, dass die Gründer der Stadt San Francisco diese Insel sahen und sofort an ein Gefängnis dachten, allein, weil man von da aus ohne weiteres nicht entkommen kann.

Was mir an Ihrem „Zeitoun“- Buch besonders gefallen hat, ist der völlig unpolemische Ton. Sie verstärken die Geschichte nicht im Sinne einer Anklage, sondern lassen die Tatsachen für sich sprechen.

Das war mir sehr wichtig. Gerade was die Bush-Ära angeht, hat ja nun wirklich jeder eine Meinung. Das ist wichtig, so wie im Internet die Kommentarfunktion wichtig ist. Aber manchmal reicht es eben auch. Da gewinnt man mehr, wenn man sich selbst zurücknimmt, den Stimmen derer zuhört, die etwas erlebt haben, und versucht, diese Dinge zu erklären. Mit einem Buch geht das natürlich noch viel detaillierter als mit einem Zeitungstext. Da konnte ich Zeitoun eine Stimme geben.

In „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“, Ihrem ersten Buch, schrieben Sie über sich selbst, über den Krebstod Ihrer Eltern und darüber, wie Sie Ihren jüngeren Bruder aufziehen mussten. Man hat den Eindruck, als hätten sie Ihr eigenes Leben in Ihren Büchern seither immer mehr zum Verschwinden gebracht.

Da ging es um mich, um mein Leben, ja. Und danach dachte ich, das reicht. Ich dachte: Jetzt sind die Geschichten der anderen dran. Die sind viel interessanter.

Das Gespräch führte Julia Encke.

Dave Eggers Buch „Zeitoun“ ist bei McSweeney's Books erschienen. Die deutsche Übersetzung erscheint im kommenden Jahr bei Kiepenheuer & Witsch.

Quelle: F.A.S.
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