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Sonntag, 19. Februar 2012
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Im Gespräch: Catherine Millet Stärker als jede Vernunft

07.02.2010 ·  Die französische Schriftstellerin Catherine Millet, die als Autorin von „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ im Jahr 2001 für Kontroversen sorgte, hat ein Buch über Eifersucht geschrieben. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über ein unerwartetes Gefühl, rauschende Orgien und die Spielregeln der Liebe.

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Die französische Schriftstellerin Catherine Millet, die als Autorin von „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ im Jahr 2001 für Kontroversen sorgte, hat ein Buch über Eifersucht vorgelegt. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über ein unerwartetes Gefühl, rauschende Orgien und die Spielregeln der Liebe.

Ich war überrascht, dass ausgerechnet Sie ein Buch über Eifersucht geschrieben haben, Sie, die Autorin von „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ (2001): eine Frau, die so viele Liebhaber hatte, dass sie sie nicht mehr zählen kann, die Gruppensex praktiziert hat, Sex mit Fremden hatte, mit Frauen, in Swingerclubs, Bahnhöfen, Parkhäusern, auf Friedhöfen, Vernissagen . . . Ich hätte Sie für abgebrühter gehalten.

Ich war selbst ein bisschen überrascht über meine Gefühle. Nicht nur, weil meine Philosophie immer schon war, die freie Sexualität eines jeden zu akzeptieren, ich lebte außerdem schon viele Jahre mit meinem Mann, Jacques Henric, zusammen, und ich war nicht mehr so jung. Aber dann haben mehrere Umstände dazu geführt, dass ich mich auf brutale Weise in einer Situation wiederfand, in der ich eifersüchtig war.

Sie haben in den Sachen Ihres Mannes das Foto einer nackten Frau gefunden.

Es ging mir damals nicht besonders gut. Eine Beziehung mit einem anderen Mann ging gerade in die Brüche. Ich war unzufrieden. Ausgehen interessierte mich nicht mehr so. Vielleicht hatte ich gerade begonnen, mich von meinem eigenen aktiven Sexleben zu distanzieren - und auf einmal entdeckte ich das Sexleben von Jacques. Und er schien genau die Dinge zu genießen, denen ich nicht mehr so viel Spaß abgewinnen konnte. Das hat mich in eine große Krise gestürzt, die vielleicht auch deshalb so schwer zu ertragen war, weil mir sehr wohl bewusst war, dass ich damit in einem Widerspruch zu mir selbst stand. Eifersucht war ein Gefühl, das ich bis dahin nicht zugelassen, das ich niedergekämpft hatte, ich hielt es für ein sehr schlechtes Gefühl und tue das übrigens immer noch.

Warum gehen Sie damit an die Öffentlichkeit?

Ich wollte ehrlich sein. Mein erstes Buch war ziemlich unbeschwert und handelte von einer Epoche meines Lebens, in der ich mit großer Leichtigkeit und Freude sexuelle Freiheit lebte. Ich fand, dass ich es meinen Lesern schulde, dass sie auch von der Schattenseite erfahren. Ich wollte zeigen, dass man eine sehr freie Moral und dennoch widersprüchliche Gefühle haben kann.

Warum haben Sie in „Das sexuelle Leben“ nichts über diese Schattenseiten erzählt?

Ich wollte nicht, dass die Leute denken, voilà, das ist die Strafe für ihr freizügiges Leben. Ich wollte einen nüchternen Bericht meines Sexuallebens abliefern, ohne die Ebene der Gefühle mit hineinzumischen. Auch deshalb, weil man sexuelle Beziehungen ja auch mit Menschen haben kann, für die man nichts empfindet. Ja sogar mit solchen, die man gar nicht mag, kann es Spaß machen. Ich werde oft gefragt, ob ich von - von wem auch immer, Gott? - für mein zügelloses Leben bestraft worden sei, aber das glaube ich natürlich überhaupt nicht. Eifersucht gehört einfach zur Liebe dazu.

Sie geben sehr intime Dinge über sich preis. Würden Sie sich als Exhibitionistin bezeichnen?

Nein, es ist paradoxer als das. Während ich an Eifersucht gelitten habe, hätte ich mich zu Tode geschämt, wenn meine Freunde geahnt hätten, wie ich mich aufführe. Erst Jahre später habe ich gewagt, darüber zu schreiben. Heute fühle ich mich wie befreit. Es kommt mir fast vor, als sei das alles jemand anderem passiert. Ich glaube, wenn man sein Leben in Büchern verarbeitet, erlaubt einem dies, das alles hinter sich zu lassen.

Ihr Ehemann hat Nacktfotos von Ihnen veröffentlicht, Sie posierten nackt auf Ihrem ersten Buchcover . . . Lässt es sich hinter so viel zur Schau gestellter Offenheit vielleicht hervorragend verstecken?

Absolut. Oft sagen mir Leute, es ist unglaublich, wir haben alles über Sie gelesen, und doch wissen wir überhaupt nichts über Sie. Gewisse Bilder von Ihnen auszustellen, erlaubt Ihnen, sich hinter diesen Bildern zu verstecken und die Dinge für sich zu behalten, die Sie für sich behalten wollen.

Was ist für Sie privat?

Die Gegenwart. Gefühle, die ich heute habe, Dinge, die ich heute tue. Wenn Sie mich fragen, ob ich heute eifersüchtig bin, mit wem ich heute gerne Sex hätte, dann würde ich antworten, dass ich darauf lieber nicht antworten möchte.

Stimmen Ihre Bücher eigentlich wirklich? Rauschende Sexorgien im 7. Arrondissement, ganz Paris scheint, wenn man Ihre Bücher liest, ein Sündenpfuhl zu sein. Ich habe mich gefragt, ob Sie nicht manchmal ein wenig mit Wahrheit und Fiktion spielen?

Nein, nein, nein, das würde mich überhaupt nicht interessieren. Mich interessiert, so genau, so wahrheitsgemäß wie möglich zu beschreiben, was wirklich in mir vorgeht. Und das dann mit der Öffentlichkeit zu teilen. Es würde mich überhaupt nicht interessieren, irgendwas zu erfinden.

Und war es nicht wahnsinnig anstrengend, dieses Leben? Sie sind Chefredakteurin von „Art Press“, haben einen Mann, dazu lange Zeit eine Zweitbeziehung - und dann nach Feierabend dauernd ausgehen und mit Unbekannten Sex haben . . . Sehnt man sich da nicht manchmal einfach nach Fernsehen auf der Couch? Oder nach einem Kinoabend?

Ich war jünger damals. Ich habe zwar immer schon viel gearbeitet, damals aber viel weniger als heute. Ich hatte einfach mehr Freizeit. Nein, das fand ich nicht anstrengend.

Halten Sie Ihr Leben eigentlich für besonders interessant?

Ich finde es eher normal. Das heißt, was ich in Das sexuelle Leben erzählt habe, hat wahrscheinlich nicht jeder erlebt, das ist vielleicht schon ein wenig außergewöhnlich. Dafür kommt es aber den Phantasien vieler Menschen sehr nahe, wie ich Ihnen aufgrund der Reaktionen, die ich nach der Veröffentlichung bekommen habe, versichern kann. Was nun die Eifersucht angeht: Ich glaube, damit bin ich weiß Gott nicht allein.

Was haben Sie Neues über Eifersucht herausgefunden?

Ich hoffe, dass sich in meinem Buch ein Aspekt wiederfindet, über den ich sonst noch nirgends gelesen hatte: inwiefern im Leiden an Eifersucht auch ein Genuss liegt. Ich habe an mir festgestellt, dass mich die Eifersucht - trotz aller Qual - zum Orgasmus gebracht hat.

Sie schreiben, dass Sie sich beim Onanieren Ihren Mann mit anderen Frauen vorgestellt haben.

Ja. Ich habe, glaube ich, etwas über den Mechanismus der Eifersucht begriffen. Oder sagen wir, etwas über einen bestimmten Mechanismus der Eifersucht.

Es liegt also Ihrer Meinung nach eine Freude in diesem Leiden?

Oh ja, in sexueller Hinsicht sogar ein Genuss. Ein masochistischer Genuss, der übrigens auch erklärt, warum man immer wieder genau dort hingeht, wo es wehtut. Warum man immer wieder das Handy checkt, nach Briefen sucht, nach Beweisen für die Untreue des anderen. Das ist ja, wie wenn man das Messer, das in der Wunde steckt, auch noch hin und her bewegt.

Sie vergleichen den unwiderstehlichen Drang, die Sachen des Partners zu durchsuchen, mit den Berichten von Vergewaltigern, die rückfällig wurden.

Sie beschreiben genau dasselbe, was auch ich empfunden habe. Man weiß, man wird gleich etwas tun, was nicht gut ist. Man weiß das sehr klar. Man ist nicht wie in Trance. Und man tut es trotzdem, gegen besseres Wissen. Als ob einen etwas hinzieht, das stärker ist als man selbst. Ich halte das auch in der Eifersucht für ein sexuelles Begehren, das jede Vernunft unterdrückt.

Glauben Sie eigentlich noch immer an die freie Liebe?

Natürlich. Auch wenn ich heute weiß, dass man sie nicht leben kann, ohne auf ihre Widersprüche zu stoßen.

Haben Sie etwas aus Ihrer Krise gelernt?

Man sollte eine Liebe nicht in der Idee leben, dass zwei zusammen eins ergeben. Sollte nicht komplett durchsichtig für den anderen sein. Das wusste ich theoretisch schon immer, aus meiner Krise bin ich mit der absoluten Gewissheit herausgegangen, dass es besser ist, den anderen nicht zu überwachen. Jeder hat seine eigenen Regeln, und man sollte das Territorium des anderen respektieren. Für mich war zum Beispiel eine Regel, nicht in unserem gemeinsamen Ehebett mit einem anderen Mann zu schlafen. Das war für mich ein absolutes Tabu, warum auch immer, es ändert schließlich nicht viel. Für Jacques bestand dieses Tabu nicht. Als ich das herausgefunden habe, hat mich das total schockiert. Aber es hieß ja nicht, dass er mich nicht respektierte oder liebte. Also ist es allgemein besser, solche Dinge zu ignorieren.

War „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ eigentlich für Ihr sexuelles Leben gut?

Nein, es war in gewisser Hinsicht sogar schlecht dafür. Viele Männer, das war zumindest mein Eindruck, haben mich auf einmal nicht mehr als Frau gesehen, sondern als eine Art Figur. Das hat sie ein wenig verängstigt. Sie haben sich vielleicht auch gefragt, ob ich einen zweiten Teil plane, in dem ich dann ausplaudern würde, was wir zusammen gemacht hätten. Und außerdem ist es mit diesem Buch genauso gewesen wie mit dem neuen: Nachdem ich es geschrieben hatte, gehörte alles darin der Vergangenheit an. Hätte ich dieses Leben weitergeführt, wäre ich mir wahrscheinlich selber vorgekommen, als ob ich eine Rolle spiele. Es wäre eine Vorstellung gewesen: ich als Catherine M. Nein, nein, mein Leben ist seitdem viel weniger ausschweifend.

Leben Sie heute etwa monogam?

Heute ja. Aber wer weiß, was morgen sein wird? Alles ist offen. Wenn ich morgen jemandem begegne, den ich begehre, und wenn er mich auch begehrt, wer weiß? Allerdings bin ich auch nicht mehr die Jüngste. Ich weiß nicht, ob ich für so etwas noch genug Energie hätte.

Interview Johanna Adorján

Catherine Millet: „Eifersucht“. Aus dem Französischen von Sigrid Vagt. Hanser-Verlag, 224 Seiten, 21,50 Euro.

Quelle: F.A.S.
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