Home
http://www.faz.net/-gr2-12dwq
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ich und Kempowski I Ist das nicht 'n bisschen doll?

30.04.2009 ·  Gestern vor achtzig Jahren wurde Walter Kempowski geboren, und Rostock richtet die erste internationale Kempowski-Tagung aus. Edo Reents berichtet von der Ostsee - über Vorträge und Spuren des Schriftstellers in seinem Geburtsort, alles unter der Leitfrage: Wie hätte das Kempowski gefunden?

Von Edo Reents
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Aus Anlass von Kempowskis achtzigstem Geburtstag richtet Rostock die erste internationale Kempowski-Tagung aus. Edo Reents berichtet von der Ostsee - über Vorträge und Spuren des Schriftstellers in seinem Geburtsort, alles unter der Leitfrage: Was hätte Kempowski dazu gesagt?

* * *

Gestern vor achtzig Jahren wurde Walter Kempowski geboren - wie sie das wohl gefeiert hätten? Der Alte lässt sich, fast wie Thomas Mann, beschenken, man speist gut, wobei nachher im Tagebuch vermerkt wird, dass irgend etwas mit der Suppe nicht stimmte, und vor der Zeit zieht Kempowski sich zur Irritation der Seinen zurück und liegt still und kummervoll auf dem Bett und ärgert sich über sich (dass er so ist) und die Welt?

Ich war abends im Rostocker Hotel angekommen, heute geht die Tagung los, die erste richtig große, sogar internationale Kempowski-Tagung aus Anlass des Achtzigsten: „Bürgerliche Repräsentanz - Erinnerungskultur - Gegenwartsbewältigung“, und das drei Tage lang. Das mit der Repräsentanz klingt auch schon mal sehr nach Thomas Mann, und man kann darauf wetten, dass am Ende herauskommen wird, dass Kempowski hauptsächlich über Seiten verfügte, die man nicht als bürgerlich bezeichnen kann.

SMS an Frau Kempowski

Die Agenturen meldeten vorab, dass sich auch die Witwe in der Stadt aufhalten würde, und so konnte ich es nicht lassen und schickte Hildegard Kempowski von unterwegs aus eine SMS, wobei ich mich dabei ertappte, den Kempowski-Ton nachahmen zu wollen, obwohl ich doch gar nicht weiß, wie sich die Eheleute untereinander schriftlich verständigt haben. Zum Glück zeigte das Handy an, dass die Nachricht gar nicht angekommen ist, selbst jetzt, mehr als zwölf Stunden später nicht. Ich hätte die Nartumer Nummer wählen sollen, aber dann hätte man womöglich den Geburtstag gestört.

Beim Umsteigen in Hamburg war Gelegenheit, in der Bahnhofsbuchhandlung zu überprüfen, ob Kempowski hier auch „vorkommt“, wie der Meister gesagt hätte. Es lag nur „Tadellöser & Wolff“ im Regal, sonst nichts. Das hätte man ihm, der sich auf diese Art von Kontrollgängen auf eine selbstquälerische Art verstand, nicht sagen dürfen.

Gröhlen in Rostock

Auf der Fahrt Richtung Osten, die an gelbem Raps vorbeiführt, musste ich daran denken, wie Kempowski bei einem meiner Krankenbesuche vor zwei Jahren noch den Wunsch äußerte, man, also er und ich, sollte noch einmal gemeinsam etwas unternehmen, eine Reise machen oder so. Obwohl mich das sehr freute, wusste ich auf Anhieb nicht zu sagen, wohin man fahren könnte und wollte in meiner Verlegenheit schon Rostock vorschlagen, aber mit dieser unoriginellen Idee wäre er wohl kaum einverstanden gewesen. Es wurde ja auch nichts mehr daraus, wie so oft. Und ich musste daran denken, wie er mir bei meinem allerletzten Besuch im Juli 2007, körperlich nun schon ganz verfallen, beim Abschied die Wange tätschelte, irgendwie wusste man doch, dass man sich nicht wiedersehen würde.

Das Wetter klarte, je weiter der Zug sich ostwärts schob, auf. Am Rostocker Bahnhof dann empfing die Aussteigenden sehr lautes Gröhlen - gedachte man auf diese Weise des Achtzigsten des großen Sohnes? Oder hatte Hansa gewonnen?

„Herrgott, wie sieht die Stadt aus!“

So oder so ist das Symposium eine Heimholung des Schriftstellers, der seine Vaterstadt im Januar 1990 besucht hatte. Euphorie kam dabei nicht auf, noch nicht einmal Schmerz oder Wehmut, wenigstens ließ Kempowski sich nichts anmerken. „Herrgott, wie sieht die Stadt aus!“, schrieb er, und dann am Ende des Jahres, dass das Thema Rostock nun ein für allemal abgehakt sei. Im August 1991 fuhr er dann wieder hierher und spielte zunächst mit dem Gedanken überzusiedeln. Aber: „Es ist fast lächerlich, wie unverändert Rostock aussieht, obwohl es noch dieselbe Stadt ist.“

Bei der Gelegenheit machte er dann allerdings in Sachen Kempowski-Archiv Nägel mit Köpfen und nahm den Hannoveranern, die seine Sachen jahrelang unangerührt bei sich liegen hatten, alles wieder weg. Die Rostocker Verhandlungen fürs Archiv gestalteten sich erfreulich, „wir schaukelten uns aneinander hoch“, Kempowski ist ausnahmsweise zufrieden: „Also, ich ging händereibend fort.“

Ich werde mich heute umhören, wie es mit dem „Kempowski-Ufer“ aussieht, das die Stadt dem Toten spendieren will. Dass Kempowski im Tagebuch behauptet, Wasser eigentlich „zum Kotzen“ zu finden, wird man dabei großzügig und vermutlich in dem Wissen übersehen haben, dass man ihm sowieso schwer etwas recht machen konnte.

Wird man das auch nach der Tagung wieder sagen können? Fast dreißig Vorträge stehen an, Kempowski würde fragen, ist das nicht 'n bisschen doll?

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel