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Veröffentlicht: 26.09.2016, 23:09 Uhr

Rede zum Schirrmacher-Preis Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

Am Montagabend hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in Berlin den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten. In seiner Dankesrede widmete er sich der Frage: Wenn der Islam eine religiöse Macht ist – was sind dann wir?

© AFP Schriftsteller Michel Houellebecq in Paris

„Die Zahl der Beleidigungen steigt“, sagte Michel Houellebecq in Berlin in seiner Dankesrede über die Reaktionen, die ihm in seiner französischen Heimat oftmals entgegen gebracht werden. Mit seinem Roman „Unterwerfung“ hatte der Schriftsteller vor anderthalb Jahren die umstrittene Dystopie einer islamistischen Regierung in Frankreich erschaffen. Dafür erhielt er nicht nur Beifall. Houellebecq nannte den Umgang mit ihm eine „Hexenjagd“ und griff besonders die Zeitung „Le Monde“ an: „Es gibt viele französische Journalisten, die sich über meinen Tod ganz ernsthaft freuen werden.“

Die Stellung der französischen Linken verglich Houellebecq mit einem in die Enge getriebenen Tier, „das Todesangst verspürt und gefährlich wird“. Deshalb sei die Linke immer aggressiver geworden. Er selbst will sich nicht den „Neuen Reaktionären“ zuschlagen lassen, ein in Frankreich aktuelles Etikett, das verschiedenste Positionen zusammenfasst. „Aber wenn die Neuen Reaktionäre derart verschieden voneinander sind, derart unterschiedlich, dass sie definitiv nichts miteinander gemein haben, dann ist dies so, weil ihre Gegner, die neuen Progressivisten, ein enger denn je definierter, äußerst kleiner und äußerst anspruchsvoller Kreis sind.“

„Ohne Prostitution wird die Ehe untergehen“

Die angebliche prophetische Kraft seines Romans relativierte Houellebecq: „Im Augenblick könnte man ja nicht sagen, wie sich in Europa der gemäßigte Islam manifestiert. So gesehen, könnte man sagen, ich wäre ein schlechter Prophet gewesen. Es gibt da nur diese kleinen Anzeichen, die sich langsam bemerkbar machen.“ Etwa dass Frauen sich in einigen Stadtteilen weniger sexy kleideten, um nicht aufzufallen, sieht er als Anzeichen. Als „halber Prophet“ bezeichnet sich Houellebecq daher selbst.

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Weiterhin bezog sich der Ausgezeichnete auf die Ideen der Schriftsteller Maurice Dantec und Philippe Muray nicht nur zum Islamismus: „Die Bürger werden in einem Zustand fortgesetzter Kindheit gehalten, und der erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft versucht auszurotten, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst.“ In diesen Zusammenhang brachte er auch die aktuell diskutierte Abschaffung der Prostitution in Frankreich: „Die Prostitution abschaffen heißt, eine der Säulen der sozialen Ordnung abzuschaffen. Das heißt, die Ehe unmöglich zu machen. Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft.“

Seinen eigenen Beitrag und den von Dantec und Muray zur französischen Linken sieht Houellebecq in der Erweiterung des Begriffs. „Keiner von uns dreien ist meiner Meinung nach das gewesen, was man einen großen Denker nennen könnte, dazu waren wir wahrscheinlich zu sehr Künstler, aber wir haben das Denken befreit.“ Jetzt sei es an den Intellektuellen, sich ans Denken zu machen.

Der französische Schriftsteller erhält die Auszeichnung satzungsgemäß für „herausragende Leistungen, die zum besseren Verständnis der Gegenwart beitragen“. Der Stiftungsrat der Frank-Schirrmacher-Stiftung hat damit einen Autor ausgewählt, der als „Anreger und Visionär eine ebenso präzise wie hintergründige Sprache“ pflege und „dessen Werk mit analytischer Tiefe und provokativer Originalität die zivilisatorischen Befindlichkeiten unserer Gegenwart beschreibt“.

Die mit 20.000 Schweizer Franken dotierte Auszeichnung wurde zum zweiten Mal verliehen. Der Preis erinnert an den für das Feuilleton zuständigen Mitherausgeber dieser Zeitung Frank Schirrmacher (1959 bis 2014). Erster Preisträger war Hans Magnus Enzensberger.

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