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Herta Müllers Nobelvorlesung Die Wörter kennen nicht den Mund

08.12.2009 ·  Wie sehr ihre Wörter zu Herta Müller gehören, und sie zu ihren Wörtern, ist an diesem Abend deutlich geworden - selbst dann, wenn sie das Gegenteil behauptete: Vor der Verleihung des Literaturnobelpreises hat Herta Müller eine berührende Vorlesung gehalten. Felicitas von Lovenberg war dabei.

Von Felicitas von Lovenberg
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Die vier Damen, die wie Dutzende andere Literaturfreunde bereits anderthalb Stunden vor Beginn der Nobelvorlesung am Seiteneingang der Schwedischen Akademie im Stockholmer Stadtteil Gamla Stan geduldig auf Einlass warten, sind in eine lebhafte Diskussion vertieft. Vor wenigen Tagen erst ist die schwedische Ausgabe von „Atemschaukel“ erschienen; der Übersetzer soll Tag und Nacht daran gesessen haben, damit Herta Müllers jüngster Roman auch wirklich rechtzeitig zur Nobelwoche erscheinen konnte. Die Vorlesung des Literaturnobelpreisträgers bildet den traditionellen Auftakt der Feierlichkeiten, die sich über mehrere Tage hinziehen und zu deren Höhepunkten neben der Verleihung der Preise am 10. Dezember, dem Todesdatum Alfred Nobels, am Folgetag ein Abendessen im Königspalast zählt.

Eine halbe Stunde vor Beginn der Lesung ist der Börsensaal der Schwedischen Akademie dann gedrängt voll; wer sich nicht unterhält, ist in das Manuskript der Rede vertieft, die am Eingang in schwedischer, englischer, französischer und spanischer Übersetzung sowie im deutschen Original ausliegt. Kurz vor halb sechs tritt eine ehrfürchtige Stille fast wie vor einem Hochamt ein; die Gespräche verebben, das Rascheln des Papiers erstirbt. Allein die Ausrichtung der Fernsehkameras verrät, durch welchen der drei Eingänge die Autorin kommen wird.

Vom ersten Satz an gebannt

Mit Herta Müllers Erscheinen erhebt sich der Saal. Der Historiker Peter Englund, der neue ständige Sekretär der Akademie, spricht zur Begrüßung einige kurze Worte, dann tritt die ganz in Schwarz gekleidete Schriftstellerin ans Pult - oder vielmehr: Sie steigt auf das Podest, das man ihr dort hingestellt hat, damit auch die Zuhörer in den hinteren Reihen die zarte Autorin noch sehen können. Vom ersten Satz ihrer Rede an, überschrieben „Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis”, ist man gebannt von der Sprache Herta Müllers - und von ihrer Stimme, die dem Geschriebenen mit ihrer charakteristischen Sprachfärbung, ihrer klaren und emphatischen Intonation, ihren mitunter eigenwilligen Betonungen und ihrem Timbre noch eine weitere Dimension verleiht, den gewaltigen Assoziations- und Echoraum ihrer Sprache noch weiter öffnet.

Zwar kennen, Herta Müllers Rede zufolge, „die Wörter nicht den Mund, der spricht“ - doch für die Wörter dieser Autorin gilt das nicht. Wie sehr ihre Wörter zu ihr gehören, und sie zu ihren Wörtern, wird einem beim Zuhören abermals bewusst.

Ein Taschentuch brauchen höchstens die Zuschauer

Herta Müller, die anschließend erzählen wird, wie nervös sie war, spricht ohne zu stocken, fast nahtlos, dabei immer wieder vom Manuskript in die Gesichter des Publikums schauend. Das Taschentuch, das sie in ihrer Rede als Manifestation von Würde und Standfestigkeit beschwört, brauchen an diesem Abend höchstens ihre bewegten Zuhörer.

Am Ende von Herta Müllers knapp vierzigminütiger Rede will der Applaus nicht enden. In der langgestreckten Bibliothek, unter den Porträts der bisherigen Preisträger, nutzen anschließend einige betagte Akademie-Mitglieder die Gelegenheit, Herta Müller zu gratulieren. Ein Herr sagt, für ihn sei sie seit ihrem Debüt „Flachland“ - er meint offenbar die „Niederungen“ - seine Lieblingskandidatin gewesen, seit Jahren habe ihr seine Stimme gegolten, nun sei er überglücklich, sie hier in Stockholm zu sehen. „Wenigstens habe ich Sie heute nicht enttäuscht“, antwortet die Autorin keck, sichtlich erleichtert nach dieser überwältigenden Antrittsrede als neue Nobelpreisträgerin.

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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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