12.10.2009 · Apfelkuchen vom Nachbarn, Berge von Blumensträußen und eine Preisträgerin, die ihre Wut nicht verloren hat: Ein Besuch bei Herta Müller in Berlin-Friedenau, nachdem ihr der Literaturnobelpreis zuerkannt worden ist.
Von Wolfgang SchneiderBerlin-Friedenau, das ist jener literarisch vorbelastete Stadtteil, wo auch Günter Grass und Uwe Johnson gelebt haben, wo Max Frisch in den siebziger Jahren während nächtlicher Ehekrisen im Schlafanzug durch die Straßen lief. Seit fast zwei Jahrzehnten wohnt auch Herta Müller hier. Nach dem Mauerfall zog es sie nach Berlin. Der Osten der Stadt kam für sie nicht in Frage. „Das hat mir damals alles noch zu sehr nach dem ausgesehen, was ich aus Rumänien kannte.“
Die Sorge, Herta Müller könnte den zwei Tage vor dem Nobelpreis vereinbarten Interview-Termin platzen lassen, hat sich als unbegründet erwiesen. Es ist Freitagnachmittag, und die Haustür des mächtigen Gründerzeitbaus öffnet sich prompt. Man schreitet durch ein opulentes Treppenhaus mit Deckenmalereien. Die Autorin wohnt weit oben. Wer je Geheimdienste zu fürchten hatte, wie Müller noch lange nach ihrer Übersiedlung aus Rumänien, der wird sich hüten, parterre zu mieten. „Die Securitate hat ja gemordet im Ausland – die haben Leute brutal hingerichtet.“
Und dann steht Herta Müller tatsächlich in der Tür: zerbrechlich wirkend und doch ganz ungebrochen. Im Bibliothekszimmer gibt es vor weißen Bücherwänden ein kleines schwarzes Sofa, auf dem sich die schwarz gekleidete Autorin mit ihrer Zigarettenschachtel einrichtet. Während wir reden, läutet ständig das Telefon, klingelt es immer wieder an der Tür. Sie erzählt von der Zudringlichkeit einiger Reporter, die die Arztpraxis unten nutzen, um zumindest schon mal ins Treppenhaus zu gelangen. Und dann vergebens an der Tür klopfen. Ich dagegen bekomme ein Stück vom Nobelpreis-Apfelkuchen serviert, den der Arzt-Nachbar selbst gebacken hat; Blumen habe die Autorin ja gerade genug. In der Tat: Während des Interviews trägt Müllers Ehemann alle Viertelstunde einen frisch eingetroffenen, keulenartigen Blumenstrauß vorbei. Herta Müller will einen Teil davon auf den Friedhof bringen, zum Grab von Oskar Pastior, dem guten Geist ihres Romans „Atemschaukel“.
Ganz entspannt
Am Tag nach dem Nobelpreis wirkt sie ganz entspannt. Sie versteht die Auszeichnung als Bestätigung dafür, dass ihre Themen nach wie vor Millionen Menschen mit Diktatur-Erfahrung betreffen. Und dies nicht nur im Osten Europas. Mit einem Unterton von Zorn und Ekel kommt sie gleich zu Beginn auf die Verhältnisse in Iran und in Nordkorea zu sprechen. „Das macht mich wütend.“ Die verbreitete Verharmlosung des Kommunismus ärgert sie, diese inzwischen allgemein tolerierte Nostalgie. Über Hugo Chávez sagt sie: „Das ist auch so einer, da gruselt es mich. Der wird seine Macht nicht mehr hergeben ohne Blut.“ Nein, der Welt wird es weiterhin nicht an Königen mangeln, die sich verneigen und töten.
Neben der Autorin hockt auf der Sofalehne die „dicke Luise“. Es ist eine Stoffpuppe mit meterlanger Nabelschnur, die noch aus der Ceauescu-Zeit stammt, als Verhütungsmittel auf Befehl des Diktators abgeschafft waren und jede Frau mit mindestens fünf Geburten zur Vergrößerung der hungernden Massen beitragen sollte. Mit Puppen wie der „dicken Luise“ machte eine Gruppe von Freunden damals satirisches Straßentheater. Das erforderte äußersten Mut in einem Land, dessen desaströse Mangelwirtschaft nur auf einem Sektor Überfluss erzeugte: in der Angstproduktion.
In der schlimmsten Zeit seien die Securisten in ihrer Wohnung ein- und ausgegangen, wenn sie nicht zu Hause war, erzählt Herta Müller. In Rumänien gab es Nahrungsmittel nur auf Lebensmittelkarten, man konnte sich nicht einfach etwas Neues kaufen. Und sie habe beim Essen oft denken müssen: Vielleicht ist das jetzt der letzte Bissen. „Das macht einen fertig.“ Wie hat sie es ausgehalten? „Wenn es so ist, was soll man machen? Es wird normal.“ Dann fasst sie ihre Angst in einem Satz zusammen: „Als ich aus Rumänien kam, habe ich das Lachen und das Weinen nicht mehr unterscheiden können.“
Man kennt nur Feinde
Wie fühlt sie sich heute dort? Natürlich viel besser. Aber die „Zivilität“ demokratischer Prozesse müsse von den Rumänen noch gelernt werden. In den politischen Auseinandersetzungen werde niederträchtig aufeinander eingedroschen. Man kenne nur Feinde, keine mit Respekt verbundene Gegnerschaft. Und es seien zu wenig Konsequenzen gezogen worden. Wäre die Securitate anfangs klar als verbrecherische Organisation geächtet worden, hätte sich der neue rumänische Geheimdienst nicht erlauben können, vierzig Prozent des alten Personals zu übernehmen. Das Gleiche gelte auf allen Ebenen, in der Justiz, an den Universitäten.
Die Flügeltüren zum Balkon stehen offen, unaufhörlich rauscht der Verkehr von der nahen Autobahn, die bis vor kurzem von hohen Bäumen abgeschirmt gewesen sei, sagt die Autorin, und ihr Temperament nimmt wieder Fahrt auf: „Aber diese Deppen haben jetzt alles rausgerissen, können Sie sich das vorstellen? Da bin ich zu denen hingegangen und habe gesagt: ‚Entschuldigung, was machen Sie hier?!‘ Aber die waren ja auch nur beauftragt.“ Das ist eine stehende Wendung, wenn sie an diesem Nachmittag über schikanöse Beamte, Securitate-Spitzel oder eben die Baum-Ausreißer von Friedenau spricht: „Die waren ja auch nur beauftragt.“
Zierlich wie Herta Müller ist das rückenschonende Stehpult, auf dem sie sonst den Laptop zum Schreiben plaziert. Derzeit liegen dort viele Papierschnipsel: Worte, Worte, Worte, aus Magazinen und Katalogen geschnitten, Material, aus dem sie ihre Textcollagen klebt. Die Bewohner des Hauses sind gebeten, ihre Zeitschriften nicht in die Papiertonne zu werfen, sondern sie der Schriftstellerin auf die Türschwelle zu legen.
Der Schock der Mutter
Sie erzählt, wie sie sich in jungen Jahren aus dem banatschwäbischen Dorf herausgekämpft hat. „Meine Biographie war nicht eingeplant. Meine Mutter wollte bis zuletzt nicht, dass ich aufs Gymnasium komme. Sie hat im Stillen gehofft, dass ich es nicht schaffe. Sie hatte schon eine Stelle bei einer Schneiderin für mich im Dorf.“ 1987, als sie Rumänien in einer Winternacht auf einem zugigen Traktor mit zwei Koffern verließ, konnte sie die Mutter, die kurz vorher von einem Dorfpolizisten einen ganzen Tag eingesperrt worden war, nicht allein zurücklassen. Heute lebt auch sie in Berlin, aber die Schriftstellerei der Tochter ist ihr nach wie vor nicht geheuer. Als Herta Müller am Tag zuvor bei ihr anrief, war sie schon durchs Fernsehen informiert. „Ich war schockiert“ – das sei die erste Reaktion der alten Frau auf den Nobelpreis gewesen. Schon als „Atemschaukel“ beendet war, habe sie nur gesagt: „Und was machst du, wenn der Verlag das Buch nicht annimmt?“ Eigentlich stelle sie die richtigen Fragen, sagt Herta Müller lachend.
Sie seufzt, als sie von Oskar Pastior zu sprechen beginnt. Vom „traurigen Glück“ erzählt sie, das Pastior beim Wiedersehen mit dem stalinistischen Zwangsarbeitslager erlebte, wo er vier Jahre seiner Jugend schuften und hungern musste. Gemeinsam waren sie zu Recherchen in die Ukraine gefahren. „Er hat sich eine Arbeitshose gekauft für die Reise. Warum? ‚Du musst dort nicht mehr arbeiten‘, habe ich ihm gesagt, und wir haben darüber gelacht. Dort im Lager war er wie ein Heimkehrer. Das Lager war seine Jugend.“
Gekräuselte Rüschen
Dieses irritierende „Heimatgefühl“ ist auch im Roman wirksam: in dem befremdlich-zärtlichen Ton, mit dem die Dingwelt des Lagers beschrieben und ein bisschen „geflunkert“ wird, wie Müllers und Pastiors gemeinsames Wort für die poetische „Verlängerung der Wahrheit“ lautete. Gerade durch diesen Kontrast wird der Schrecken auf ganz neue Weise vermittelt. Da wird Tango getanzt mit der Herzschaufel, da bilden sich in der Mörtelgrube „gekräuselte Rüschen“, als eine Frau hineinfällt, versinkt, erstickt. „Die Überhöhung macht die Drastik des Vorgangs doch um so spürbarer“, meint die Autorin.
Im Roman gibt es den „Zeppelin“ – eine tonnenschwere Mannesmann-Röhre, das Luftschiff der schnellen Liebe, wo in der ersten Zeit, als die Zwangsarbeiter durch den Hunger noch nicht geschlechtslos geworden sind, Frauen und Männer unauffällig für ein paar Minuten verschwinden. Auch diese Röhre hätten sie im Hof der Fabrikruine wiedergefunden. „Aber es gruselt einen, wenn man sich vorstellt, was dort passierte. Das war für die Häftlinge so ein letztes Flackern der persönlichen Freiheit.“
Mit dem „inneren“ Oskar Pastior hat Herta Müller anders geschrieben, weniger schroff, zarter. „Ich habe in den Text hineinschreiben müssen, wie sehr mir Oskar Pastior fehlt – ohne das natürlich direkt auszusprechen.“ Als das Buch fertig war, habe sie gesagt: „Oskar, ich lasse dich jetzt los. Nun musst du allein zurechtkommen auf dem Friedhof. Jetzt musst du zur Marlene Dietrich. Die liegt ja auch dort.“