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Helmut Lethen im Gespräch : Bildung für Barbaren

Carl Schmitt während seiner Rede zur Reichsgründungsfeier am 18. Januar 1933 in der Handelshochschule Berlin Bild: Carl Schmitt-Förderverein Plettenberg e.V.

Ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Helmut Lethen über sein neues Buch „Die Staatsräte“, das von der Elite im „Dritten Reich“ handelt – und zugleich als Lehrstück für die neuen Rechten gelesen werden kann.

          Als während der Buchmesse in Frankfurt der Auftritt der rechten Verlage debattiert wurde, erschien in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Artikel über den Kulturwissenschaftler Helmut Lethen. Lethen, der in den siebziger Jahren Mitglied maoistischer Splittergruppen war, deshalb zunächst in den Niederlanden lehrte, weil er in Deutschland nicht zugelassen wurde, später in Rostock Professor war und zuletzt als Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien tätig, wurde darin als Ehemann von Caroline Sommerfeld porträtiert. Sommerfeld, 36 Jahre jünger als ihr Mann, hat mit Martin Lichtmesz, einem der Ideologen der sogenannten identitären Bewegung, das Buch „Mit Linken leben“ geschrieben, das im Antaios-Verlag von Götz Kubitschek erschienen ist.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie ist das möglich, fragte man sich. Wie können ein Achtundsechziger und eine Anhängerin der Neuen Rechten überhaupt zusammenleben? Helmut Lethen besteht darauf, dass sein Drama ein privates bleibt. Er will, als wir uns begegnen, nur über sein neues Buch sprechen. Die Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten schwingt als Subtext aber immer mit.

          Fangen wir vorne an: Was ist der Staatsrat, von dem Ihr neues Buch handelt?

          Der preußische Staatsrat gehörte 1933 zur Blendarchitektur des Dritten Reichs. Er sollte die Fortsetzung einer alten Staatsidee suggerieren, denn er verkörperte eine ehrwürdige Tradition. Von 1817 bis 1918 war er ein Gremium zur Beratung des Königs von Preußen gewesen. Von 1920 bis 1933 war er im Freistaat Preußen zweite Kammer mit beratender Funktion. Der letzte Vorsitzende des Staatsrats war Konrad Adenauer als Rheinpreuße. Als Hermann Göring Ministerpräsident in Preußen wurde, jagte er die alte Belegschaft in die Wüste und gründete im September 1933 den neuen Staatsrat – mit 68 nagelneuen Mitgliedern. Göring ernannte den Stabschef der SA Ernst Röhm, den Reichsführer SS Heinrich Himmler, die Gauleiter der NSDAP in Preußen und seine Staatssekretäre zu Mitgliedern des Staatsrats.

          Helmut Lethen: „Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich – Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt“. Verlag Rowohlt Berlin, 352 Seiten, 24 Euro (erscheint am 20. Februar)

          War das ein Schachzug der Propaganda? Sollten sie den Ruf entkräften, das Dritte Reich sei ein Rückfall in die Barbarei?

          Ich würde nicht sagen: Propaganda. Der Staatsrat war ein genialer Schachzug, um Teile der national-konservativen Elite an diesen Staat zu binden, sie im Glauben zu wiegen, die Bewegung der NSDAP an die Tradition einer staatlich gerahmten Verfassung zu binden. Außerdem erleichterte er die Eingliederung Preußens ins Dritte Reich. Aber wie alle staatlichen Institutionen sollte auch er nur die totale Herrschaft des Parteiapparats ausblenden.

          Was hatten die Staatsräte davon?

          Den Titel des Staatsrats empfanden sie als Adelung. Der proletarische SA-Mann mit ehrwürdig alter Signatur. Am stolzesten war Carl Schmitt, der noch nach 1945 bemerkte: „Für drei Dinge danke ich Gott: Erstens, dass ich ein Mensch bin und kein Tier. Zweitens, dass ich ein Mann Frau bin und keine Frau. Drittens, dass ich ein preußischer Staatsrat bin und kein Nobelpreisträger.“

          Schmitt, der Staatsrechtslehrer, von 1933 bis 1936 Leiter der Gruppe Hochschullehrer im NS-Rechtswahrerbund, schrieb das noch 1951 in sein Tagebuch, als es den Staatsrat gar nicht mehr gab! Konnten die Männer, die von Göring ausgewählt wurden, davon ausgehen, unter seinem persönlichen Schutz zu stehen?

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