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Heinrich von Kleist Aus dem Leben

 ·  Am 21. November richtete der Dichter Heinrich von Kleist eine Waffe gegen sich selbst und starb, nachdem er zuvor schon seine Geliebte umgebracht hatte. Radikaler sind höchstens seine Werke.

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© Tim Dinter

Es ist ja immer sofort vom Tod die Rede, wenn über Heinrich von Kleist gesprochen wird. Ja, es musste so kommen, damals, am Kleinen Wannsee, vor zweihundert Jahren. Die Schüsse, dort auf dem Hügel über dem Wasser, der todkranken Henriette Vogel zunächst ins Herz, sich selbst dann in den Mund, hinüber in eine andere Welt und glücklich. „Wir, unsererseits, wollen nichts von den Freuden dieser Welt wissen und träumen lauter himmlische Fluren und Sonnen, in deren Schimmer wir, mit langen Flügeln an den Schultern, umherwandeln werden. Adieu!“

Immer wieder hatte er den eigenen Tod, das gemeinsame Sterben mit einer geliebten Frau, in seinen Werken vorweggenommen. Präzise, furchtlos, wie etwa das Ende des bedauernswerten Schweizers Gustav von der Ried in der „Verlobung in St. Domingo“, nachdem dieser die geliebte Toni erschossen hatte: „Des Ärmsten Schädel war ganz zerschmettert, und hing, da er sich das Pistol in den Mund gesetzt hatte, zum Teil an den Wänden umher.“ Das steht bei Kleist immer ganz selbstverständlich nebeneinander: Flügel an den Schultern der Sterbenden und Schädelteile an den Wänden nach dem Schuss - Todeszauber und Wahrheit, Schönheit und Klarheit. Ohne Kompromisse.

Für eine paradiesische Sekunde noch

Ist es nicht sonderbar, dass ausgerechnet die Werke dieses todesseligen deutschen Dichters und Dramatikers, der 1777 in Frankfurt an der Oder geboren wurde, heute so hell und klar und gegenwärtig vor uns stehen wie sonst nur noch die Werke Georg Büchners? Goethe und Schiller scheinen unendlich weit in einer mit Staub bedeckten Vergangenheit zu liegen, aber wer heute Kleist liest, kann sich erschüttern lassen. Er, dessen Stücke sich die starren Lebensgesetzschreiber Goethe, Hegel, Thomas Mann mit aller Macht vom Leibe halten wollten, um in diesen Strudel nicht hinabgerissen zu werden, wirkt heute so lebendig wie kein anderer. Den ganzen „Zauberberg“ hat Thomas Mann gegen den Todeszauber Heinrich von Kleists aufbieten müssen, und Hegel schrieb das Anti-Kleist-Gesetz: „Aus dem Bereich der Kunst sind die dunklen Mächte zu verbannen.“

Sie alle hatten Angst. Angst vor Kleist, vor seinem Genie und der zerstörerischen Kraft seiner Sätze. Angst vor einer Welt wie St. Jago im Königreich Chili, nach jenem Erdbeben, das die beiden Liebenden Donna Josephe und Jeronimo Rugera für eine paradiesische Sekunde noch einmal zueinanderführt: „Und in der Tat schien, mitten in diesen gräßlichen Augenblicken, in welchen alle irdischen Güter der Menschen zugrunde gingen, und die ganze Natur verschüttet zu werden drohte, der menschliche Geist selbst, wie eine schöne Blume, aufzugehn.“

Klarheit, Zerbrechlichkeit in jedem Satz

Eine zerstörte Welt als Utopie. Kleist war der Mann, der in der Welt der Wirklichkeit von Wand zu Wand raste und immer wieder blutig geschlagen zurücktaumelte. Sein ganzes Leben war ja ein Rasen. Früh schon hatte er an seine erste Braut immer wieder geradezu manisch von seinem „Lebensplan“ geschrieben, dem er und sie zu folgen hätten, wohl wissend, dass es für sein Leben diesen Plan nicht gab oder immer nur für Sekunden, bis er wieder durch einen neuen Plan ersetzt wurde. Eine Winzigkeit genügte, um ihn aus der Bahn zu werfen, eine ungeheure Lebensempfindlichkeit, ein Leiden unter Unrecht, Dummheit, Flachheit und Geschwätz trieben ihn weiter und weiter und wieder zurück.

Er wusste, es musste so sein in dieser Welt, aber er hielt es eben nicht aus: „Dadurch daß ich mit Schönheit und Sitte, seit meiner frühsten Jugend an, in meinen Gedanken und Schreibereien, unaufhörlichen Umgang gepflogen, bin ich so empfindlich geworden, daß mich die kleinsten Angriffe, denen das Gefühl jedes Menschen nach dem Lauf der Dinge hienieden ausgesetzt ist, doppelt und dreifach schmerzen.“ Als er dies schrieb, am 10. November 1811 an Marie von Kleist, da hatte er den Kampf schon aufgegeben. Er wollte diesen Schmerz nicht mehr. Aber die Sprache blieb ihm bis zuletzt, diese ungeheure Klarheit und Zerbrechlichkeit noch in jedem Satz.

Keine Freude mehr

Kleist war ein Meister der Nebensatzreihen, der unglaublichsten Komma-Kombinationen, bis kurz vor dem Zusammenbruch, perfekt getänzelt. Manche Sätze lesen sich, als habe der Schreiber Angst vor dem Schlusspunkt. Die Zerbrechlichkeit von allem und das ganze späte Glück des Schänders und Geliebten der Marquise von O... liegt in diesem einen Satz: „Er fing, da sein Gefühl ihm sagte, daß ihm von allen Seiten, um der gebrechlichen Einrichtung der Welt willen, verziehen sei, seine Bewerbung um die Gräfin, seine Gemahlin, von neuem an, erhielt, nach Verlauf eines Jahres, ein zweites Jawort von ihr, und auch eine zweite Hochzeit ward gefeiert, froher, als die erste, nach deren Abschluss die ganze Familie nach V... hinauszog.“

Stocken, fließen, abbiegen, pausieren, weiterziehen - die Sprache von Kleist ist offen, licht, es liegt ein weiter Raum zwischen den Wörtern. Kleist beschreibt alles und beschreibt es drastisch und unbarmherzig, denn so ist die Welt. Und wenn der Erzähler Kleist scheinbar Kompromisse macht, gefriert dem Leser der Blick: Man ist beim Lesen der Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ schon seitenlang hin- und hergeworfen worden, wie immer bei Kleist, zwischen Hoffnungslosigkeit und Paradies, da bricht das fürchterliche Ende über den Liebenden herein: Josephe und Jeronimo sind vom Mob ermordet worden, jetzt noch ein kleines Kind, ein Mann, der Vater, steht in dieser Welt und schaut: „Don Fernando, als er seinen kleinen Juan vor sich liegen sah, mit aus dem Hirn vorquellendem Mark, hob, voll namenlosen Schmerzes, seine Augen gen Himmel.“ Das ist das Ende der Geschichte. Doch Kleist schreibt noch eine halbe Seite weiter, vom Fortleben Don Fernandos, und am Ende „war ihm fast, als müßt er sich freuen“. Ist das eine brutale Rundung der Geschichte, hin zu einer Art Glück? Das ist es nicht, denn die ganze Kälte steckt im „müssen“ und im „fast“. Es gibt da keine Freude mehr.

In Gnaden wieder aufgenommen

Sprache und Erleben, Sprache und Schmerz, Sprache und Schönheit, das war immer eins für Heinrich von Kleist. Gerade in der Niederlage muss die Schönheit gewahrt bleiben. So hatte er sich im Sommer 1804 in aussichtsloser Lage an Friedrich Wilhelm III. gewandt. Er wollte in den Staatsdienst zurück, nachdem er Jahre vorher das Militär verlassen hatte und im Herbst 1803 sogar um Erlaubnis gebeten hatte, die geplante französische Invasion nach England mitzumachen. Der König hielt ihn für wahnsinnig, er ließ seinen Vertrauten, Generalmajor von Köckeritz, mit dem offenbar irrsinnigen Kleist sprechen. Der Major verhöhnte ihn, man höre, dass er „Versche“ mache - das war offenbar noch schlimmer, als für Frankreich zu kämpfen.

Kleist verteidigte sich und seine damalige Geisteslage so (er hat das später in einem Brief an Ulrike von Kleist aufgeschrieben): „Ich hätte bei einer fixen Idee einen gewissen Schmerz im Kopf empfunden, der unerträglich heftig steigernd, mir das Bedürfnis nach Zerstreuung so dringend gemacht hätte, daß ich zuletzt in die Verwechslung der Erdachse gewilligt haben würde, ihn loszuwerden.“ Köckeritz nimmt das nicht mitleidlos auf, sagt Kleist, er könne ja an den König schreiben, allein: er halte das für aussichtslos. Doch Kleist schreibt - und schildert das Ulrike so: „Jetzt habe ich dem Könige nun wirklich geschrieben; doch weil das Anerbieten meiner Dienste wahrscheinlich fruchtlos bleiben wird, so habe ich es wenigstens in einer Sprache getan, welche geführt zu haben, mich nicht gereuen wird.“ Oh, Kleist wusste, was er konnte. Trotz der fundamentalen Erfolglosigkeit, die seinem Werk zu seinen Lebzeiten beschieden war. Seine Sprache war seine Waffe. Natürlich nahm Friedrich Wilhelm III. Kleist nach dessen Brief in Gnaden wieder auf. Bis Kleist eben wieder anderen Plänen folgte. Bis zum Tod.

Genug getrunken

Ja, man muss vom Tod sprechen, wenn man von Heinrich von Kleist spricht. Von seinem Todes- und Auferstehungsstück „Prinz Friedrich von Homburg“, dem vielleicht schönsten deutschen Drama überhaupt. Mit den Versen über die Schönheit jener anderen Welt und die Nutzlosigkeit dieser Schönheit:

Zwar, eine Sonne, sagt man, scheint dort auch,
Und über buntre Felder noch, als hier;
Ich glaub’s; nur schade, daß das Auge modert,
das diese Herrlichkeit erblicken soll.

Am Ende hat er diesen Versen wohl selbst nicht mehr geglaubt. Die Sehnsucht nach jener anderen Welt war größer. Und dann, an diesem letzten Mittag, lassen Henriette Vogel und Heinrich von Kleist sich Tisch und Stühle auf den Hügel bringen, dazu Kaffee und Rum, beide selig, zuversichtlich, sterbensfroh. Als er sich noch ein Fläschchen Rum kommen lassen will, bemerkt Henriette Vogel streng, so überlieferten es die Bediensteten: „Liebes Kind, willst du heute noch mehr Rum trinken, du hast ja schon genug getrunken.“ Und also lässt er’s bleiben. Die Bedienten entfernen sich. Dann hören sie zwei Schüsse.

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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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