28.07.2010 · Carl-Friedrich Gauss war ihm etwas zuvorgekommen, doch seit diesem Mittwoch steht auch Heinrich Heines Büste in der Walhalla. Und der dieser „marmornen Schädelstätte“ durchaus nicht zugeneigte Autor wurde gleich dafür bemüht, preußisch-bayerische Gegensätze zu überbrücken.
Von Oliver JungenDas Feuilleton ist angekommen. Ihr erster Vertreter, so liest sich das dem „amtlichen Führer“ der Walhalla eilig beigelegte Sonderblatt, wurde gestern aufgenommen in die Ruhmeshalle des deutschen Volkes. Doch wie ist Heinrich Heine dort angelangt! In einer rheinländischen Prozession mit karnevalesken Untertönen: Einhundert Düsseldorfer sind eingefallen ins Fantasy-Athen in der Regensburger Walachei, der „Heine-Freundeskreis“, der nach dem Zerwürfnis mit dem Düsseldorfer Stadtrat über die Finanzierung tatsächlich ohne lokalpolitische Unterstützung angerückt ist. Auch der den Heine-Freunden eigentlich geneigte Düsseldorfer Oberbürgermeister zog es vor, nicht zu erscheinen. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, empfing die Abordnung mit den Worten: Man freue sich in Bayern ja stets über Besuch, aber in einer solchen Stärke, da sei man doch wieder leicht verunsichert.
Das Zwiespältige aber war hier Programm. Auch wenn der in den letzten Tagen viel zitierte und zumal in der deutsch-jüdischen Erinnerungskultur nicht gerade originell zu nennende Spalt in der um ihre Mittelachse leicht gedrehten Heine-Büste eher die Andeutung eines Spalts ist, wie sich nach der feierlichen Enthüllung herausstellte, beinahe ein Schmiss, so zählt hier die Intention – und die hat es in sich.
Ein bedeutungsvoller Spalt
Es ging darum, in die „marmorne Schädelstätte“ (Heine) eine Sollbruchstelle einzukerben: ein Haarriss, der sich im Gemäuer fortsetzt und dessen Fundamente destabilisiert. In dieser Weise ließ sich die kurze Ansprache des Bildhauers Bert Gerresheim deuten. Mittels einer „Ethik des Visuellen“, die jeden Betrachter des gespaltenen Dichters sich selbst in Frage stellen lasse („Du wirst, was du siehst“), verwandele sich der nationale Ruhmestempel in eine moralische Anstalt: „Warum auch nicht?“ Heine selbst, verkörpert durch den Schauspieler Rainer Goernemann, unterstrich die subversive Absicht: „Wenn einst erscheint der rechte Tag; / Dann sollt ihr meine Stimme hören / Das Donnerwort, den Wetterschlag. / Gar manche Eiche wird zersplittern / An jenem Tag der wilde Sturm, / Gar mancher Palast wird erzittern / Und stürzen mancher Kirchenturm!“ Das war vielleicht etwas viel Revoluzzertum so früh am Morgen.
Ein Spalt aber, einmal entdeckt, lässt sich tatsächlich plötzlich überall wiederfinden. Er zieht sich auch durch die Vorgeschichte der Aufstellung dieser Büste. Schließlich hatte im Jahre 2006 die Bayerische Akademie der Wissenschaften den Mathematiker Carl Friedrich Gauß vorgeschlagen. Dann kam ihr durchaus regelwidrig die Bayerische Akademie der Schönen Künste in die Quere. Deren Vorsitzender, Dieter Borchmeyer, wandte sich in einem offenen Brief direkt an Seehofers Vorgänger Edmund Stoiber und argumentierte, Gauß’ Triumph – auch wenn jüngst durch Daniel Kehlmann populär geworden – sei „so total, dass er nicht auch noch durch eine Büste in der Walhalla bekundet werden muss". Dagegen sei es überfällig, einen der größten Virtuosen jener „teutschen Zunge“ in die Runde der großen Deutschen aufzunehmen. Weil der bayerische Landtag seinerzeit salomonisch beschloss, beide Vorgeschlagenen aufzunehmen, wartete Gauß bereits auf den Neuankömmling.
Die Walhalla braucht Heine
Borchmeyers Festansprache war im Grunde eine Wiederholung der früheren Argumente: Heine, der große Europäer, der zugleich deutscher Herzenspatriot geblieben sei, brauche nicht die Walhalla, aber diese ihn. Auch Borchmeyer deutete an, die gesamte Walhalla-Erinnerungskultur sei nunmehr erschüttert. Doch nicht nur der Riss zwischen den Wissenschaftskulturen, auch jener uralte zwischen (Rhein-)Preußen und Bayern wurde wieder sichtbar. Ein wenig misstrauisch nämlich habe man an der Donau die Aktivitäten des Heine-Freundeskreises beobachtet, ließ deren – äußerst rheinländischer – Vorsitzender Karl-Heinz Theisen im Vorfeld wissen. Doch jetzt, siegreich, gab er sich versöhnlich: „Heute ist alles vergessen und ist alles gut.“
Aber auch sonst ist Heine der rechte Mann, den Bayern-Preußen-Gegensatz zu überbrücken. Schließlich übergoss der Dichter beide Seiten mit derselben Häme. Die Wittelsbachern wie Hohenzollern so immanente Nationalreligiosität, die hüben wie drüben im heldentrunkenen neunzehnten Jahrhundert zu Stein erstarrte – verniedlichtes Athen versus verballhorntes Rom –, fand in Heines Schriften einen brillanten Widerpart. Dabei rücken die Berghöhle des Endzeit-Kaisers im Stand-By-Modus und jene Wohnstatt für die tapfersten Gefallenen Germaniens sehr eng zusammen, zwei Rudimente derselben Vormoderne.
Ein Lazarus-Heine ist es geworden
Dem Alten steht in Heine programmatisch das Junge gegenüber, dem Mythos der Witz, der Autorität der Stil, dem Gesetz die Meinung, der Nationalkultur das Feuilleton. Doch dargestellt hat Gerresheim eben nicht den jungen Heine, ganz im Gegenteil: Ein Lazarus-Heine ist es geworden, einer, der zurückblickt, zweifelt. Ein alter Mann mit Vollbart sieht uns an, etwas Frömmelndes ist auch an ihm. Das hat seine Berechtigung, aber hier? Hat man damit nicht die geplante Subversion vergeigt? Wo ist der aufbrausende Heine, der zu den schärfsten Waffen greift, wenn immer ihm jemand in die Quere kommt, ob Platen, Börne oder König Ludwig I.? Mit diesem gespaltenen Heine wird jeder leben können, selbst die Nationalelite in der Walhalla.
Der wohl überragendste bayerische Politiker, Graf Montgelas, hat die Geschichte Bayerns eine „Geschichte verpasster Gelegenheiten“ genannt. Verpasst hat König Ludwig I. 1828 zumindest die Gelegenheit, Heine gütlich zu stimmen, ihm die erhoffte Professur zu übertragen. Der bayerische Innenminister Eduard von Schenk hatte sich damals mit einem Gesuch an seinen König gewandt, das so anders nicht klingt wie das Ersuchen Borchmeyers: Ein „wahrer Genius“ walte in diesen Schriften, „einige Auswüchse und Verirrungen“ gebe es freilich, doch eben deshalb bedürfe es der schützenden Fürstenhand. Doch der König lehnte ab und Heine mähte ihn nieder, dass er sich – für alle Zeit zum Kunsteunuch und Primaten degradiert – nie wieder davon erholen sollte.
Jetzt erst war Gelegenheit, Heine doch noch eins auszuwischen, ihn einzukerkern in diesen seltsam deplazierten und stillosen Bau an der Donau – und sie wurde nicht verpasst. Man kann die Aufnahme der Büste auch gegen die hehren Intentionen der selbsternannten Freunde bürsten, zumal die dauernde Betonung des Subversiven, die Unterstellung, Heine hätte seine „diebische Freude“, ein rechter Eiertanz war. Seine Freude hatte jedenfalls König Seehofer: „Wir in Bayern nehmen Heinrich Heine als Ganzes.“ Und damit nehmen ihn die Bayern ein wenig auch den Düsseldorfern weg.