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Ausstellung zu Stefan George : Hinterm Horizont geht’s weiter

Ein Planet mit den Trabanten George, Rilke und Gundolf: Elisabeth Salomon 1924 in Isola Farnese Bild: Thomas Hatry

Eine erstaunliche Heidelberger Ausstellung zeigt die Wirkungsgeschichte Stefan Georges – und hält ein wichtiges Dokument zu seiner Bedeutung für den Widerstand gegen Hitler bereit.

          Wenn es um Stefan George geht, sind Meinungen schnell bei der Hand, auch wenn sie oft nur auf Hörensagen beruhen. Die Frage, ob man seiner noch gedenken sollte, beantwortet sich indessen von selbst – zumindest wenn man sich für Geistesleben im frühen zwanzigsten Jahrhundert und weit darüber hinaus sowie für Grundkonflikte der Moderne interessiert, wird man kaum um ihn herumkommen und immer wieder in ganz verschiedenen Kontexten auf ihn stoßen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Was man wissen kann über George, was man überhaupt wissen kann über ein ganzes Leben zwischen 1868 und 1933, ist naturgemäß überaus heterogen und voller Widersprüche. War er ein Vorbild für sogenannte Rechtskonservative und ist es bis heute? Ja. War er ein Vorbild für den Widerstand gegen Hitler und für die „Weiße Rose“? Ebenfalls ja. War er ein großer Dichter? Viele meinen ja; darüber kann man freilich streiten. Unbestreitbar ist die Wirkung Georges auf seine Mitmenschen und die Nachwelt. Wie stark sie war, ist besonders in Heidelberg, das in seinem Leben von der Zeit um 1900 bis kurz vor seinem Tod eine herausragende Rolle spielte, zu beobachten und tritt einem nun in einer dortigen Ausstellung sehr anschaulich entgegen.

          Sie bedeutete zum Beispiel: dass künstlerisches und alltägliches Leben sich verbinden. Dass man seine gesamte Existenz durchgestaltet, etwa auch in einer ganz eigenen Sprache und Schrift. Dass man in dieser Sprache und Schrift selbst dichtet, sei es originell oder epigonal. Dass man Nächte im Wald verbringt und dort Shakespeare aufführt bis zum Morgengrauen, dann im ersten Sonnenlicht zum Neckar herunterwandert (so geschehen um 1910). Dass man in Heidelberg-Handschuhsheim Espressotassen töpfert (um 1990).

          Konflikt zwischen Freundschaft, Liebe und Ehe

          Dass man womöglich ein prekäres Verständnis von Schüler-Lehrer-Beziehungen entwickelt, zur fragwürdigen Verehrung eines „Meisters“ gelangt. Dass man in Konflikt gerät zwischen einem musisch-dichterischen Leben und einem als Wissenschaftler, so wie es Friedrich Gundolf geschah, Georges beizeiten engstem Freund, der ein sehr einflussreicher Germanist war. Dass man in einen Konflikt gerät zwischen Freundschaft, Liebe und Ehe so wie Elisabeth Salomon, die mit George befreundet war, mit Gundolf eine offene Beziehung pflegte und diesen schließlich doch heiratete. Dass man sich Künstler- und Kosenamen gibt: Zu Gundolf wurde Professor Gundelfinger erst auf Anraten Georges, er selbst nannte sich auf Postkarten an seine Tochter „Gundel“, Elisabeth Salomon wiederum wurde ihm zu „Musel“.

          Über diese in vieler Hinsicht erstaunliche, fortschrittliche Elisabeth Salomon gibt es in der Ausstellung eine ganze Vitrine. Sie enthält teils noch nie Gesehenes von der Wirtschaftswissenschaftlerin und Schriftstellerin, mit der Rainer Maria Rilke in Luzern Maulwürfe ausgrub und für die er zwei Gedichte schrieb. Stefan George, den sie in Berlin kennenlernte, wurde ihr zum pragmatischen Helfer, etwa beim Reparieren ihrer Schreibmaschine oder Einschrauben von Glühbirnen. Er las auch ihre Doktorarbeit über die Papierindustrie des Riesengebirges Korrektur (so viel zu Georges angeblich grundsätzlicher Misogynie).

          Friedrich Gundolf, aufgenommen 1926 von Dora Horowitz und Trude Geiringer

          Dass George wegen Salomons Heirat mit Gundolf die Beziehung zu diesem abbrach, erzählt man sich seit langem, wie es aber genau war, ist so unklar wie noch vieles aus ihrem Leben, das von einem freigeistigen Internat über Berlin, München und Italien nach Heidelberg führte und im englischen Exil endete. Klar ist, dass Salomon zumindest George nichts nachtrug; bei einem Vortrag in Oxford 1944 wies sie den Vorwurf, dieser sei ein Vorläufer der nationalsozialistischen Ideologie gewesen, entschieden zurück.

          Aufruf zum Widerstand

          Elisabeth Salomon ist nur eine von mehreren Heidelberger Figuren, deren Beziehungen zu George hier ins Licht gesetzt werden – darunter sind neben Gundolf auch noch Edgar Salin, Ernst Kantorowicz und Anna Schellenberg. Der Titel der Ausstellung, der diese Figuren als Trabanten Georges ausweist, wirft freilich auch eine kritische Frage auf: nämlich wer hier eigentlich – nimmt man etwa Salomon als Beispiel – wessen Trabant war.

          Die Ausstellung, die zu großen Teilen auf der außergewöhnlichen Sammlung des Heidelberger Antiquars Thomas Hatry beruht und von diesem gemeinsam mit dem ehemaligen Heidelberger Kulturamtsleiter Hans-Martin Mumm kuratiert wurde, hält neben vielen seltenen Erstausgaben einige auratische Unikate bereit (eine Likörflasche der Firma Kantorowicz in Posen, ein vom George-Buchgestalter Melchior Lechter erstelltes Horoskop für die später berühmte Pianistin Dorothea Braus). Am besten erschließt sich ihre Aura bei einer der informierten Führungen mit den Kuratoren.

          Ganz klein und unscheinbar liegt dann in einem Kasten noch eine echte Sensation, die für die George-Rezeption sowie die Frage nach dem „geheimen Deutschland“ von größter Bedeutung ist: ein Flugblatt der englischen Luftwaffe, das während des Zweiten Weltkriegs über Deutschland abgeworfen wurde und sich nur äußerst selten bis heute erhalten hat. „Die andere Seite“ war es betitelt und sollte den Deutschen eine kritische Sicht auf Hitler und dessen Vernichtungskrieg ermöglichen. Auf der Rückseite findet sich Stefan Georges Gedicht „Der Widerchrist“ – hier ganz klar zu verstehen als Aufruf zum Widerstand. Das ist eine nicht ganz unerhebliche Information über die Wahrnehmung jenes Dichters, der heute noch immer gern in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt wird. Nicht nur die Engländer damals haben das wohl ganz anders gesehen.

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